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Standort: Berichte und Interviews zum Thema AlltäglichesStich-Wort – Mitleid

Stich-Wort

"Mitleid"

Maria, 41

Mit-Leid hieße ja, dass ich leide – und ich denke nicht daran, zu leiden. Ich lebe gern und genieße es, Behinderung hin oder her. Außerdem ist Mitleid immer so gräßlich sentimental: 'Ach du Arme!', der angeblich Mitleidige kommt sich super 'menschlich' vor und tut rein gar nichts, schon gar nichts kapieren! Ich lehne das ab, wenn dann wäre Mit-Gefühl das Bessere, da müsste sich der Mitfühlende wenigstens einfühlen (wenn er's schafft). Ihr Nichtbehinderten, behaltet euch euer verlogenes 'Mitleid', ich will damit nichts zu tun haben.

Wolfgang, 40

Krüppel sein dagegen sehr! Eine Emotion, die ich ganz schwer und überhaupt nicht aushalte. Standardsatz: Mei, Sie Oama!

Alexandra, 32

Ich erinnere mich an eine Geschichte aus meiner Kindheit. Da gab es einen Mann, der zwar nicht obdachlos, aber so gekleidet und sich auch so benahm. Als ich 12 war, fuhr ich im Sommer mit meiner großen Schwester ins Schwimmbad und auf den Weg dorthin begegneten wir diesem Mann. Er sah auf mich herab und meinte 'Ma, warst g'stuabn bei da Gebuart, donn hättaten deine Öltan ned so vüh Probleme!' Nun ja, als Zwölfjährige war ich schon recht schlagfertig. Meine Antwort darauf: 'Ja, ich wollt' grad das Gleiche sagen.' er war sichtlich irritiert und seit diesem Tag grüßte er mich immer stets freundlich. Diese Art des Mitleids fand ich eher belustigend, als störend. Mitleid in dem Sinn, dass jemand mit mir leidet, empfinde ich nicht so belastend – eher lästig, als eben das Verhalten mancher Gutmenschen, die glauben, alles zu verstehen und sie können sich ja so wunderbar in deine Situation versetzen. Menschen die Mitleid haben, wollen sich doch gar nicht mit dem Thema Behinderung oder Krankheit auseinandersetzen. Denn dann würden sie wissen, dass behinderte Menschen nicht zu bemitleiden sind. Menschen, die aber ein gutmenschelndes Verhalten an den Tag legen, haben nicht nur keine Ahnung, wovon sie labern, sondern geben auch noch vor wie unglaublich mitfühlend sie wären – solange sie die Situation nicht selbst betrifft. Denn sollte einer ihrer Angehörigen oder Lebenspartner im Rollstuhl sitzen oder krank werden, verhalten sie sich ebenso ignorant, wie der Rest. Ein guter Freund meinte mal zu mir: 'Ich hab kein Mitleid mit dir, aber ich habe Mitgefühl für dich!' ich fand das schön, denn er nahm Anteil an meinem Leben. Mehr Mitgefühl und weniger Mitleid, das ist das, was den meisten Menschen fehlt.

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