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Standort: Berichte und Interviews zum Thema AlltäglichesTagebuch – Tagebuch vom 07. Juni bis 11. Juni 2007

Tagebuch vom 07. Juni bis 11. Juni 2007

Verfasst von René van Zon

In den ersten zwei Wochen habe ich zu vermitteln versucht, wie eine Zwangsstörung sich äußern kann und welche Probleme damit verbunden sein können. In einem nächsten Schritt habe ich mich jetzt, da glaube ich klar ist, wie die Störung sich hervortut, dazu entschlossen, Erklärungen zu den Ursachen dieser verzwickten Krankheit mit in meine Tagesberichte einzustreuen. Ich hoffe, damit eine logische Verbindung zu den Krankheitssymptomen herstellen zu können. Ich kann mir denken, dass es dem Leser helfen kann, Parallelen als eventuell Betroffener oder Angehöriger zu ziehen, denn oft ist es so: Das Verständnis der Zwangskrankheit und ihrer komplizierten Erscheinungsform ist der wichtigste Schritt, um zur Gesundung beizutragen.

Ein informatives Lesen wünsche ich Euch allen!

Donnerstag, der 07. Juni 2007

Heute war ich zu Besuch bei einer guten Freundin – eigentlich kein großer Akt, wenn ich mich mal raus traue; sie wohnt nicht weit von mir weg, ich muss deshalb keinen allzu großen Weg auf mich nehmen. Der Besuch war geplant. Spontan kann ich kaum etwas am Tag unternehmen. Termine wie solche müssen eigentlich immer in meinem Wochenplan vorgefasst werden. Für spontane Unternehmungen ist da kaum Platz.

Wir tranken Kaffee und unterhielten uns nett. In unserem Gespräch kamen wir irgendwann auf Werbeprospekte in der Zeitung und dann sah ich es: meine heimliche Schwäche. Spongebob-Schwammkopf-Accessoires waren im Angebot. Ich war natürlich hin und weg und sagte, dass ich da dann irgendwann mal hinmüsse.

Und dann kam es, wie es halt kommen musste: Meine Freundin wollte in den Einkaufspark. Ich war wie überrannt, es war nicht in meinen strukturierten Tagesablauf eingeplant. Das Problem ist, ich traue mich nicht, nein zu sagen, weil ich schlecht lügen (das wäre ja nicht perfekt) und ich dann nicht erklären kann, warum ich nicht mitmöchte.

Ich ging also mit und wir kauften ein. Währenddessen waren meine Gedankenzwänge in voller Bereitschaft. Ich musste alles kontrollieren: "Habe ich im Auto nichts vergessen? Habe ich die Autotür zugemacht? Habe ich an der Kasse alles bezahlt? Alles eingepackt? Habe ich nichts verloren?"

Diese Gedanken sorgten echt dafür, dass ich mich überhaupt nicht entspannen konnte von dem alltäglichen Stress und keinen Spaß am Einkaufen entwickeln konnte. Sie versuchen echt starkes subjektives Leid auf emotionaler Ebene. Sie machen alles schwer, praktische Dinge und Beziehungen zu Menschen, denn man kann sich nicht so mitteilen, ist oft genervt und angespannt. Ein Mensch ohne diese Störung hat es ja schon schwer genug, dies alles verstehen und nachvollziehen zu können.

Nach dem Einkauf, der mich zwei Stunden quälte, war ich geschafft und konnte mich nur noch zu Hause ins Bett legen. Dieser ungeplante Vorgang in meinem Tag, der für andere ein Klacks ist, brachte mich völlig durcheinander. Er verstärkte meine Zwangssymptome ungemein.

Wie kommt es aber dazu, dass ich bei spontanen, nicht geplanten Situationen so aus den Fugen gerate?

Ich denke, es hat damit zu tun, dass ich ja in vielen Situationen Angst bekomme, etwas falsch zu machen. Vieles habe ich vermieden und vieles vermeide ich deswegen heute noch. Um aber noch irgendwie am Leben teilzunehmen, musste ich mir etwas einfallen lassen. Ich begann also, meinen Tag ins Genaueste im Voraus zu planen. Aber nicht nur: "Heute tue ich dies!", sondern auch, wie das alles im Genauen ablaufen würde. Unkalkulierbare Abweichungen, wie zum Beispiel bei dem Besuch der Freundin heute, sind da nicht mit eingeplant. Passiert es doch, bekomme ich sofort Ängste, etwas Falsches zu tun, denn ich habe dann nicht genug Zeit mir vorzustellen, wie dieser Einkauf heute ablaufen wird, und kann die Gefahren nicht abschätzen; keine Vorkehrungen treffen, um sie zu neutralisieren.

Im Prinzip ist es eine Schutzfunktion, alles zu planen. Aber es macht mich gleichzeitig sehr starr und unflexibel. Aber nur so komme ich irgendwie raus, auch wenn diese Schutzfunktion wie heute auch viele Probleme hervorrufen kann.

Nicht nur in solchen Situationen macht es mich unflexibel. Im alltäglichen Leben muss ich mir fast alles im Voraus vorstellen und es durchplanen, um meine Ängste zu bändigen. Es ist vorstellbar, dass die wichtigen Dinge im Leben dadurch ganz schön in Mitleidenschaft gezogen werden. Das ständige Planen und sich nicht einlassen können auf zufällige Geschehnisse ist eines meiner größten Probleme in Verbindung mit der Zwangserkrankung. Dabei passieren so viele zufällige Dinge. Wahrscheinlich habe ich auch deshalb so viele Ängste. Ich kann nicht alles voraussehen, es kontrollieren. Potentielle Gefahren könnten es sein. Und ich bin schuld, wenn ich nicht aufmerksam bin – Gedankenarbeit, die mich am Tag nicht mehr für etwas anderes leben lässt.

Freitag, der 08. Juni 2007

Endlich wieder ausgeruht, beginne ich den neuen Tag. Heute habe ich mir vorgenommen, einen Freund von mir zu besuchen. Leider habe ich zurzeit riesige Leistenschmerzen und kann nicht richtig gehen. Deshalb werde ich ihn bitten, mich abzuholen und wieder zurückzubringen. Ich hab ja anfangs meine Essprobleme schon erwähnt und ich glaube, die ersten Anzeichen für zu starkes Übergewicht drücken sich gerade in Form von Leistenschmerzen aus. Immer, wenn es mir schlecht geht, hat sich eben dieser Mechanismus entwickelt: Mit Essen geht's dir besser, das beruhigt – eine sehr gewichtsgefährdende Annahme.

Jaja ... Zwangsstörungen haben eben auch noch ihre Begleiterscheinungen. Süchte eben. Damit kann man dann das innere Chaos wenigstens ein wenig steuern. Aber auch dieser Irrglaube verflüchtigt sich spätestens fünf Minuten nach der Zigarette, beziehungsweise zehn Minuten nach dem Essen. Deshalb braucht man immer mehr, um dem Gefühlschaos Herr zu werden.

Die gesundheitlichen Folgen sind ja hinreichend bekannt. Eine psychische Behinderung/Störung kann also auch dazu führen, dass körperliche Krankheiten entstehen und umgekehrt – eine interessante Feststellung, der gestandene Ärzte auch einmal Glauben schenken sollten.

Ich habe beschlossen, mein Essverhalten zu ändern. Morgen werde ich einkaufen gehen und dementsprechend handeln.

Was mir immer mehr auffällt: Meine Zwangsstörung hat auch ihre Grenzen. Damit meine ich ländliche Grenzen. Das ist echt spannend. Zu Hause habe ich die meisten Zwänge, was meine Wohnung angeht, draußen, in Geschäften, der Stadt und auf anderen Wegen auch. Nur wenn ich woanders zu Besuch bin, dann ist das völlig selten der Fall. Ich glaube, ich will dann nicht auffallen und leite meine Zwangshandlungen in Gedanken um. Hab ich einfach so gelernt, um mir Peinlichkeiten zu ersparen und nicht komisch aufzufallen.

Ich denke, deshalb haben auch viele Freunde Probleme damit, mich zu verstehen, weil nichts "Sichtbares" vorhanden ist. Ich sollte vielleicht meinen Zwängen mal freien Lauf lassen, aber ich bezweifele, dass sie das dann wollen. Aber sie könnten dann was sehen und wie ... Manchmal wünschte ich mir, ich hätte beide Beine gebrochen, dann würde jeder akzeptieren, dass ich nicht gesund bin.

Samstag, der 09. Juni 2007

Heute war ich in der Stadt und habe die Ernährungsumstellung vollzogen. Ich bin ja mal gespannt, ob ich das durchhalte und inwieweit das was bringt. Ich werde auf jeden Fall mal davon berichten.

Gerade habe ich noch jemand Liebes getroffen, eine Bekanntschaft aus dem Chat. Wir waren Eis essen und haben uns sehr nett unterhalten. Leider ist sie zu jung für mich, aber trotzdem nett. Mal sehen, vielleicht wird ja mal ein gute Freundschaft oder so was draus. Ich mag sie, sie hat eine gute Einstellung und kann diese auch vertreten.

Eine Beziehung möchte ich nicht, aber eine Freundschaft schon. Hoffe, es wird eine. Kann schon daran liegen, dass ich lange keine Freundin mehr hatte. Ich glaube, dass es für mich so schwer ist, Beziehungen einzugehen, weil ich mich nicht schon wieder so in jemanden verlieren will, um dann langsam zuzusehen, wie es kaputt geht. Die meisten meiner Beziehungen beendete ich vorher. Meine Zwangsstörung hatte dafür gesorgt. Immerhin könnte ich ja meine große Liebe kränken, verletzen oder ihr aus Versehen anderen Schaden jeglicher Art zufügen. Also Gefahr erkannt – Gefahr gebannt! Freundin weg.

Schmerzt schon sehr ... Ich denke, deshalb lasse ich mich zurzeit eben nicht auf so was ein. Da Zwänge eh schon viel mit Emotionen zu tun haben, kann ich mir es nicht leisten, mich noch zu verlieben – jedenfalls im Moment nicht.

Die ersten Vollkornbrotscheiben gehen gerade durch meinen Magen ... Gar nicht so schlecht! Ich bete, dass ich ein wenig abnehmen kann. Um meinen Zwangsgedanken entgegenzuwirken, gibt's jetzt auch reihenweise Äpfel und so Zeugs. Wenn ich die esse, kann es mir schlecht gehen, wie es will, davon nehme ich dann nicht wirklich zu.

Die Zeit wird zeigen, ob ich die Essstörung austricksen kann.

Sonntag, der 10. Juni 2007

Ein langer Spaziergang zu meiner Freundin ließ mich heute einen Tag fast ohne schlimme Zwänge verleben. Wir sonnten uns, unterhielten uns, aßen Eis und nachher wurde gegrillt. Rundum schön. Natürlich waren zwischendurch Kontrollzwänge dabei, aber nur kleine. Trotzdem kann ich mich kaum an etwas erfreuen. Ich versuche mal, den Unterschied klar zu machen:

Ich weiß ganz genau, was schön ist und was mir Spaß macht, aber wenn ich es tue, habe ich das Gefühl dazu nicht, was mich natürlich unglücklich macht und mich frustrieren lässt. Wie soll ich etwas lange durchhalten, wenn ich keine Freude empfinden kann? Ist oft schwer für mich; dadurch gingen mir viele Hobbys verloren. Ich konnte ihnen einfach mit Ausbruch der Erkrankung nichts mehr abgewinnen.

Aber warum habe ich bei Bekannten weniger Zwänge und warum kann ich mich trotzdem an schönen Dingen nicht erfreuen?

Verantwortung und Gefühlskälte sind die Antwort. Ich denke, es liegt daran, dass ich für vieles, wenn ich bei Freunden zu Besuch bin, keine Verantwortung trage. Ich muss somit weniger Angst haben, für Schaden verantwortlich zu sein.

Ich habe gelernt, Gefühle abzustellen, vor allem das Gefühl Freude. Früher wurde ich oft getriezt, nie war ich gut genug und das war Mobbing pur. Über meine guten Arbeitsleistungen habe ich mich zunächst gefreut; da aber andere Dinge meinem Arbeitgeber wichtiger waren, als zuverlässiges Arbeiten, war ich schnell frustriert. Weil bei ihm nichts lief, wurde halt an mir herum gemäkelt. Nie war ich gut genug, dabei vollrichtete ich schon Höchstleistungen. Ich war und bin noch heute zutiefst verletzt. Ich meine, ich stellte dann irgendwann einfach meine Gefühle ab, um mit dieser Ungerechtigkeit leben zu können. Bevor ich mich über meine guten Leistungen freue und dann wieder angemacht werde – Verletzungen erfahre –, wollte ich lieber keine Freude mehr empfinden. Dann kann nichts passieren. Bis heute hat sich dieses "Trauma" leider nicht geändert.

Montag, der 11. Juni 2007

Heute war meine Mama zu Besuch. Ich muss sagen, es war nicht so schlimm wie sonst. Nachher werde ich noch versuchen, ein bisschen Einkaufen zu gehen. Mein Wasserverbrauch in meiner Dachwohnung steigt ins Unermessliche. Ist das Waaaaaarm! Mitleidsbekundungen bitte an meine E-Mail-Adresse.

Mal sehen, wie sich die Zwänge heute so entwickeln. Immer noch schiebe ich vor mich hin, dass ich mich um einen neuen Therapeuten kümmern muss. Warum eigentlich? Da muss ich mir mal Gedanken drüber machen. Na ja, davon hab ich ja genug.

Ich wünsche Euch einen schönen Wochenanfang! Meiner beginnt jetzt mit meinen übertriebenen Aufräumaktionen. seufz
Aber auch davon werde ich noch berichten!

Informationen zum Autor

Name: René van Zon

Informationen zum Tagebuch

Verfasst von René van Zon
Start der Serie am 28. Mai 2007

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