Hallo liebe Leserin, lieber Leser,
einige Zeit Pause brauchte ich hier, um gesundheitlich wieder so fit zu werden, damit ich wieder mit Freude Beiträge für Projekt Gink-Go! schreiben kann. Mir ging es überhaupt nicht gut. Meine zwanghaften Gedanken und Handlungen waren so schlimm, dass ich kaum noch etwas im Alltag bewältigen konnte. Auch zwischenmenschliche Kontakte waren sehr belastend für mich geworden. Ich entschloss mich also, wieder mal in eine Psychotherapieklinik zu gehen. Dreimal war ich mit dieser dann schon stationär in Behandlung. Meine Hoffnungen auf Besserung schwinden ja mit jedem Versuch, mich stationär behandeln zu lassen, aber nun gut – zu Hause hielt ich es auch nicht aus. Zeitweise hatte ich Angst, mir etwas anzutun. Also bleibt einem nichts anderes übrig, als sich wieder "einweisen" zu lassen, wenn ambulante Therapeuten nicht in der Lage sind, jemandem weiterzuhelfen oder auch nur Termine in vernünftigen Zeitintervallen zu geben. Wäre alles oftmals nicht nötig, wenn die Versorgung mit Therapeuten nicht so schlecht wäre – mal abgesehen davon, dass kaum einer weiß, wie man Zwangsstörungen behandelt.
Aber auch meine drei Besuche in Kliniken waren nicht sehr von Erfolg gekrönt, und so möchte ich Euch mal davon berichten, wie das so aussieht und warum klinische Psychotherapie noch so oft versagt, wo Hilfen doch eigentlich gar nicht so schwer anzubringen sind. Immerhin leide ich schon seit 8 Jahren daran, ohne je Besserung erfahren zu haben. Ich habe mich auch dazu entschlossen, nur noch ambulant etwas zu tun, denn der Rest artet in Kosten aus, die nur in den Wind geschossen sind. Ich möchte hier natürlich nicht alles über einen Kamm scheren, sicher gibt es auch gute Kliniken, die helfen können. Nur die Statistik sagt etwas anderes: Kaum ist jeder Dritte aus der klinischen Therapie entlassen, kommt er nach ca. einem halben Jahr wieder. Jeder Zweite fühlt sich kaum gebessert.
Ich möchte darauf aufmerksam machen und schwerpunktmäßig an der Zwangsstörung zeigen, wie mein letzter stationärer Aufenthalt lief und warum ich immer noch nicht gesünder geworden bin.
Deshalb heißt es für mich: Zwangsstörung und was dann? Denn irgendwie ist man mittlerweile doch noch sehr allein gelassen, wenn man psychische Probleme hat. Dies liegt daran, dass diese Themen immer noch tabuisiert werden und die Gelder fehlen. Die Behandlung ist nicht individuell, sondern sporadisch und völlig ideenlos. Aber seht einfach selbst.
Die letzte Psychotherapieklinik, in der ich war, besaß insgesamt fünf verschiedene Stationen: eine allgemeine (Sammelsurium für alles), zwei Suchtstationen sowie eine geschlossene und eine Psychotherapiestation, welche noch nicht mal im selben Haus war. Ich kam zuerst für die ersten vier Wochen meines über dreimonatigen Aufenthaltes auf die allgemeine Station. Dass diese Station wirklich nur allgemein ist, sollte ich noch später erfahren.
Ich war ja überhaupt erst mal froh, aus meinem häuslichen Umfeld weg zu können und an einem neutralen Ort zu sein. Das war schon weniger belastend für mich. Trotzdem war ich gekommen, und das mit akuten Zwangsgedanken und -handlungen. Warum passierte die ersten zwei Tage dann nichts? Ich beschloss, mich ein wenig umzusehen, und ich erfuhr echt Erschreckendes.
Auf dieser Station gab es alles: Patienten mit Schizophrenie, Depressionen, Borderline, Wahnvorstellungen, Impulsstörungen und Suchterkrankungen, nur keine strukturierte Behandlung. Ich war total geplättet. Sehr unorganisiert, das Ganze. Manche Menschen waren auf dieser Station über 2 Monate, ohne je eine richtige Psychotherapie erfahren zu haben. Medikamente, ja, das haben sie bekommen. Und dann muss man nur ein paar Monate abwarten und dann ist alles wieder gut. Viele von diesen Menschen sind nach ihrer Entlassung nicht lange weg gewesen und kamen wieder in Behandlung. Da kann ich nur den Kopf schütteln, das grenzt an Ärztepfusch! Ihr werdet es nicht glauben, aber nach drei Tagen hatte ich mein erstes Therapiegespräch ...
10 Minuten lang erkundigte man sich nach meinem Befinden und ich erzählte, was man in so kurzer Zeit denn so berichten kann. "Na, dann erhöhen wir Ihr Medikament noch ein wenig." Eines wusste ich: Ich will hier weg! Der Tag war so schlecht gemacht: morgens Frühstück, dann Mittag und Abendbrot. – Oh, ich vergaß, morgens gab es die sogenannte Morgenrunde. 5 Minuten lang konnte man berichten, wie es einem gerade so geht. Zwischendurch gab es natürlich auch vielfältige Angebote: Spazierengehen, Arbeitstherapie (Holzarbeiten) und Bewegung. Von Psychotherapie war hier nichts zu sehen! "Was hilft mir Bewegung und Werken beim Besiegen meiner Zwänge? Kein Wunder, dass die Patienten hier nicht gesund werden", dachte ich so bei mir. "Mit diesen Therapieangeboten wird das auch nichts." Selbst bei der Bewegungstherapie mussten wir Patienten Übungen vorschlagen, weil die Anleiterin keine wusste. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass die Patienten hier nur mit ihren Krankheiten verwaltet werden – keine Spur davon, dass diese mit ihren Krankheiten individuell gesehen wurden und eine entsprechende Behandlung bekamen. Ich hatte während der ganzen Zeit mehr mit einer Krankenschwester zu tun, als mit einer Therapeutin. Das sagt schon viel aus. Niemand dort wusste auch nur in Ansätzen über meine Zwangsstörung Bescheid, und wenn doch, taten sie nichts dafür, um meine gesundheitliche Lage zu bessern. Es überrascht daher nicht, dass man als Patient schnell das Gefühl bekommt: "Na, hier bin ich wenigstens weggesperrt, bekomme Medikamente und Essen. Helfen, das kann mir eh niemand." Dabei hilft in vielen Fällen schon eine intensive Psychotherapie, um schlimmeren Erkrankungen vorzubeugen. Nur sind die Kliniken dazu wohl nicht in der Lage. Es fehlt an qualifiziertem und motiviertem Personal, an Geld und einfach auch am Qualitätsmanagement.
Zwischendurch hörte ich, dass es in dieser Klinik eine spezielle Psychotherapiestation gibt. – War ich erleichtert! Endlich würde mich jemand verstehen ... Der Hammer ist ja, dass ich mich selbst um die Behandlung in dieser Station kümmern musste, keine Überweisung aufgrund meiner Symptome, einfach nichts! Dabei war es offensichtlich, dass meine Zwangsstörung einer speziellen Therapie auf dieser Station bedarf. Hätte ich nichts getan, wäre ich wahrscheinlich wie alle anderen nach drei Monaten krank entlassen worden. Wahrscheinlich machen die da keinen Unterschied, weil die wissen, dass dort auch nichts anderes passiert. Nun ja, jedenfalls war ich voller Zuversicht, jetzt loslegen zu können. Aber es sollte alles anders kommen.
Auch hier habe ich trotz eindeutiger Diagnose "Zwangsstörung" nicht die Behandlung bekommen, welche in dieser Hinsicht empfohlen wird. Noch nicht einmal das, obwohl ich die Methode der Verhaltenstherapie später noch einmal genauer beleuchten werde.
Ich wurde wieder mit meiner psychischen Behinderung im Stich gelassen. Mehr als 20-minütige Gespräche mit meinem Therapeuten gab es nicht, beim ersten Gespräch offenbarte er mir sogar, er müsse sich erst einmal ins Thema einlesen. Ab diesem Zeitpunkt war die Therapie eigentlich schon vorbei für mich. Nun ja, aber besser als gar nichts.
Meine Zwangsgedanken und -handlungen wurden immer schlimmer, und davon berichtete ich auch. Ich wurde zunehmend depressiv und wollte kaum noch etwas tun, so enttäuscht war ich. "Halten Sie diese Situationen aus!" Toll, das hätte ich auch zu Hause tun können. Aber dass mir jemand hilft herauszufinden, warum ich Zwänge habe, wie ich damit umgehen kann, um wenigstens etwas im Alltag klarzukommen ... Da hatte ich zu viel erwartet. Stattdessen musste ich malen, Bewegungstherapie und Walking über mich ergehen lassen. Ach, ich vergaß auch noch die völlig veraltete Therapiemethode, sich eine halbe Stunde die Beine in die Hocke zu machen, den Schmerz auszuhalten, um später besser im Leben stehen zu können. Alle mussten diese Dinge machen, egal, was sie hatten. Individuelle Behandlung – nein! Meine Wünsche nach Auflösen der Zwänge, zu schauen, warum ich sie habe, wurden nicht erhört. Mein Trauma blieb da, wo es war. In mir. "Wir machen mit Ihnen die bewährteste aller Methoden, die Verhaltenstherapie. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Wirkt, glauben Sie uns!"
Also wollte man mir in den wenigen Therapieminuten die Zwänge abtrainieren. Die Ursache sollte uninteressant bleiben. Warum das nicht funktionieren kann, berichte ich Euch im nächsten Absatz. Ich brauche wohl nicht mehr zu erwähnen, dass in meinem Entlassungsbericht "Therapieergebnis insgesamt unbefriedigend" stand.
Erinnert Ihr Euch an die zahlreichen Beiträge zur Sektenfrage und ihre Vorgehensweisen? Täglich hört man in den Medien davon. Auch Sekten sprechen ständig davon, die einzig wahre Lehre zu vertreten. Das birgt so manche Gefahren, schließt man doch neue Erkenntnisse, alternative Methoden und die Individualität des Menschen von vornherein aus. Er verliert den Bezug zur Realität.
Genauso ist es mit der Verhaltenstherapie. Viele "Studierte", Wissenschaftler etc. behaupten, dies sei die einzig wissenschaftlich belegte Methode, Zwangsstörungen zu behandeln. Ursächliche Dinge seien nicht wichtig, denn man müsse nur die Symptome (Kontrollen etc.) wegtherapieren und schon sei das Problem gelöst.
Ich möchte dazu folgenden Vergleich anstellen: Stellen Sie sich einmal die deutschsprachige Medizin um die Jahrhundertwende vor. Damals war es gang und gäbe, Menschen nach Symptomen zu behandeln; Prävention und Ursachenforschung waren nicht interessant. Hatte ein Mann also Herzbeschwerden, wurde er auch wegen dieser behandelt. Das ging ein paar Mal gut, dann bekam er zusätzliche Beschwerden oder verstarb sogar daran. Diesen Mann aber auf Nikotinsucht oder Fettleibigkeit zu behandeln, um den Herzbeschwerden den Nährboden zu nehmen, dies stand nicht an der Tagesordnung. Vielmehr kamen zusätzliche Beschwerden hinzu, weil man am Ziel vorbeidokterte.
Genauso ist es heute mit der Verhaltenstherapie und mit vielen anderen Bereichen der Psychotherapie. Die Menschen sollen keine Besserung erfahren, man will nur die Symptome lindern, damit sie so weitermachen können wie bisher. Die Verhaltenstherapie steht heute gleich der Entwicklung jener Körpermedizin um die Jahrhundertwende. Denn es ist die Regel: Trainiert man Zwangspatienten die Zwänge weg, kommen meist neue hinzu. Sie verfallen zusätzlich in Depressionen, Autoaggressivität und Ähnliches. Warum? Das Problem wurde nicht gelöst, die Wurzeln des Zwangbaumes nicht zerstört. Belegen tun dies die zahlreichen Patienten, die seit 10 Jahren und mehr Verhaltenstherapie machen. Ich selber bin acht Jahre dabei.
Viel bessere Ergebnisse wird die Verhaltenstherapie machen, wenn sie zur Zusammenarbeit bereit ist und sich nicht als Nonplusultra darstellt. Wir wissen alle: Erreicht man im Team ein großes Spektrum, erzielt man die besten Ergebnisse. Versucht man also wie bei dem Raucher, die Nikotinsucht, den Stress und das Gruppengefühl zu behandeln, erreicht man ein besseres Ergebnis, als wenn man nur seine Herzsymptome wegmacht.
Also sollte ein Zwangserkrankter auch auf Traumata, Stress, Ängste, Kindheit und Zukunft behandelt werden.
Ich hoffe, dass die Psychotherapie sich dahingehend noch weiterentwickelt. Wenn sie mehrere Methoden in sich vereint, wird sie am stärksten sein. Kliniken sollten es sich noch mehr zur Aufgabe machen, ihre Patienten nicht nur zu verwalten und mit halbherzigen Angeboten zu versorgen, sondern ihnen wirklich eine Chance zu geben, ihre Erkrankung zu lindern. Oftmals wollen Kliniken ihre Patienten auch umstrukturieren. Warum? Vielleicht sollte die Klinik auch einmal auf Individualität achten. Vielleicht wäre es mit allen psychotherapeutischen Ansätzen zusammen am besten, nicht den Zwängler zum Normalo zu machen. Die Erfahrung zeigt, dass man Zwänge lindern kann. Vollständige Heilungen sind selten, also schießt man doch seit Jahren am Ziel vorbei. Die Therapie sollte mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, also nicht nur mit der Verhaltenstherapie, versuchen, die Krankheit zu lindern. Das Wichtigste aber ist, den Zwangserkrankten nicht ummodeln zu wollen, sondern ihn auf das Leben mit Zwängen vorzubereiten und ihm Wege zu zeigen, wie ein Leben damit möglich sein kann.
Informationen zum Autor
Name: René van Zon
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Verfasst von René van Zon
Start der Serie am 08. Oktober 2007