Das erste Mal, als ich mit Persönlicher Assistenz in Berührung kam, war mir nicht bewusst, welchen Stellenwert diese mal für mein eigenes Leben haben wird. Bevor ich dieses Thema aber selbst in Angriff nahm, habe ich viele behinderte Menschen kennengelernt, die diese Assistenz in Anspruch nahmen. Ich war erstaunt über die Möglichkeiten, die sich für die Betroffenen ergaben – diese Art der Selbständigkeit und Selbstbestimmung imponierte mir sehr. Dennoch brauchte ich noch einige Monate, um mir selbst diese Unabhängigkeit leisten zu können, und das nicht nur in finanzieller Hinsicht.
Für mich waren Fragen wie: Wie kann ich meine Assistenz bezahlen? Welche Aufgaben kann ich ihr geben? Wo beginnt meine Privatsphäre und inwieweit kann ich diese fremde Person in mein Leben lassen? Und viele andere Fragen ...
Wenn man zuvor niemals Assistenz hatte, so ist die Gewöhnung an einen "Angestellten" sicherlich nie einfach, zudem wollte ich das alles alleine machen: Alleine die Assistenz suchen, sie bezahlen und sie mit ihren Aufgaben vertraut machen. Natürlich hätte ich mir da professionelle Hilfe durch die WAG besorgen können, aber ich wollte das nicht. Ich war immer der Meinung, wenn ich meine Miete selbst bezahlen und auch meinen Alltag planen kann, dann kann ich auch eine Assistenz haben, und das eigenständig. Viele, die mich kennen, wissen einfach, dass mir meine Selbständigkeit immer am wichtigsten war und dass ich stets als letzte Hilfe die Wag in Anspruch genommen hätte. Klar ist, dass diese Leute perfekt geschult sind und ich mir sicherlich einiges an Arbeit erspart hätte, aber es gehörte zu meiner persönlichen Herausforderung, der ich mich übrigens sehr gerne gestellt habe.
Ich überlegte mir lange, wie mein Leben sich wohl mit Assistenz verändern würde. Ich müsste mich an klare Regeln halten und ich müsste mir im Klaren sein, dass ich eine Angestellte habe, für die ich verantwortlich bin. Zudem kommt auch noch der Punkt der Abhängigkeit hinzu. Ich bin von meiner Assistenz abhängig, auch wenn sie die Dinge tut, die ich nicht kann und ich von ihr erwarte. So sind wir vermutlich von einander abhängig. Auch machte ich mir Gedanken, ob die Chemie zwischen uns stimmen würde, ob wir uns mögen und wie wir mit den unterschiedlichen Erwartungen umgehen würden. Ich gebe zu, der Gedanke, mich an einen fremden Menschen zu gewöhnen, diesen so nah an mich ranlassen zu müssen, machte mir Angst. Wie sich jedoch herausstellte, war diese Angst völlig unbegründet.
Zufällig lernte ich über eine Freundin meine erste Assistentin kennen. Das ist Birgit, ich mochte sie sofort und wir hatten sehr schnell einen guten Draht zueinander. Mir war eigentlich sehr schnell klar, dass ich sie wollte (als Assistentin). Ich kann nicht genau sagen, was mir aufgefallen ist, was mir diese Klarheit verschaffte. Ich denke, es war ihre Ehrlichkeit und auch die Art, wie sie mit dem Thema Behinderung umging – eine natürliche, charmante Art, die mich schon recht faszinierte. Anfang März 2005 wurde sie meine Assistentin. Da aber Birgit kein Auto hatte – ich ja auch nicht –, benötigte ich noch eine Assistentin, die mir die nötige "Freiheit" verschaffte. Dazu stellte ich eine Anzeige in den ÖH-Seiten rein und schon nach recht kurzer Zeit meldete sich Karo. Ihre freche Art mochte ich gleich, und auch ihre Eigeninitiative; diese Eigenschaft schätze ich besonders. Karo wurde ab April 2005 meine Assistentin. Nun hatte ich ein perfektes Team aus zwei Damen, die durch ihre Persönlichkeit mein Leben bereicherten und mir wirklich überall helfen, wo ich Hilfe brauche.
Mittlerweile, nach mehr als einem halben Jahr, kann ich sagen, dass ich die Entscheidung – eine Assistenz zu haben – niemals bereue. Es ist unheimlich schwer, Menschen zu finden, die bereit sind, so eine Arbeit zu leisten. Man darf nicht vergessen, dass die Hilfe sehr unterschiedlich ist. Ich benötige nicht so viel Hilfe am Körper, daher hab ich mehr Freiheit zu entscheiden, wann ich Assistenz benötige.
Wie wichtig Organisationen wie z.B. die Wiener Assistenzgenossenschaft sind, kann man sehen, indem behinderte Menschen viel glücklicher und unabhängiger leben können. Sie bestimmen selbst, wo, wann und wie Hilfe benötigt wird. Selbst der kleinste Handgriff kann für viele behinderte Menschen ein Kraftakt sein, aber mit Assistenz wird der Alltag normal. Eine Mitarbeiterin der Wag sagte mir mal: "Warum wollen Sie sich körperlich übernehmen, wenn es doch die Möglichkeit der Assistenz gibt?"
Mein Appell an all die, die diesen Artikel lesen:
Assistenz bedeutet Unabhängigkeit und Freiheit, aber Assistenz bedeutet auch Verantwortung und richtiges Handeln. AssistentInnen sind keine Roboter, die stur ihre Arbeit machen, es sind Menschen, die uns die Möglichkeit geben, ein selbstbestimmtes, unabhängiges und "normales" Leben zu führen; daher sind der gegenseitige Respekt, Achtung, Toleranz und Akzeptanz notwendig, sodass die Kluft zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen immer schmäler wird.
Ebenfalls an all die Geldgeber: Denkt daran, eine Behinderung ist nicht immer eine Bereicherung, es ist jeden Tag eine Herausforderung. Mit Assistenz bekommen wir endlich die Chance, Gleichstellung zu erleben. Wir wollen nichts anderes als das, was für viele als selbstverständlich gilt: Unabhängigkeit, Freiheit, selbstbestimmtes Leben und die Gleichstellung.
Mein Dank geht an Karoline und Birgit, durch die ich erst gelernt habe, was Freiheit bedeutet!
Verfasst von Alexandra Steiner; 9. Dezember 2005