Persönliche Assistenz ist kein Beruf wie jeder andere. Olivia Fürnschuss ist Persönliche Assistentin und hat Projekt Gink-Go! einen Einblick in ihre wichtige Arbeit gewährt. Es ist uns daher ein besonderes Anliegen, auch die Perspektiven einer Persönlichen Assistenz zu beleuchten, um ein Verständnis für diesen besonderen Beruf zu bekommen.
Meine liebe Freundin, Frau Alexandra Steiner, hat mich darum gebeten, einige Sätze zu meiner Arbeit als Persönliche Assistentin niederzuschreiben. Ich werde es versuchen und hoffe, dass meine Erfahrungen interessant und vielleicht sogar hilfreich für zukünftige Assistenten und Assistentinnen und Kunden und Kundinnen sind.
Bevor ich vor fast drei Jahren in Wien als Persönliche Assistentin zu arbeiten begann, hatte ich nie etwas von " selbstbestimmt leben" oder "leben mit persönlicher Assistenz" gehört. Ich hatte auf ein Inserat in der ÖH-Jobbörse geantwortet und wurde daraufhin von der WAG kontaktiert. Damals war ich 22 und wollte einen Job, der es mir ermöglichte, das Stadtleben zu genießen. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit der Arbeit als Persönliche Assistentin kennengelernt habe.
Natürlich ist die Situation anfangs für beide Seiten ungewohnt und unsicher; einen zunächst fremden, anderen Menschen so nah an sich ranzulassen, ist für die Klientin sicherlich eine Herausforderung, aber auch ich als Assistentin war anfangs sehr nervös. Immerhin gilt es, schnell zu lernen, Dinge so zu erledigen, wie sich jemand anders das vorstellt. Das Feedback kommt meistens schnell und direkt, und oft ist die Klientin da, um dir bei der Arbeit über die Schulter zu schauen.
Je nach Person sind es andere Hilfeleistungen, die von der Assistentin verlangt werden, zum Beispiel Kochen, Bügeln und andere Haushaltsarbeiten, Hilfe bei der Körperhygiene, beim Anziehen, Arztbesuche, Autofahren oder Assistenz am Arbeitsplatz und bei Freizeitaktivitäten.
Allgemein gesprochen ist es die Aufgabe der Assistentin, sich so gut wie möglich an den Tagesablauf und die Aktivitäten der Klientin anzupassen, um ihr so die Möglichkeit zu geben, ihren " Way of Life", ihre Freiheit beizubehalten. Genau dafür sind wir Assistenten da. Dazu benötigt man unter anderem Flexibilität, eine schnelle Auffassungsgabe, Geschick, Verantwortungsbewusstsein und viel Einfühlungsvermögen.
Es gibt wahrscheinlich so viele Arten, seine Schuhbänder zu schnüren oder eine Wurstsemmel zu belegen, wie es Menschen gibt. Auch wenn es anfangs ungewohnt ist: Es kann sehr spannend sein, die Welt einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten und Dinge, die man für sich selbst schon tausende Male gemacht hat, einmal ganz anders zu tun. Dies ist für mich ein besonders reizvoller Aspekt der Arbeit als Persönliche Assistenz.
Gegenseitiger Respekt und Verantwortung
Da die Klientin bei allen Aktivitäten das letzte Wort hat, sollte sie sich auch der damit verbundenen Verantwortung für die Assistentin bewusst sein. Als Persönliche Assistenz wiederum dringst du in die Privatsphäre eines anderen Menschen ein, und es sollte selbstverständlich sein, dass allzu große Neugier hier fehl am Platz ist – von vertraulichen Daten oder persönlichen Informationen ganz zu schweigen. Sowohl die Klientin als auch die Assistentin möchte als Mensch geachtet und mit Respekt behandelt werden.
Nähe und Distanz
Zugegeben: Dieses Thema ist für mich immer wieder ein Knackpunkt. Wie verhalte ich mich einer Person gegenüber, mit der ich so viel Zeit verbringe, der ich so Nahe bin, von der ich so viel weiß, mit der ich viel Freude und auch gewisse Sorgen teile?
Ich persönlich sehe mich mittlerweile als Freundin mit besonderen Pflichten und Rechten. Im Endeffekt ist das aber natürlich eine individuelle Sache zwischen Klientin und Persönlicher Assistenz. Manche Klientinnen wünschen sich sogar ein eher distanziertes Verhältnis zu ihren Persönlichen Assistenten. Meiner Erfahrung nach merkt man allerdings schon bei den ersten Treffen, wie sehr der Funke überspringt und was einen als Persönliche Assistentin erwartet.
Verlässlichkeit und Flexibilität
Natürlich ist es für eine Persönliche Assistenz notwendig, verlässlich, pünktlich und gewissenhaft zu sein. Nur wenn die Klientin sich darauf verlassen kann, dass zum Beispiel zeitig vor der Arbeit jemand da ist, der ihr beim Aufstehen, bei der Körperhygiene oder beim Frühstück hilft, hat es überhaupt einen Sinn, Persönliche Assistenten einzusetzen. Deshalb sollte man sich als angehende Persönliche Assistenz unbedingt darüber im Klaren sein, dass Verschlafen oder unentschuldigte Abwesenheit einem anderen Menschen ernste Probleme bereiten kann.
Manchmal kommt es auch zu unerwarteten Ereignissen, und deshalb ist Flexibilität seitens der Assistentin auf jeden Fall von Vorteil. Besonders, wenn die Klientin erkrankt und zwischen ihr und der Persönlichen Assistentin schon ein Vertrauensverhältnis besteht, ist eine fremde Person als Vertretung keine angenehme Lösung.
Es ist für mich ein schönes Gefühl, von der Arbeit nach Hause zu gehen und daran zu denken, was "wir" an diesem Tag erlebt haben. Assistenz ist nicht bloß irgendein Job, sie ist eine Herausforderung für beide Seiten. Als Assistentin hast du am Leben eines anderen Menschen Anteil, bist "ein Teil davon", mit vielen Freuden und auch so manchen Schocks. Für mich als Persönliche Assistentin bedeutet meine Arbeit persönliches Wachstum und das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Für die Klientin bedeutet meine Arbeit (hoffentlich) mehr Freiheit.
Ich wünsche dem Projekt Gink-Go! an dieser Stelle alles Gute für die Zukunft und bedanke mich für die Möglichkeit, einen kleinen Einblick in die "andere Seite" der Assistenz geben zu dürfen.
Verfasst von Olivia Fürnschuss am 16. Jänner 2007.