Natürlich möchte ich Euch die Fortsetzung meines Tagebuches nicht vorenthalten. Auch hier gibt es einiges über die Zwangsstörung zu erfahren. Ich wünsche Euch ein informatives Lesen!
Auch heute setzt sich mein Problem mit den menschlichen Beziehungen fort. Zwangspatienten, so auch ich, möchten am liebsten alles um sich herum erfassen und verstehen, so auch bei menschlichen Beziehungen und ihren Gepflogenheiten. Unklarheiten, Ungereimtheiten und Unwahrheiten können den Zwangserkrankten total durcheinanderbringen, er kann damit nicht umgehen. Auch Gewalt ist dem mit eingeschlossen. Er will immer alles "richtig" machen und kann somit auch nicht verarbeiten, dass dies nicht immer passiert, wenn andere Menschen miteinander umgehen.
Besonders heute geht es mir so. Ich kann nicht verstehen, warum sich die Menschen immer streiten müssen, sie unehrlich zueinander sind und niemals Ruhe geben können. Wahrscheinlich resultieren gerade daraus Probleme mit meinen Mitmenschen. Ich kann dieses Verhalten nicht einschätzen, versuche, mich dem anzupassen, aber das klappt nicht, weil ich es letztendlich nicht für richtig halte. Da mir das mit allen meinen Freunden passiert, haben diese natürlich auch andauernd Schwierigkeiten, mit mir umgehen zu können. Oft können sie mir nichts recht machen, egal, in welcher Situation, beziehungsweise welcher Angelegenheit. An schlechten Tagen sind sie dann einfach nicht richtig, egal, was sie tun. Ich kann dann ganz schön nervig sein. Das belastet Freundschaften natürlich sehr.
Ich kann kaum intensivere Kontakte zu Menschen aufbauen, weil ich befürchte, Fehler an ihnen zu entdecken. Fehler machen einen Menschen zwar auch liebenswert, für mich sind diese aber wie ein Weltuntergang. Ich stufe fast jeden Menschen erst mal als böse ein. Oft verhalte ich mich meinen Mitmenschen gegenüber auch so. Ich befürchte, dass diese Menschen eh unvollkommen sind, und sie könnten mich anstecken damit.
Unvollkommenheit bei anderen zu akzeptieren, fällt mir wirklich schwer; meine Angst, sie könnten mich in etwas hineinziehen, vor dem ich mich jahrelang mit Zwängen geschützt habe, ist einfach zu groß.
Ich versuche, der Unvollkommenheit der Welt damit beizukommen, mich vor ihr zu verstecken, zu Hause zu bleiben und sie nicht sehen zu müssen, denn diese Problematiken, die ich hier heute, an diesem Tag, wieder mal erlebe, bestätigen mich immer wieder in meinem Zwangsverhalten. Sie verstärken es auch heute wieder sehr, ich muss kontrollieren, kontrollieren ... Nur nicht so werden wie früher, und schon gar nicht so verkommen wie die Gesellschaft. Damit das nicht passiert, muss mein Zzuhause einfach in Ordnung sein, mir Sicherheit geben. Ich kontrolliere also wieder das Haus ...
Wieder einmal sorgt mein "Freund", der Zwang, dafür, dass ich auf die Freuden des Lebens immer mehr verzichten muss: Freunde. Denn auch diese haben mir viel Leid in der Vergangenheit zugefügt.
Ein Kampf zwischen zwei Mächten entsteht. Ich will Freunde haben, aber sie müssen, bitte schön, perfekt sein. Probleme sind vorprogrammiert. An Tagen wie heute möchte ich niemanden mehr sehen. Ich habe Angst vor Menschen und will lieber alleine sein. Mein schlechtes Gewissen plagt mich, wenn ich mal wieder so sein wollte wie sie.
Heute tritt eines meiner vielen Nebenprobleme in den Vordergrund: Immer, wenn ich schlecht drauf bin, ich zu starke Zwangsgedanken habe und zu viel kontrollieren muss, brauche ich etwas, das mich beruhigt. Ich habe wieder angefangen zu rauchen, aber auch in wirklich schlimmen Zeiten hilft mir das sehr wenig. Eine lange Zeit habe ich viele Medikamente genommen, gedacht, mich einfach müde machen und den ganzen Tag schlafen würde helfen. Glücklicherweise bin ich von so was nicht überzeugt gewesen. Zudem ist die Gefahr einer Medikamentensucht höher als man denkt.
Trotzdem hat sich meine Psyche einen Weg gesucht: Ich esse zwanghaft und ich würde es auch als Essstörung bezeichnen. Immer, wenn ich zu aufgedreht bin, zu viele Symptome habe, stopfe ich es nur so in mich hinein. Drei Pizzas sind da gar nichts. Es verursacht dann ein beruhigendes Gefühl, es macht mich müde und zufrieden – zwar nur für kurze Zeit, aber immerhin. Das ist wahrscheinlich das Gefährliche daran. Es entwickelt sich eine Sucht. Der Körper merkt sich: "Geht es mir schlecht, dann esse ich!" Das tue ich dann auch, heute auch wieder besonders viel.
Danach plagt mich dann das Engelchen an meiner Seite. Ich fühle mich schlecht, weil ich mal wieder alles in mich hineingestopft habe. Der Kreislauf beginnt von vorne: Ich habe einen Fehler gemacht. Hilfe! Ich muss kontrollieren, damit alles wieder in Ordnung kommt. Und wieder einmal ist Haus samt Wohnung an der Reihe, dann mein Tagesablauf: "Wo war ich?" "Was tat ich da?" "Habe ich auch keinen Fehler begangen?" ...
Ich fühle mich noch ängstlicher ... Ich muss essen ...
Ich merke, dass nicht nur mein Alltagsleben durch diese Störung sehr behindert ist, sondern dass sich so langsam auch körperliche Probleme dazugesellen: Ich nehme immens zu, erste Knochenschmerzen deuten sich auch schon an.
Diese Erkrankung bekommt mich immer mehr in den Griff und ich fühle mich so machtlos. Hoffentlich kann ich irgendwann einmal etwas dagegen unternehmen! Zurzeit komme ich einfach nicht gegen die Zwänge und ihre vielen Nebenbegleiter an. Die Knochenschmerzen zeigen mir, dass ich bald nicht mehr nur ein psychisches Leiden haben werde, wenn ich nicht rasch ein Mittel gegen die Zwänge finde.
Ich spiele mit dem Gedanken, mein Lebensumfeld komplett neu zu überdenken. Ich glaube fest daran, dass meine Zwangsstörung und ihre Aufrechterhaltung eng damit zusammenhängen. Bleibt zu hoffen, dass ich dazu einmal die Chance bekomme.
Ich habe es geschafft!!! Auch wenn es eigentlich nicht der richtige Weg ist, mich von Problemen davonzustehlen, habe ich es diesmal doch getan; zu belastend sind für mich zurzeit Kontakte zu Menschen. Deshalb habe ich meine Freunde gebeten, mich zurzeit in Ruhe zu lassen. Ich habe mich getraut, meine Bedürfnisse durchzusetzen. Früher habe ich das nie getan, aus Angst vor den Folgen. Ich brauche die Zeit einfach für mich; ich hab nicht die Energie, mir noch um andere Gedanken zu machen. Neben meinen vielen Gedanken- und Kontrollzwängen auch noch den Kopf für andere Menschen frei zu haben, geht einfach nicht mehr.
Wenn ich mir auch noch darum einen Kopf machen müsste, ob ich andere verletze, kränke oder ihnen sonst etwas antun könnte, das würde mich komplett lähmen. Ich bin momentan nur noch am Kontrollieren des Hauses, meiner Wege, wenn ich mal draußen war, oder ein Gerät und Sonstiges benutzt habe. Es schlaucht mich sehr!
Ich schlafe aktuell auch nicht sehr gut. Meine Müdigkeit verstärkt meine Zwänge nur noch mehr. Angst, aus daraus resultierender Unaufmerksamkeit etwas falsch zu machen, kommt erschwerend hinzu – ein Teufelskreis. Entweder ich schlafe und schaffe nichts, oder ich bleibe auf und habe zusätzliche Ängste.
Am Liebsten würde ich nur noch schlafen, in meine Traumwelt gehen, in der ich keine Zwänge habe und in der alles so leicht ist. Ich habe ein echtes Problem dazugewonnen: Derealisierung. Immer, wenn ich Probleme habe und Zwänge stark werden, schalte ich innerlich ab. Ich flüchte, entweder in Träume, übermäßiges Essen, legale Süchte (viel rauchen, manchmal auch Alkohol) oder sitze stundenlang einfach leer auf meinem Bett. Ich bin dann nicht ansprechbar.
Es wird immer schlimmer mit den Zwangsgedanken. Im Moment ist diese Art der Bewältigung die einzige Chance für mich, einmal ohne Zwang zu sein, auch wenn es in einem Zustand ist, der nicht sehr an Leben erinnert. Nur so habe ich es heute geschafft, diese quälenden Gedanken vor jeglichen Gefahren wegzuschalten.
Heute war ein schöner Tag; auch das kommt mal vor. Ich konnte nach draußen gehen und mich mit meiner besten Freundin treffen. Der Techniker für ihren Internetzugang kommt nämlich heute und ihr Computer und die ganze Hardware muss noch hergerichtet werden. Wir verabredeten uns also Zum Frühstück und warteten auf die Anschaltung des Anschlusses. Wir kniffelten und ich richtete nebenbei den Computer ein, damit er fürs Internet bereit war.
Den ganzen Vormittag und Nachmittag hab ich kaum an Zwänge gedacht, nur die üblichen Kontrollzwänge, wenn ich irgendetwas, wie zum Beispiel den Wasserhahn, benutzt habe. Ablenkung tut mir also besonders gut; eigentlich müsste ich mehr unternehmen. Leider gelingt mir das nur mit meiner besten Freundin. Zu ihr habe ich einen besonderen Vertrauensbezug. Woanders fällt mir das schwer, obwohl ich noch andere Freunde habe. Ich denke, es liegt daran, dass ich sie vor meiner Erkrankung kennengelernt habe. Ich habe Erinnerungen an gute und schlechte Zeiten. Ich weiß, dass ich ihr vertrauen kann.
Erst am späten Abend, wenn ich für mich alleine bin, werden die Zwangssymptome wieder schwerer und ausgeprägter – ich denke, weil ich mir da zu viele Gedanken machen kann. Und diese sind ja bekanntlich mein Problem.
Zum Glück kommt heute Mr. Monk. Einmal in der Woche kann ich so meine Erkrankung auch mal mit Humor sehen.
Heute musste ich lange schlafen. Ich denke, mein Körper holt sich gerade das wieder, was ich so lange nicht hatte: Schlaf. Bis 14 Uhr bin ich nicht wach gewesen und ich hätte noch länger schlafen können.
Doch ich muss mich auch noch um mich kümmern. Ich brauche unbedingt einen neuen ambulanten Therapeuten. Nachdem mein alter mal meinte, er könne mir wohl auch nicht weiterhelfen, bin ich nicht mehr hingegangen ... Ich merke aber, dass ich wieder Hilfe benötige, nur trau ich mich nicht, bei einem anzurufen. Mal sehen, wie lange dieser innere Kampf dauert.
Den Anruf beim Therapeuten verschoben, will ich erst mal einkaufen gehen; das wird mit dem ewigen Zurückverfolgen meines Gehweges eh lang genug dauern. So war es auch. Geschafft davon, so viel, selbst beim Einkauf, kontrollieren zu müssen, ruhe ich mich erst einmal aus. Mehr als eine Tätigkeit am Tag draußen schaffe ich nicht, ich bin dann zu deprimiert und ängstlich. Das reicht mir dann schon. Man kann sich vorstellen, dass da so einiges am Tag liegen bleibt oder nicht erledigt werden kann. Ich muss alle meine Erledigungen auf eine Woche aufteilen und das genau planen, damit ich jenes schaffe.
Wenigstens ist der Kühlschrank voll, obwohl das auch nicht gut ist. Ich könnte schon wieder essen. Ich hab mir aber vorgenommen, mich heute zu beherrschen, nur ausreichend zu essen – mal sehen, inwieweit das klappt.
Informationen zum Autor
Name: René van Zon
Informationen zum Tagebuch
Verfasst von René van Zon
Start der Serie am 28. Mai 2007