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Standort: Berichte und Interviews zum Thema AlltäglichesTagebuch – Tagebuch vom 12. Juni bis 16. Juni 2007

Tagebuch vom 12. Juni bis 16. Juni 2007

Verfasst von René van Zon

Auch in der vierten Woche meines Tagebuches gibt es wieder einiges Interessantes zu berichten. Von meiner endlich angefangenen Therapeutensuche bis zum Geburtstag meiner besten Freundin ist alles dabei. Auch in diesen Tagen begleitete mich die Zwangsstörung ständig; aber auch die Züge der Borderline-Störung kamen diese Woche sehr zum Vorschein. Wie sich dieses genau verhielt, erfahrt Ihr in den folgenden niedergeschriebenen fünf Tagen:

Dienstag, der 12. Juni 2007

Heute Morgen hab ich die beiden Verhaltenstherapeuten meiner Stadt kontaktiert. Meine Krankenkasse hat mir leider zur Auflage gemacht, dass der Therapeut mit mir Verhaltenstherapie machen muss, was den Kreis der Behandler schon ein wenig einschränkt in meiner Stadt; es gibt nur zwei. Aber wenigstens habe ich mich endlich getraut anzurufen und nach einem Therapieplatz zu fragen. Stationär in Therapie zu gehen, das bekomme ich zurzeit gesundheitlich nicht hin. Ich finde auch, dass mir ein Therapeut vor Ort besser helfen kann, finden doch der Großteil meiner Zwänge auch zuhause statt. Das ist der Nachteil bei stationären Behandlungen von Zwangsstörungen. Die stationäre Therapie ist zwar intensiver, kann aber nicht zu Hause agieren. Ein ambulanter Therapeut kann das besser. Mit ihm zusammen kann ich die alltäglichen Probleme zu Hause gleich besprechen und bearbeiten. Vielleicht schaffe ich es mit ihm, wieder mehr am Leben teilnehmen zu können und viel wichtiger: wieder meine Ausbildung aufzunehmen.

Der erste Verhaltenstherapeut war ganz lieb, aber ich muss auf die Warteliste; er meldet sich, wenn ein Therapieplatz frei ist. Dafür brachte mich der zweite auf die Palme: Ich erzählte ihm, dass ich unter anderem auch schon einmal in ambulanter Therapie war. Nun ist es so, dass zwei Jahre vergehen müssen, bis man einen neuen Therapeuten konsultieren darf. Ausnahme: Der neue Therapeut begründet in einem mehrseitigen Gutachten die Notwendigkeit einer Therapie vor Ablauf der zwei Jahre. Für den ersten Behandler war das kein Problem, nur der zweite, der hatte anscheinend keine Lust, so was zu schreiben und fand das gar nicht gut. Da dachte ich mir, wenn der schon so anfängt, wie soll das erst bei richtigen Problematiken sein? Ich finde, wenn man einem Patienten helfen will, dann findet man schon genug zu schreiben.

Nach diesen Telefonaten war ich sehr zwanghaft; das passiert mir oft nach Telefonaten. Immer, wenn ich telefoniere, setzen danach die Gedankenzwänge ein. Stundenlang kann ich nichts anderes tun, als in meinem Kopf immer wieder an die Telefonate zu denken. Das lenkt mich extrem ab und ich kann kaum Alternatives tun.

Aber wieso denke ich darüber immer nach? Ich denke, es liegt daran, dass ich Angst habe, am Telefon etwas Falsches zu sagen oder jemand zu verletzen. Ich möchte möglichst alles am Telefon losgeworden sein und denke nach, ob ich zum Beispiel dem Therapeuten alles erzählt habe und nichts vergaß. Ich habe Angst, dass mein Gesprächsanliegen dann nicht richtig rüberkam, etwas falsch läuft. Also kontrolliere ich lieber ein paar Male die Gespräche im Detail durch, um im Notfall nochmals anrufen zu können, Fehler auszubügeln. Man kann sich jetzt vorstellen, warum ich solche und andere Telefongespräche gerne vor mir hin schiebe.

Aber wenigstens habe ich die Anrufe geschafft. Bei dem zickigen Therapeuten konnte ich einen Termin in naher Zukunft herausholen. Mal sehen, vielleicht ist er ja doch ganz nett. Und vor allem: Vielleicht kann er mir helfen.

Mittwoch, der 13. Juni 2007

Hat zufällig jemand von Euch gestern die Reportage über Zwangsstörungen im Fernsehen gesehen? Die Menschen, die dort ständig kontrollieren und sauber machen müssen ... jenes kam mir schon sehr bekannt vor, aber ein junger Mann stach besonders hervor; seine Symptome sind auch die meinen. Neben Zwängen leidet er an einer Reizfilterschwäche. Sein Gehirn kann nicht unterscheiden und herausfiltern, was wichtig ist und was nicht. Er muss alles wahrnehmen. Irgendwann ist sein Kopf so voll mit Eindrücken, dass er sich stundenlang in einen reizarmen Raum zurückziehen muss, um seine Gedanken zu sortieren. Ich denke ja, dass Zwangsstörungen auch damit zu tun haben. Zwängler können auch nicht unterscheiden, was wichtig ist (Gefahr), und was unwichtig ist (keine Gefahr) – ein schmaler Grad bis dahin. Ich konnte sehr mit dem Betroffenen mitfühlen, denn auch ich brauche diese reizfreien Momente. Deshalb sind Einkäufe und Stadtgänge auch so schlimm für mich.

Ich bin regelrecht von der Reizflut überfordert, kann sie nicht sortieren und setze dann Zwänge ein, um wenigstens ein wenig Struktur in das Chaos bringen zu können.

Könnte der Zwängler etwa eine Reizfilterschwäche haben und könnten aus Angst vor den ungefilterten Gedanken Zwangshandlungen einsetzen? – Eine interessante Theorie. Ich werde das mal an mir beobachten und meinem Arzt berichten. Mir war dieses Reizfilterproblem bei mir vorher noch nie so bewusst. Reportagen können echt zum Informationsfluss beitragen. Deshalb liegt mir dieses Tagebuch ja auch besonders am Herzen.

Donnerstag, der 14. Juni 2007

Wenn ich so über mich nachdenke, dann wird mir bewusst, dass Zwänge sich durchaus auch verlagern können. Früher zum Beispiel, von Kindheit an bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr, hatte ich sehr große Probleme damit, auf die Toilette zu gehen. Es ging einfach nicht. Ich weiß auch bis heute nicht, warum. Wahrscheinlich habe ich die Zwangsbefürchtung von damals mittlerweile vergessen. Was dann passierte, weil ich nicht auf die Toilette wollte, das könnt Ihr Euch ja vorstellen. Es ergaben sich dadurch nicht nur Probleme im familiären Umfeld, sondern auch im Freundeskreis und in der Schule.

Heute ist das nicht mehr so. Ich weiß auch nicht, warum das plötzlich aufhörte, aber es hat sich meiner Meinung nach verlagert. Ich habe seitdem riesige Probleme zu duschen. Mancher mag sich jetzt die Nase rümpfen, aber es ist so. Ich muss mich echt zwingen. Mein Zwangsgedanke: "Durch den Wasserverbrauch schade ich der Umwelt!" In den Medien hört man ja immer wieder, dass Wasser verschwendet wird.

Ich persönlich glaube, dass Medien mit ihren übertriebenen, sensationsorientierten Berichterstattungen Ängste bei vielen Menschen auslösen. Sie tragen ihren persönlichen Teil dazu bei, dass es immer mehr Angsterkrankungen gibt.

Auch mir bescheren sie immer neue Zwänge, wenn ich durch ihre Berichte Angst bekomme.

Heute habe ich es geschafft zu duschen. Da bin ich froh drüber, auch wenn mir der Gedanke, die Umwelt geschändet zu haben, bis heute Abend nicht aus dem Kopf geht.

Freitag, der 15. Juni 2007

Heute geht mir mein Kumpel, der liebe Gott, nicht aus dem Kopf. Den ganzen Tag muss ich mich zwanghaft mit ihm beschäftigen. Ich bin sehr gläubig. Leider habe ich in letzter Zeit nicht viel zu ihm gebetet.

Ich frage mich immer, warum er mir nicht hilft und mich so leiden lässt. Ich möchte ja nur wissen, warum. Gott hat mir schon oft geholfen, auch wenn ich krank bin, hat er mich durch alle schweren Zeiten begleitet. Als kleines Kind bat ich Gott und Jesus, auf mich aufzupassen. Das taten sie auch.

Das Einzige, was mir heute Kopfzerbrechen bereitet ist, warum ich das durchmachen muss. Warum macht er nicht, dass die Krankheit weggeht? Ich kann von diesen Gedanken den ganzen Tag nicht lassen. Manchmal wünsche ich mir, er möge mich doch endlich zu sich holen; bei ihm würde es mir bestimmt besser gehen.

Ich weiß nicht, vielleicht hat er ja noch was vor mit mir; ich spüre ja auch, dass er bei mir ist – ein unbeschreibliches Gefühl, ich weiß einfach, dass er da ist und es ihn gibt.

Bestimmt hilft er mir auch durch diese Phase meines Lebens hindurch.

Samstag, der 16. Juni 2007

Heute ist Julias Geburtstag. Ich freue mich schon sehr. Immerhin hat mein liebes Julchen ihren Purzeltag. Aber es ist auch immer eine Herausforderung. Viele Eindrücke prasseln auf mich ein und es sind viele Leute da. Ich habe immer Schwierigkeiten, mich mit anderen Menschen zu identifizieren. Ich vermute immer, dass Böses von ihnen kommt. Dementsprechend bin ich auch immer sehr zurückhaltend. Auf Partys kann ich immer selten Spaß empfinden, zu beschäftigt bin ich mit mir selbst. Ich kann nicht loslassen und einfach mal ich sein. Der Zwang regelt einfach alles. Ich überlege mir dann lieber zehnmal, ob ich was sage, bevor es falsch ist. Und wenn ich was sagte, dann war ich mir auch nicht sicher, ob jetzt irgendjemand etwas Schlechtes von mir denkt.

Aber es war schön, Julia so fröhlich mit ihren Freunden zu sehen – eine gelungene Geburtstagsfeier. Irgendwann wollten alle noch in die Stadt, ich bin dann nach Hause gegangen. Ich wohne ja nicht weit von Julia weg. Sie kennt das schon von mir und ich hoffe, sie nimmt es mir nicht böse.

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass ich mit dem Wort "verlieben" sehr freizügig umgehe. Ich würde zwar nie eine Beziehung eingehen, aber trotzdem hört man daraus doch den tiefen Wunsch danach. Wenn ich Mädels kennen lerne, fühle ich mich sehr schnell gedanklich zu ihnen hingezogen. Das geht schon nach fünf Minuten. Auf der Geburtstagsfeier war das auch so. Ich hoffe sehr, dass ich damit niemanden verletzte, obwohl ich nicht denke, dass jemand diese Gedanken bemerkt. Da ich keine Beziehungen eingehen möchte und ich damit auch keinen belästige, bleiben diese Gedanken einfach in meinem Kopf. Ist auch besser so; im Kopf verliebe ich mich schnell, und das kann natürlich nur zur Enttäuschung führen. Ich muss das üben, Distanz im Kopf zu behalten, denn ich bin nun mal nicht der Frauenschwarm. Ich denke, es gibt nur Frust, wenn ich mir Liebe wünsche. Interesse hatte noch nie jemand an mir. Wenn ich mich dann mal wieder "verliebe", dann bin ich schnell sehr depressiv, weil ich merke, dass jenes nicht funktionieren kann.

Ich denke, es liegt daran, dass ich nie Liebe geschenkt bekommen habe und so auch selten weiß, was Liebe ist. Ich möchte die Liebe dann sofort erfahren, kann das nicht abwarten und kann so gedanklich zu weiblichen Menschen keine Distanz halten. Das belastet mich schon sehr, kann ich dadurch kaum Freundschaften schließen.

Auf Partys, auch gestern, habe ich immer das Gefühl, nicht dazuzugehören, nicht erwünscht zu sein und nicht gemocht zu werden. Ich weiß, das ist nicht so, aber das Gefühl ist da. Aber ich habe einen Fortschritt getan: Ich habe die Feier ausgehalten und auch die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht so schlimm ist.

Auf dem Rückweg nach Hause sagte ich noch einer Freundin von Julia auf Wiedersehen. Sie nahm mich in den Arm und wünschte mir eine "gute Nacht". Ich hab mich da so drüber gefreut, widerlegte das doch all meine Befürchtungen. Den Rückweg war ich echt am Heulen, aber auch das tat gut.

Informationen zum Autor

Name: René van Zon

Informationen zum Tagebuch

Verfasst von René van Zon
Start der Serie am 28. Mai 2007

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