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Standort: Berichte und Interviews zum Thema AlltäglichesTagebuch – Tagebuch vom 28. Mai bis 01. Juni 2007

Tagebuch vom 28. Mai bis 01. Juni 2007

Verfasst von René van Zon

Es ist so weit: Die erste Woche der Dokumentation meines Lebens mit einer Zwangserkrankung ist fertiggestellt. Ich hoffe, dem aufmerksamen Leser wertvolle Informationen zum Krankheitsbild und den damit zusammenhängenden und auftretenden Problemen geben zu können.

Montag, der 28. Mai 2007

Wie immer kam ich in der gestrigen Nacht nicht zum Einschlafen. Zu viele Gedanken gehen mir nachts durch den Kopf, die meisten drehen sich um Menschen, die ich lieb habe – ich muss einfach in Gedanken kontrollieren, ob ich sie irgendwie gekränkt oder verärgert habe. Ich kann nichts dagegen tun, diese Gedanken kommen und ich muss mich ihnen ergeben, damit ich wenigstens noch zwei Stunden Schlaf finden kann. Meist, wenn ich mir nach zwei bis drei Stunden Einschlafzeit sicher bin, niemanden verletzt zu haben und alle Gefahren, die auftreten können, unter Kontrolle zu haben, schlafe ich dann so gegen drei Uhr morgens ein. Kontrolle ist alles in meinem Leben, selbst vorm Einschlafen tue ich das passiv. Auch diese Nacht schlafe ich sehr unruhig, einen richtigen, tiefen Schlaf hatte ich schon lange nicht mehr, ich kann mich kaum daran erinnern. Ich kann nicht "gesund" schlafen, denn auch hier belasten mich meine Ängste, die Dinge, die mir alle passieren können, sehr. Wenn ich – so wie auch heute – mal träume, dann auch nur von Zwangsangelegenheiten. Diese Nacht habe ich geträumt, ich habe vergessen, meine Haustür zu verschließen und es wären Einbrecher gekommen – für mich natürlich der reinste Horror. Es verstärkt meine Ängste und lässt mich glauben, eben deshalb seien meine vielen Kontrollen auch angebracht.

Ich starte also schon sehr belastet und angeschlagen in den Tag. Durch die Träume verstärken sich meine Zwangssymptome sehr. Ich traue mich kaum raus, aus Angst, etwas falsch zu machen. Gerade als ich mal wieder beschlossen hatte, mich für heute besser von der Außenwelt abzukapseln, klingelt es an meiner Tür. Meine Mutter kommt zu Besuch. Ich merke es schon an ihrem Gang. Total alkoholisiert. Jetzt bin ich endgültig bedient. Den Tag konnte ich komplett abhaken. Meine Zwangsgedanken sprangen auf Hochtouren an. Ich befürchte, auch mal so zu werden, ich denke daran, wie schlecht es mir jetzt schon geht und dass überhaupt alles schlecht ist. Nur mit Höchstleistungen und Perfektion kann ich diesem Schicksal entrinnen. Meine Zwangssymptome waren am Höhepunkt angelangt. Ich kontrollierte das ganze Haus, ob alle Türen zu sind, ob ich nichts verloren habe, die Mülltonnen drinnen stehen, die Waschmaschine im Keller aus ist und ob in der Wohnung alles in Ordnung ist. Für diese Kontrollen und Zwänge habe ich zwei Stunden benötigt. Aber es geht mir nicht besser, ich weiß zwar, dass alles kontrolliert ist, ein Rest Unsicherheit bleibt trotzdem. Der Tag ist gespickt mit Zwangshandlungen. Ich gehe auf die Toilette. Nur weil ich diesen Raum betreten habe, könnte ich ja auch die Dusche oder das Waschbecken benutzt haben. Also auch die kontrollieren. So ging es den ganzen Tag, ich konnte nichts anfassen, ohne es danach zu überprüfen.

Emotional belastende Dinge verstärken also meine Zwangssymptome. An solch extremen Tagen ist kaum ein flüssiges "Arbeiten" möglich. Ich bin dann zwanghaft langsam, da ich alles kontrollieren muss. Die einfachsten Dinge dauern dann Stunden. Durch die Vorkommnisse des Tages war ich so blockiert, so voller Zwänge, dass gar nichts mehr ging. Alle Vorhaben des Tages musste ich auf Eis legen, es war schlichtweg nichts mehr möglich. An solchen Punkten kann ich nur noch ins Bett gehen und schlafen, denn sonst würde ich irgendwann durchdrehen. Ich habe dann den ganzen Nachmittag "verschlafen", bin nur noch zum Essen aufgestanden und dann wieder ins Bett oder mal an den Computer. Ich wollte einkaufen, aber auch das ging nicht mehr. Man kann sich vorstellen, dass neben diesen Schwierigkeiten, welche die Zwangsstörung hervorbringt, kaum noch eine richtige Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich ist. Zum Ersten schäme ich mich, habe Angst, jemand würde meine Zwänge mitbekommen, zum Zweiten aus Vermeidung, damit ich keine Zwangshandlungen, welche Stunden dauern, ausführen muss. Eine Zwickmühle, ständig streiten sich zwei Parteien: Leben und Zwang. Meistens gewinnt leider der Zwang.

Dienstag, der 29. Mai 2007

Auch wenn es nicht gut ist, weil ich damit flüchte, das Schlafen hat mir geholfen. Die negativen Emotionen von gestern sind in den Hintergrund gerückt. Ich werde dieses Hoch nutzen. An guten Tagen muss ich nämlich versuchen, all das nachzuholen, was in letzter Zeit liegen bleiben musste. Wie ja schon erwähnt, vermeide ich viele Dinge, damit es keine Zwangssymptome nach sich zieht. Heute muss ich mich dazu durchringen, sonst wird das wieder nichts. Die wichtigsten Dinge: Haushalt, Wäsche waschen und Einkaufen. Besonders die Positionen Wäsche und Abwasch sind sehr schwierig für mich. Der Wäscheberg häuft sich und auch der Abwasch steht seit cirka zwei Wochen auf verlorenem Posten. Bei mir sieht es nach Tagen aus wie auf dem Schlachtfeld. Da ich zum Beispiel Ängste habe, den Wasserhahn nicht abzudrehen oder die Waschmaschine nicht abzustellen, vermeide ich die Konfrontation mit diesen Situationen. Resultat: Wäscheberge, nichts anzuziehen und kein Geschirr. Ich kann kaum jemand in die Wohnung lassen, nur wenn aufgeräumt ist. Heute habe ich das endlich geschafft. Puhhh. Jetzt muss ich noch einkaufen. Das wird ein Akt. Ich gehe immer zum gleichen Supermarkt; in einem anderen würde ich mich nicht zurechtfinden, weil ich mir alle Lagen der Waren merken muss. Ist etwas umgeräumt oder woanders, dann bin ich total überfordert. Ich muss beim Einkaufen immer zwanghaft die Preise nachrechnen, immer und immer wieder, mit jedem Artikel den neuen Gesamtpreis. Das macht mich langsam, denn ich habe immer Angst, eventuell nicht genug Geld dabei zu haben.

Bin ich an der Kasse angelangt, bezahle ich, und kaum bin ich weg, geht's los: "Habe ich alles bezahlt?" "Habe ich vielleicht die Kassiererin betrogen?" "Habe ich alle Waren eingepackt?" All diese Gedanken lassen mich noch mindestens zehn Minuten in der Nähe der Kasse verbleiben, damit ich alles noch einmal durchgehen kann. Auf dem Weg nach Hause muss ich immer wieder meinen Rückweg kontrollieren, das heißt, ich schaue mich um, ob ich was verloren oder sonst etwas angestellt habe. Endlich zu Hause, kontrolliere ich das ganze Haus noch mal, damit ich sicher sein kann, dass alles in Ordnung ist und ich mir keine Sorgen um draußen und das Haus machen muss. So muss ich später nur noch die Wohnung kontrollieren, wenn ich schlafen gehe. Man entwickelt dann so seine Strategien, wie man sich die Zwänge einteilt und in den Tag integriert. Den Zwang aufzugeben, würde mich in Angst versetzen, also arbeite ich ihn lieber wie einen guten Freund in mein Tagesgeschehen ein. Oft fällt mir schon gar nicht mehr auf, dass mein Verhalten zwanghaft sein könnte, es ist für mich normal geworden. Ein Leben ohne Zwänge, ich kann mich kaum noch daran erinnern. Einen Fernsehfilm wollte ich mir noch gönnen. Aber auch diese kann ich selten genießen. Entweder ich bin so voll mit Gedanken, dass ich mich nicht drauf konzentrieren kann, oder ich versuche den Film so genau zu analysieren, dass ein Verfolgen der Handlung kaum möglich ist.

Ich entschied mich dann, schlafen zu gehen.

Mittwoch, der 30. Mai 2007

Heute drehen sich alle meine Gedanken nur um eines: mein Arztbesuch morgen. Zwar belasten mich solche Termine schon Wochen vorher, aber besonders schlimm ist es, wenn nur noch ein Tag verbleibt. Ich habe dann Zwangsgedanken, aufdrängende Vorstellungen, dass alles schief gehen wird. Was ist, wenn der Arzt mir meine Erkrankung irgendwann nicht mehr abnimmt, wenn das Arbeitsamt mich nicht als krank akzeptiert? Dann muss ich irgendwann unter einer Brücke schlafen. Es sind immense Existenzängste, Vernichtungsängste, die mir suggerieren, dass ich nicht mehr lange habe. Ich bin ja auch selber schuld, sage ich mir dann, ich war nicht perfekt genug, habe meine Ausbildung unterbrochen. Ich hab's ja nicht anders verdient. Ich habe mich selbst in diese Lage gebracht, war nicht fleißig genug. Mein Bewusstsein dafür, dass ich krank bin und nicht faul, rückt dann in ganz weite Ferne. Alle schlimmen Dinge in meinem Leben kommen dann in meinen Kopf. Alles auf einmal. Und an allem bin nur ich schuld. Ich kann nichts dagegen tun, auch wenn diese Gedanken jeglicher Richtigkeit entbehren. Die Tatsache, dass sie in meinem Kopf sind, machen sie real.

Der ganze Tag wird von diesen Gedanken begleitet, ein glücklicher Tag wurde es nicht. Schon am Dienstag konnte ich erst um halb fünf morgens einschlafen, weil ich soviel grübeln musste. Diese Gedankenattacken sind eigentlich die schlimmste Form meiner Erkrankung. Ich kann dann nicht klar denken, mich auf nichts richtig konzentrieren und leide unter starken Depressionen. Einfachste Erledigungen sind dann für mich nicht mehr möglich. Da ich den Überblick über mein Leben in solchen Phasen komplett verliere und alles schlecht sehe, igele ich mich dann fast immer zu Hause ein. Weil ich nämlich geistig nicht auf der Höhe bin, kann ich erst recht schreckliche Dinge verursachen. Also bleibe ich zu Hause. Da kann ich keinen Schaden anrichten.

Es reichen oft simple Ereignisse und Anlässe, um mich in so einen Zustand zu versetzen. Hoffentlich ist es morgen bald vorbei, die Geschichte mit dem Arzt. Denn ich muss mal wieder raus, frische Luft schnappen.

Ich bin froh, heute nicht hinaus zu müssen. Ich würde eh nur Stunden das Haus und die Wohnung kontrollieren, um dann später schlafen zu können, ohne zu befürchten, irgendeinen Schaden angerichtet zu haben.

Donnerstag, der 31. Mai 2007

Puhhh, bin ich erleichtert. Der Arzttermin ist recht gut verlaufen. Der Doktor hat dem Arbeitsamt geschrieben, dass ich noch krank bin. Wir streben jetzt noch eine stationäre Therapie an. Ich will ja echt gerne, und ich werde eine Therapie machen. Nur viel versprechen tue ich mir nicht davon. Ich war schon zweimal auf einer stationären Therapie, insgesamt über fünf Monate. Verbesserungen gab es nicht, ich fühlte mich eher unwohl in einer Klinik. Die vielen Schwierigkeiten, die ich habe, fallen dort besonders ins Gewicht. Sie werden offensichtlich, publik. Das gefällt mir gar nicht. Ich möchte lieber für immer zu Hause bleiben. Ich hab zwar die sehr erdrückende Zwangsstörung, aber zu Hause fühle ich mich wenigstens sicher und geborgen. Oft denke ich, ich will einfach in Ruhe gelassen werden, für mich sein, niemandem Rechenschaft über meine Erkrankung geben müssen. Gerade heute kommen mir all diese Gedanken wieder in den Kopf. Immer dieses Hin und Her. Ich glaube einfach, dass ich so traumatisiert von früher bin, die Erstbehandlung meiner Krankheit so lange gedauert hat, dass ich zu chronisch geworden bin. Tiefe seelische Verletzungen lassen mich einfach nicht zur Gesundheit kommen.

Ich denke, es ist Zeit, mich von meinem Wunsch, die Ausbildung zu beenden, zu verabschieden. Große Probleme habe ich im Ungang mit Menschen, und genau diese Kompetenz ist mir verloren gegangen. Innerhalb einer kurzen Zeit haben sich mit Eintritt meiner Erkrankung all die Fertigkeiten verabschiedet, die mich laut meiner Mitmenschen zu einem sehr guten Erzieher gemacht hätten.

Heute habe ich mit dem Arbeitsamt telefoniert. Wenn ich aus der nächsten stationären Therapie nicht teilweise gesundet wiederkehre, ist auf jeden Fall eine berufliche Umorientierung nötig, sei es denn eine Umschulung oder andere berufliche Möglichkeiten. Ich bin froh, beim Versorgungsamt meine Krankheit beschieden lassen zu haben, mit den 30 % kann ich mit einem schwer behinderten Menschen gleichgestellt werden. Das bedeutet für mich dann bessere Möglichkeiten und besseren Schutz auf dem Arbeitsmarkt. Das Arbeitsamt will mich dabei unterstützen.

Hoffentlich geht das gut; diese Gedanken beschäftigen mich heute bestimmt noch den ganzen Tag, ich kenne mich. Immer und immer wieder werde ich kontrollieren müssen, ob ich dem Arzt auch alles gesagt habe, dem Arbeitsamt alles über meine Erkrankung mitgeteilt habe.

Mein größter immer wieder quälender Gedanke heute: "Hoffentlich habe ich nichts vergessen, damit ich nicht unter der Brücke schlafen muss!"

Und schon ging die Maschinerie des Zwanges los: Ich fühlte mich nicht sicher, das Haus muss kontrolliert werden, samt eigener Wohnung.

Damit werde ich heute noch oft beschäftigt sein.

Freitag, der 01. Juni 2007

Heute habe ich aber mal mit einem anderen Problem zu kämpfen: mein Kontakt zu Menschen und wie ich auf Enttäuschungen reagiere. Eines meiner zusätzlichen Probleme zur Zwangsstörung ist nämlich meine emotionale Instabilität. Insider wissen, dass dies eine Eigenschaft der Borderline-Persönlichkeit ist. Es wird vermutet, dass ich meine Zwangsstörung entwickelt habe, weil ich aufgrund meiner vielen belastenden Erlebnisse in der Vergangenheit ziemlich schnell reizbar, verletzbar und angreifbar geworden bin. Um diese Emotionen, welche ich nicht unter Kontrolle hatte (Wut, Enttäuschung, "Verlassenwerden-Ängste"), in den Griff zu bekommen, entwickelten sich Zwangsverhaltensweisen: Erst kontrollierte ich mich und meine Emotionen, später immer mehr in meiner Umgebung, nur um meine zerrüttete Welt, in der ich den Überblick verloren hatte und den Glauben an das Gute im Menschen nicht mehr sah, unter Kontrolle zu kriegen.

Es liegt nahe, dass ich Anteile einer Borderline-Störung aufweise. Diese Störung tritt bei Menschen auf, wenn sie in ihrer Kindheit verwahrlost wurden, Gewalt erfuhren, bis hin zur sexuellen Gewalt. All dies ist bei mir der Fall. Es liegt nahe, dass meine Zwangsstörung der Versuch meiner Psyche ist, diese Ungereimtheiten in meinem Leben, welche ich bis heute nicht verarbeite, in den Griff zu bekommen.

So auch heute passiert: Immer erzählen mir die Menschen nur ihre Probleme. Wenn ich anfange, etwas von mir zu erzählen, wird immer schnell das Thema gewechselt. Ich fühle mich sofort ausgenutzt, leer und veräppelt. Ich denke dann sofort daran, den Kontakt zu allen Menschen abzubrechen, reagiere mit ziemlicher Wut und will nie wieder etwas mit ihnen zu tun haben. Dann ziehe ich mich zurück und melde mich lange nicht bei diesen Menschen. Sie sind für mich böse. So wie früher. Sie brauchen eigentlich nur was Falsches sagen, dann bin ich total enttäuscht – typische Borderline-Verhaltensweisen.

Die Wut über diese Menschen, egal welche Kleinigkeit sie auch begangen haben, verraucht immer ziemlich schnell. Danach habe ich ein schlechtes Gewissen und kann mein eigenes Verhalten nicht erklären.

Ich reagiere heute darauf besonders mit Kontrollen aller meiner Zwangsphänomene. "My home, my castle!", sagt der Zwang dann. Wenn bei mir alles in Ordnung zu Hause ist, dann kann mir keiner was – eine Zwickmühle, die zwischenmenschliche Beziehungen für mich immens schwer macht. Freundschaften sind daran zerbrochen. Ich hoffe, dies irgendwann mal ändern zu können.

Informationen zum Autor

Name: René van Zon

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Verfasst von René van Zon
Start der Serie am 28. Mai 2007

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