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Tagebuch

Verfasst von René van Zon

Lieber Leser, liebe Leserin!

Im Rahmen des Projekt Gink-Go! entstand die Idee, zu meiner psychischen Behinderung, der Zwangsstörung, eine Art Tagebuch zu führen, welches vielschichtige Einblicke in meine seelische Erkrankung gibt. Zur allgemeinen Information möchte ich dem Projekt dieses Tagebuch für seine Internetpräsenz zur Verfügung stellen und somit dazu beitragen, dass auch psychische Behinderungen mehr Beachtung finden und mehr anerkannt werden.

Vita und Diagnose

René van Zon

Ich heiße René und bin 27 Jahre alt. Ich lebe in Niedersachsen in der Nähe von Lüneburg. Mein Vater ist Niederländer, meine Mutter Deutsche. Leider ließen meine Eltern sich im frühen Kindesalter scheiden. Mein Vater ging zurück nach Holland, meine Mutter stand mit mir und meinen zwei Geschwistern alleine da. Viele Wohnortwechsel, extreme Verwahrlosung und leere Versprechungen musste ich als Kind hinnehmen. Es gab keine Verlässlichkeit in meiner Kindheit. Die selbstverständlichen Dinge, welche Kinder erleben sollten, hatte ich nicht. Ich wurde aus diesem Zusammenhang heraus sehr ängstlich, hatte kaum Selbstvertrauen und konnte kaum richtig am Leben teilnehmen. Meine Mutter hat mir die Regeln und die Dinge, welche im Leben wichtig sind, nie beigebracht. Das Einzige was ich mitbekam: Alkohol ist wichtig. Schnell entstand ein Wunsch in mir als Kind, der sich für immer in mein Gedächtnis einbrennen sollte: "Wenn ich groß bin, werde ich alles anders machen." Der Weg zur Zwangsstörung war angelegt.

Mein Wunsch, nie wieder in so etwas abzurutschen, wie ich es als Kind erleben musste, war extrem, so extrem, dass ich nur noch eines kannte: Gut sein. Perfekt sein. In allem. Nie wieder Müll, Verwahrlosung, Schulprobleme etc.

Ich startete wohl einen bis dahin seltenen Angriff: Ich nahm alles alleine in die Hand. Mein großes Zugpferd: die Schule. Ich wollte immer Erzieher werden, nur war mir das durch meine schlechten Voraussetzungen verbaut. Ich hatte keine Abschlüsse. Ich startete einen Durchmarsch: Ich holte den Hauptschulabschluss nach, dann den Realschulabschluss und jetzt stehe ich kurz vor der Fachhochschulreife. Fünf Jahre habe ich durchgepowert, mir all das erarbeitet, was früher an mir vorbeiging. Mein Wunsch, immer besser zu werden, wurde immer schlimmer. Die Schule musste all das ersetzen, was ich früher so vermisste: Liebe, Anerkennung, Erfolg und Wissen. Meine Noten waren zum Schluss nur noch Einser und Zweier. Meine Angst zu versagen, wieder zurückzufallen, war so stark verknüpft mit meiner Schulausbildung, dass ich immer mehr arbeitete. Meine Abschlussprüfungen bestand ich mündlich, praktisch und schriftlich alle mit Eins. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon fast am Ende – körperlich, aber vor allem seelisch. Ich konnte nur noch an die Schule denken und hatte immer mehr Angst, schlecht zu sein – so wie es mir früher vermittelt wurde. Ich war schon super in der Schule, aber es reichte nicht. Meine Kindheitserfahrungen waren stärker. Die Zwangsstörung war endgültig geboren. Sie ist ein innerer Kampf: die Angst zu versagen und der Zwang, welcher einsetzt, um dieses vermeintliche Schicksal zu vermeiden.

Vermehrt wurde ich krank, das Zwangsverhalten war mir aber noch nicht bewusst. Die Zwangsstörung äußerte sich zuerst mit extremen körperlichen Symptomen: Ich hatte Kreislaufzusammenbrüche, Schweißausbrüche, Infektionen, Erkältungen in kurzen Perioden und vieles mehr. Ich begab mich in ärztliche Behandlung. Es sollte der Beginn einer langen Reise durch die medizinische Fachwelt werden. Mein Hausarzt konnte sich meine Beschwerden nicht erklären. Seiner Meinung nach war ich körperlich voll fit. Er schickte mich zu allen Fachärzten, die es gibt, alle ohne Diagnose. Es dauerte drei Jahre, bis er auf die Idee kam, es könnte ein psychisches Leiden vorliegen. Wäre ich nicht hartnäckig gewesen, wäre ich wahrscheinlich heute noch ohne Diagnose. Leider kam seine Erkenntnis zu spät. Die Zwangsstörung kann behandelt werden. Leider ist es aber so, wie bei vielen Leiden: Je früher die Behandlung erfolgt, desto besser die Erfolgschancen. Man kann sagen, dass die Unkenntnis einiger Ärzte in diesem Gebiet dazu geführt hat, dass meine Chancen extrem gesunken sind, die Krankheit zu chronisch geworden ist.

Es ist ein riesengroßes Manko, dass Hausärzte über psychische Krankheiten so schlecht Bescheid wissen, denn gerade Hausärzte sind der erste Ansprechpartner und müssen ihren Patienten an den richtigen Fachmann weiterleiten. Hier muss also noch viel geschehen.

Ich kam in psychologische Behandlung, auch hier ist die Versorgung enorm schlecht. Über ein Jahr musste ich auf einen ambulanten Therapieplatz warten. Leider konnte mir der Therapeut nicht weiterhelfen. Meine Zwangssymptome verstärkten sich. Es folgten zwei stationäre Therapieaufenthalte, aber auch diese zeigten kaum Wirkung. Ich probierte verschiedene Medikamente aus, aber keines half. Zurzeit bin ich krankgeschrieben, kann weder meine Schulausbildung wieder aufnehmen noch besondere alltägliche Dinge meistern, da ich mehr mit den Zwängen zu tun habe.

Wie äußert sich eine Zwangsstörung?

Eine Zwangserkrankung unterteilt sich in zwei grundlegende Bereiche: einmal in Zwangsgedanken und zum Zweiten in Zwangshandlungen.

Zwangsgedanken sind aggressive Gedanken, die sich um schreckliche, befürchtete Ereignisse drehen. Ich befürchte, dass ich irgendwo etwas vergessen haben könnte, einen Fehler gemacht haben könnte. Des Weiteren habe ich Angst davor, dass ich vergessen haben könnte, den Herd/die Heizung auszuschalten oder – ganz schlimm – meine Haustür abzuschließen. Mittlerweile haben sich diese Gedanken in meinem Alltag so ausgebreitet, dass ich eine unendliche Liste an Befürchtungen aufzählen könnte. Diese Befürchtungen kommen immer, ohne dass eine unmittelbare Gefahr bevorstehen würde.

Zwangshandlungen sind Handlungen, um diese Befürchtungen abzuschalten bzw. sie abzuschwächen. So kontrolliere ich lieber 25-mal den Herd, bevor ich mich der Angst aussetze, die Wohnung könnte brennen. Das Schlimme ist, dass die Angst so groß ist, dass ich oft meinen Kontrollen nicht vertraue. So kommt es zustande, dass ich Türen, Herd etc. manchmal stundenlang kontrollieren muss, bevor ich in der Lage bin, dass Haus zu verlassen. Man kann sich vorstellen, dass ich irgendwann dazu übergegangen bin, vieles zu vermeiden, um mich diesem Zwangsverhalten zu entziehen. Es bauen sich richtige Blockaden auf, die dafür sorgen, dass ich viele Dinge im Alltag nicht mehr mit Freude unternehmen kann. Durch die Krankheit bauen sich so soziale, finanzielle und berufliche Probleme auf.

Wie diese aussehen können, zeige ich Euch ab dem 28. Mai 2007 in meinem wöchentlichen Tagebuch.

Liebe Grüße
René

Informationen zum Autor

Name: René van Zon

Informationen zum Tagebuch

Verfasst von René van Zon
Start der Serie am 28. Mai 2007

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