Maria, 41
'Menschen mit besonderen Bedürfnissen' finde ich als Deckwort für 'Menschen mit Behinderungen/Einschränkungen' nicht sehr brauchbar. Was sollen denn das für 'besondere' (außergewöhnliche?) Bedürfnisse sein? Etwa Zugänge ohne Stufen, benutzbare WCs, automatisch öffnende Türen, sprechende Lifte oder Internetseiten? Braucht das denn niemand sonst? Werden wir nicht alle älter, oder sind ab und zu 'bedürftig' weil grade verletzt, vergesslich oder krank? Ist das denn so schlimm, zu seinen (besonderen) oder auch ganz normalen Bedürfnissen zu stehen? Mein Bedürfnis ist z.B. Ehrlichkeit statt 'politischer Korrektheit um jeden Preis'. Ich sage, welche Behinderung ich habe, und was ich an Hilfen brauche – und auch, was nicht! Zuviel Herumgetue ist mir zuwider: wie sollen denn Leute normal mit mir umgehen, wenn ich immer auf 'Besonderheit' poche? Es muss ja nicht die ganze Welt rollstuhlgerecht oder für Blinde erklärt oder den Gehörlosen gedolmetscht werden (das Mögliche schon, aber das genügt dann).
Alexandra, 32
Ich habe vor zwei Jahren das erste Mal diese Bezeichnung gehört. Und zwar bei der Messe 'Jeder für Jeden' mit dem Untertitel 'Messe für Menschen mit besonderen Bedürfnissen'. Ich erwartete mir eine Messe, wo Leute das Bedürfnis hatten auf den Mond zu fliegen. Stattdessen fand ich lauter Leute, die ganz normale Bedürfnisse hatten, wie den Wunsch nach Unabhängigkeit und Eigenständigkeit. Ich gebe zu, ich war enttäuscht und wollte schon wieder Heim fahren. Einige Monate später fand ich auf einer Jobbörse ein Inserat einer Behindertenpädagogik-Studentin, sie würde gerne als Persönliche Assistenz für 'Menschen mit besonderen Bedürfnisse' arbeiten. Ich rief sie an und frage sie, was sie sich unter Menschen mit besonderen Bedürfnissen vorstellt? Dann meinte sie ganz leise 'Behinderte Menschen'. Ich wies sie höflich aber dezent hin, dass diese Formulieren 'Menschen mit besonderen Bedürfnisse' äußerst diskriminierend ist. Menschen mit Behinderung sind Menschen mit Behinderung. Warum kann man das Kind nicht beim Namen nennen? Ich bin behindert, sitze im Rollstuhl – das ist Fakt! Die angehende Persönliche Assistentin erzählte mir, dass im Studium der Behindertenpädagogik den Leuten beigebracht wird, ja politisch korrekte Formulierungen zu wählen, um ja nicht zu diskriminieren. Aber im Endeffekt geschieht genau das!
Wolfgang, 40
Gibt es nicht! Einer der unnötigen Versuche, dem Ausdruck 'Behinderung' zu entkommen. Behinderte Frauen und Männer, Mädels und Buben haben keine besonderen Bedürfnisse. Sie brauchen wie jede und jeder einen Platz zum Leben und die Möglichkeiten, sich entfalten zu können.