"Wir haben die Zukunft selbst in der Hand."
CareTec ist ein österreichisches Unternehmen, das sich auf die Entwicklung und den Vertrieb von verschiedenen technischen Geräten für blinde und sehbehinderte Menschen spezialisiert hat. Die Firma bietet sowohl kleine wie auch große Hilfen, die den Alltag der Betroffenen vereinfachen.
Es handelt sich hierbei aber auch um Produkte, die von nicht behinderten Menschen gleichermaßen genutzt werden können und auch genutzt werden.
Das Unternehmen stellt durch die bunte Produktpalette eine interessante und wahrscheinlich einzigartige Verbindung zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten her. Die Hilfe, die durch dieses Unternehmen geboten wird, hat einen anderen Aspekt als etwa die Hilfe von Organisationen oder die Hilfe der öffentlichen Stellen. Dieser Aspekt ist sehr wichtig, da der Mensch mit Behinderung auch ein Wirtschaftsfaktor ist. Deshalb haben wir im Mai 2006 mit Herrn Volker Litschel ein Interview geführt.
Herr Litschel hat uns einen Einblick in das Wirken von CareTec gewährt.
Agata: Was ist CareTec? Wie entstand CareTec?
Volker Litschel: CareTec entstand aus einer Gruppe von Wissenschaftlern der Technischen Universität Wien und meinem Vater als kaufmännischen Verantwortlichen. Die Idee war die kommerzielle Umsetzung von Entwicklungen im Bereich der Hilfsmittel für sinnes- und mehrfach behinderte Menschen. Letztendlich sind die Entwickler seitens der Technischen Universität abgesprungen und mein Vater ist übrig geblieben.
Trotzdem sieht sich CareTec als Entwicklungsunternehmen für Produkte im Blindenbereich. CareTec hat mittlerweile eine große Anzahl von Produkten mit Sprachausgabe wie z.B. sprechende Waagen, sprechende Blutdruck- und Blutzuckermessgeräte sowie sprechende Farberkennungsgeräte, weiters Produkte mit Signalton wie "Wooffy", akustische Batterietester oder Produkte mit einer taktilen Markierung wie z.B. "CashTest".
Agata: Da Sie schon bei der Beschreibung Ihrer Produkte sind, was ist ein "CashTest"?
Volker Litschel: Der "CashTest" hilft bei der Identifizierung von Banknoten und Münzen. Da sowohl die Banknoten als auch die Münzen sich in Länge und Breite bzw. in der Größe unterscheiden, kann man mittels des "CashTests" den jeweiligen Wert anhand von taktilen Markierungen erkennen.
Diese ertastbaren Markierungen sind Zahlen in Braille. Doch viele Menschen beherrschen die Blindenschrift nicht, deshalb ist der "CashTest" mit zusätzlichen ertastbaren Symbolen versehen. Diese kennzeichnen den jeweiligen Wert.
Unsere Produkte mit Sprachausgabe haben wir in bis zu 27 Sprachen.
Agata: Für welche Menschen bieten Sie Ihre Geräte an? Mit welcher Art von Behinderung?
Volker Litschel: Es werden hauptsächlich Produkte für Blinde und Sehbehinderte angeboten. Wir haben aber auch einige Artikel für gehörlose oder schwerhörige Menschen.
Agata: Verkaufen Sie Ihre technischen Erzeugnisse nur, oder betreuen Sie Ihre Kunden auch in irgendeiner Form?
Volker Litschel: Wir verkaufen unsere Produkte über ein Händlernetz in ganz Europa, Nordamerika und Teilen Asiens. Selbstverständlich betreuen wir auch unsere österreichischen Kunden, direkt oder über unsere Tochterfirma Marland. Dies ist die größte Versandfirma im deutschsprachigen Raum in unserer Branche.
Agata: Gibt es ein Produkt, welches Sie persönlich als Ihren "Favoriten" sehen?
Volker Litschel: Mein Favorit ist zumeist das letzte Produkt, an dem ich "Hebamme" spielen durfte; in diesem Fall ist es der "Nano", ein kleiner Organizer.
Agata: Der kleine Organizer, wofür wird dieser konkret verwendet? Arbeiten Sie immer an der Entwicklung Ihrer Produkte?
Volker Litschel: Diesen kleinen Organizer kann man als Adressbuch, für kurze gesprochene oder schriftliche Notizen und als Terminkalender verwenden. Weiters hat er zusätzliche Funktionen wie Uhrzeit, Datum, Stoppuhr etc. Zum Entspannen gibt es auch ein paar Spiele.
Bei der Entwicklung der Produkte ist es immer wichtig zu erahnen (wissen kann man es nie hundertprozentig), welche Bedürfnisse der Nutzer hat bzw. was wichtig für ein Produkt ist. Somit sind bei uns alle im Unternehmen Arbeitenden, auch unsere Testpersonen, an der Entwicklung unserer Produkte beteiligt.
Agata: Welches ist das meistverkaufte Produkt?
Volker Litschel: Dies variiert je nach Land und Interessenslage. Insgesamt verkaufen sich alle unsere Produkte gut. Auch gibt es Produkte, die wir nur in Österreich weiterverkaufen, die in großen Stückzahlen verkauft werden wie sprechende Uhren oder der "Daisyspieler".
Agata: Kaufen bei Ihnen nicht behinderte Menschen auch ein?
Volker Litschel: Ja, sicher, wir wollen sie ja nicht diskriminieren! (mit einem Lächeln)
Agata: Wie haben sich die Produkte, die Sie anbieten, in den letzten Jahren entwickelt? Welche Verbesserungen hat es gegeben?
Volker Litschel: Wir haben in den letzten Jahren sehr viele Sprachen bei unseren Produkten hinzugefügt.
Da jede neue Sprache mehr oder weniger ein neues Produkt ist und für uns einen neuen Markt öffnet, ist dies für uns eine wichtige Entwicklung. Auch wurde die Anzahl der Produkte erhöht, weniger an wirklich sichtbaren Verbesserungen dieser gearbeitet. Derzeit haben wir für 2006 drei neue Produkte auf den Markt gebracht; wir hoffen, dass es weitere neue Produkte in diesem Jahr geben wird.
Agata: Wie sehen Sie die weitere Entwicklung der Produkte, die Sie anbieten? Was kommt noch auf uns zu? Neue Techniken, neue Möglichkeiten?
Volker Litschel: Wir haben noch eine lange Liste an weiteren Entwicklungen, manche im "Low-Tech"-Bereich, manche im "High-Tech"-Bereich.
Wir werden uns auch den neuen Technologien wie USB, Bluetooth etc. zuwenden.
Agata: Könnten Sie den Lesern die Begriffe "Low-Tech" und "High-Tech" näher erläutern?
Volker Litschel: Wir unterscheiden zwischen "Low-Tech" und "High-Tech", wobei "Low-Tech" zumeist triviale Entwicklungen, also Lebenshilfen beinhalten, die aber aufgrund ihrer Unkompliziertheit durchaus überzeugen. Hier wäre beispielsweise der CashTest angesiedelt. "High-Tech"-Produkte bedürfen eines großen Entwicklungsaufwandes und haben dann durchwegs einen höheren Ertrag, aber selbstverständlich auch ein höheres Risiko.
Agata: Gibt es eine Methode, die Ihnen dabei hilft herauszufinden, was gerade auf dem Markt gebraucht wird (vielleicht Marktforschung)? Stehen Sie zum Beispiel in Verbindung zu Organisationen, die sich mit der Thematik beschäftigen?
Volker Litschel: Wir bewegen uns hier ein wenig intuitiv, dem Gefühl folgend. Weiters wissen wir aufgrund unserer Reisen ins Ausland, was international angeboten wird, auch durch Nachfragen unserer Kunden – aufgrund von Zusammenarbeit mit Organisationen leider gar nichts.
Agata: Warum gibt es keine Zusammenarbeit mit den Organisationen? Denken Sie nicht, dass es wichtig wäre, intensiver an die Zielgruppen heranzukommen, eben durch eine verstärkte Zusammenarbeit mit den betreffenden Stellen?
Volker Litschel: Eine Zusammenarbeit mit einer Organisation bedingt nicht ein Herankommen an die Zielgruppe. Vielfach teilen Unternehmen und Organisationen andere Interessen, was eine enge Zusammenarbeit auch behindern kann. Trotzdem ist eine Zusammenarbeit mit einer Organisation, in welchem Bereich dies stattfinden kann, wünschenswert, aber leider noch nicht vorgekommen.
Agata: Was verbinden Sie mit dem Ausdruck "Barrierefreiheit", vor allem im Dienstleistungsgeschäft?
Volker Litschel: Barrierefreiheit ist für uns wichtig, sei es das Internet, wo wir als (meiner Meinung nach) einziges Unternehmen einen barrierefreien Webshop haben, bald sogar mit barrierefreiem elektronischen Bezahlen. Auch im Geschäft sind in den letzten Jahren gewisse Veränderungen durchgeführt worden, wobei wir hier noch nicht von einem Geschäft im klassischen Sinne reden können, sondern eher von einem Büro mit Kaufmöglichkeiten. Hier wird sich in diesem Jahr noch einiges tun.
Agata: Können Sie etwas genauer auf die von Ihnen erwähnten Änderungen eingehen? Was haben Sie vor?
Volker Litschel: Hier gewisse zukünftige Änderungen vorweg zu nehmen, entspricht nicht unserem Tun. Eher wollen wir erfolgreich weiterarbeiten und dann darüber reden.
Grundsätzlich wollen wir unser Sortiment der Lupen und elektronischen Sehbehelfe erweitern, da hier zum Teil viel spezifischere Anforderungen herrschen. Langfristig wollen wir versuchen, uns auch gegenüber anderen – sogenannten Randgruppen – zu öffnen, wobei hier natürlich immer Rücksicht auf die jeweilige Gruppe genommen werden muss. Auch wenn manche Produkte für einen größeren Kundenkreis in Frage kommen, wollen alle ihren Anforderungen gemäß behandelt werden. Dies lässt sich am leichtesten im virtuellen Raum, also im Internet, abbilden. Hier im Geschäft werden wir auf alle Fälle die Räumlichkeiten für unser breites Sortiment haben. Der jeweilige Kunde hat dann Platz, Zeit und vor allem die Ruhe, sich gewisse Produkte anzuschauen bzw. auszuprobieren.
Agata: Wie sehen Sie Ihr Unternehmen in der Zukunft?
Volker Litschel: Wir haben die Zukunft selber in der Hand, was viele Unternehmen nicht von sich behaupten können. Es bedarf aber noch jeder Menge Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. Grundsätzlich wollen wir so viele Produkte wie möglich auf den Markt bringen und diese den Menschen zugänglich machen.
Agata: Welche Erfahrungen haben Sie beruflich mit behinderten Menschen gemacht?
Volker Litschel: Unser längsdienender Kollege ist schwerhörig, auch hatten wir einen tauben und werden bald auch wieder einen blinden Mitarbeiter haben. Diese Kollegen sind Menschen wie "du und ich", haben ihre Fehler und Macken, sind letztendlich aber doch eine Bereicherung für das gesamte Team.
Agata: Haben Sie auch im privaten Bereich Erfahrungen mit behinderten Menschen gemacht? Welche waren das?
Volker Litschel: Ich hatte vor meinem beruflichen Engagement Kontakt mit körperlich behinderten Kindern, auch war ich einige Zeit "Essen auf Rädern"-Zusteller, somit in Kontakt mit sogenannten Randgruppen. Beides möchte ich aufgrund der erlebten Erfahrungen und Lebensfreude nicht missen. Beruflich hat man ja viel Kontakt mit Blinden und Sehbehinderten, wobei sich bei vielen eher eine freundschaftliche Beziehung als eine "geschäftsmäßige" ergeben hat.
Agata: Welche Wünsche und Hoffnungen haben Sie für das Zusammenleben von behinderten und nicht behinderten Menschen?
Volker Litschel: Es sollte eine offene Diskussion über die Integration von behinderten Menschen geben. Dies ist wahrscheinlich sogar wichtiger als die materielle Unterstützung, wobei die natürlich nicht zu kurz kommen sollte.
Nähere Informationen über CareTec finden Sie unter: http://www.caretec.at
Infos zum Interview: Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.
Gesprächspartnerin: Agata Nowak
Quelle: Bilder wurden von CareTec zur Verfügung gestellt.
Das Interview erscheint am 14. August 2006.