Projekt-Logo: ein gezeichnetes Ginkgo-Blatt
projekt-gink-go.org
Standort: Berichte und Interviews zum Thema AlltäglichesTagebuch – Tagebuch vom 17. Juni bis 21. Juni 2007

Tagebuch vom 17. Juni bis 21. Juni 2007

Verfasst von René van Zon

Mensch, bin ich fleißig; mittlerweile kann ich Euch hier die fünfte Woche meines Lebens mit einer Zwangsstörung präsentieren! Mittlerweile sehe ich sie wirklich als eine psychische Behinderung. Besonders die Zwangsgedanken, welche mir Befürchtungen aller Art ins Gedächtnis flüstern, schränken mich in meinem Alltag sehr ein und lassen mich kaum am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Doch ich habe Maßnahmen ergriffen, dagegen zu kämpfen und die Zwangsstörung besser in den Griff zu bekommen. Aber lest ruhig selbst:

Sonntag, der 17. Juni 2007

Oh, oh, der Geburtstag war ganz schön anstrengend! Ich glaub, ich bin jetzt noch betrunken. Jedenfalls fühlt es sich so an. Meine Zwangssymptome sind heute ganz schlimm. Da ich durch den Geburtstag und seine alkoholischen Getränke noch ziemlich angeschlagen bin, habe ich nicht die volle Konzentration. Und schon flüstert mir mein Freund, der Zwang, ins Ohr, alles noch genauer als sonst zu kontrollieren. Es war heute ein sehr anstrengender Tag. Ich war zwar noch bei meiner Freundin zum Kuchenessen, aber meine Gedanken, etwas falsch gemacht zu haben, weil ich ja Alkohol getrunken habe, ließen mich einfach nicht los. Jeden Handgriff musste ich kontrollieren. Ich weiß schon ganz genau, warum ich eigentlich nie Alkohol trinke, aber andererseits wollte ich auf der Party auch nicht als Spaßverderber auftreten – nun ja, das bekannte Problem. Das nächste Mal werde ich auf jeden Fall keinen Alkohol trinken; tue ich sonst ja auch nicht, das wirft mich sonst zu sehr aus der Bahn. Aber über eines bin ich sehr glücklich: Ich habe es geschafft, ganz lange bei Julias Geburtstagsparty zu bleiben. Ich glaube, da hat sie sich auch sehr drüber gefreut. Und wenn Julia sich freut, dann freue ich mich; auch wenn es mir leid tut, dass ich es ihr nicht immer so zeigen kann. Sie bedeutet mir das Meiste auf der Welt – als Kumpeline natürlich. Ich weiß gar nicht, was ich machen würde, wenn sie nicht da wäre. Sie hält zu mir und kritisiert mich nicht so sehr, wenn ich mal wieder "zwängle" – eine richtig gute Kumpeline halt, meine Beste.

Abends ging es mir von den Zwängen leider noch immer nicht besser und ich war körperlich sehr schlapp. Jede einzelne Bewegung war ein Kraftakt; das habe ich öfter. Immer, wenn die Zwänge sehr schlimm sind, dann bin ich körperlich wie gelähmt. Ich liege dann zum Beispiel auf dem Bett und kann einfach nicht aufstehen. Ich bin dann wie blockiert; mein Kopf will nicht, dann mein Körper auch nicht. Psychosomatische Lähmung, denke ich mir dann immer.

Ich hoffe ganz dolle, dass Julia mich noch lieb hat. Immer, wenn ich sie sehe, plagen mich die Gedanken, ob ich ihr ein guter Kumpel bin. Immerhin sagt sie, ich bin ihr bester Freund. Mir tut es immer leid, dass ich nicht so kann, wie ich gerne will. Das macht es dann natürlich schwierig, mit Julia etwas ihren Interessen entsprechend zu unternehmen. Das will mir auch nicht aus dem Kopf. Immer und immer wieder muss ich es denken. Aber trotzdem genieße ich die Abende, wo wir zusammen kniffeln und TV schauen. Ich möchte ihr gerne mehr beistehen, sie unterstützen und für sie da sein, aber irgendwie geht es nicht. Ich möchte, dass sie's gut hat im Leben, und mit ihr Spaß haben. Vielleicht bin ich ja mal irgendwann so gesund, dass ich ihr ein besserer Kumpel sein kann.

Montag, der 18. Juni 2007

Mir hilft das Tagebuchschreiben sehr in diesen schwierigen Tagen. Ich bin völlig durch den Wind. Ich fand die Party echt schön und ich war gerne da, aber ich bin selber schuld, ich habe Alkohol getrunken. Der Tag danach, wo ich so geschwächt war, hat mich völlig aus meiner Wochenstruktur geworfen. Zwangspatienten haben meist eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie die Woche laufen muss, ihre gesamten Tätigkeiten eingeschlossen. Durch das Alkoholtrinken hatte ich aber einen Tag, der nicht so lief, wie er sollte. Das war nicht gut. Ich bekam starke Ängste, die sich darauf bezogen, dass ich etwas verloren habe, die Wohnung verschwindet oder jemand bei mir einbricht. Ich weiß natürlich, dass dies nicht geht, habe ich doch zwei sehr wachsame Nachbarn, die auf mich aufpassen, und wir achten gegenseitig aufeinander. Aber das Gefühl, die Angst, ist trotzdem da. Meist hat die Zwangsstörung bei mir nichts mit dem logischen Verstand zu tun, sondern mit Angstgefühlen. Irgendwann in meinem Leben waren diese Angstgefühle logisch und nötig, um meinen Lebensalltag zu gestalten und zu bewältigen. Nur jetzt, wo ich ein eigenes Leben führe und alleine wohne, da sind die früher notwendigen Bewältigungsstrategien unnötig geworden. Sie haben sich so verselbstständigt, dass ich kaum eine Kontrolle über diese Gefühle habe. Die Ängste sind einfach geblieben, obwohl sie im Gegensatz zu früher nicht mehr nötig sind. Sie sind sehr in mein Gedächtnis eingebrannt und wollen verhindern, dass ich wieder in das Chaos von früher versinke. Das Komische daran: Gerade ein bisschen Chaos würde mir wohl sehr gut tun, um auch mal fünfe gerade sein lassen zu können.

Die große Angst bringt mich dazu, Zwänge in Form von Gedanken und Handlungen einzusetzen. Nur mit ihnen kann ich "ganz sicher" sein. Immer und immer wieder denke ich alles durch und kontrolliere Haus und Hof. Das Schlimme daran ist: Auch dann bin ich mir nicht hundertprozentig sicher. Das eine kleine Restprozent, jenes ist wohl das Problem, was fast jeden Zwangspatienten zur Verzweifelung bringt. Es könnte ja ... Okay, ich kontrolliere dann lieber noch zehnmal! Es ist ein echter Teufelskreis. Mittlerweile kann ich mir auch nicht mehr vorstellen, ohne Zwänge zu leben, die mein Leben, das für mich so bedrohlich ist, ein bisschen sicherer machen. Das merke ich immer dann, wenn ich Zwänge nicht ausführen kann. Dann ist eine Angst da, als würde die Welt untergehen. So geht's mir heute, und in solchen Phasen kann ich nicht viel tun. Warten, dass es vorbeigeht, ist die Devise.

Dienstag, der 19. Juni 2007

Mir geht's leider immer noch nicht besser, ich knabbere immer noch daran, dass mein Wochenablauf so durcheinandergekommen ist. Ich fühle mich depressiv und habe viele Ängste.

Es ist unglaublich, dass ich damals vom Versorgungsamt nur 30% GDB bekommen habe. Wahrscheinlich war meine Erkrankung bis dato noch nicht so ausgeprägt. Aber wenn ich so betrachte, was ich alles kann und was nicht, dann denke ich, das ist zu wenig. Ich kann nicht arbeiten, ich kann kaum die Teilhabe an der Gesellschaft realisieren und die kleinsten Dinge nicht ohne Schwierigkeiten erledigen. Ich glaube, es kämpfen zu wenige Leute mit psychischen Behinderungen dafür. Eine geistige Behinderung ist ja noch mal was anderes. Aber auch ich stehe nicht so im Leben wie ein gesunder Mensch.

Vielleicht sollte ich ein Neufeststellungsverfahren beim Versorgungsamt beantragen – wenn ich mich das traue. Zurzeit habe ich große Sorgen, wie das alles werden soll, Ämter hier und Ämter da. Ich komme nie zur Ruhe, weil ich mir immer Sorgen machen muss, dass mir irgendwann mal die Unterstützung versagt wird. Ich will ja gerne was machen, aber es geht nun mal nicht. Wenn ich erst mal die Ruhe hätte, könnte ich mich mehr um mich kümmern, ohne immer den Druck zu spüren. Ich werde mir mal überlegen müssen, ob ich da nicht eine Regelung finden kann.

Für Tipps von Euch bin ich natürlich sehr dankbar. Schreibt mir einfach unter meiner E-Mail-Adresse.

Mittwoch, der 20. Juni 2007

Heute hat mein neuer Therapeut angerufen. Juchhuuuuuuuu! Er musste zwar unseren ausgemachten Termin verschieben, hat aber vom Arzt die benötigten Unterlagen bekommen, um für die Krankenkasse ein Gutachten zu schreiben. Am 25.06. kann es endlich losgehen. Mir fällt ein Stein vom Herzen, kann ich doch zurzeit jegliche Unterstützung gebrauchen.

Es geht mir heute zwar noch nicht besser, aber das war wenigstens mal eine gute Nachricht. Heute bin ich auch noch sehr mit Zwangssymptomen beschäftigt. Heute war Wäschewaschen dran und das ist immer besonders schlimm für mich. Wenn ich mit Geräten und Einzelteilen (hier die Wäsche) zu tun habe, bekomme ich immer Angst, ich könnte etwas nicht ausgestellt, falsch eingestellt oder verloren haben. Da ich eh noch sehr angeschlagen bin, gab mir das mal wieder den Rest. Stundenlang musste ich den Waschkeller aktiv und in Gedanken kontrollieren – damit auch alles wirklich in Ordnung ist, gleich das Haus und den ganzen Tagesablauf dazu. Im Moment ist es wirklich wieder sehr schlimm.

Deshalb habe ich mich entschieden, das Medikament gegen meine Zwänge wieder zu nehmen. Ich hatte es abgesetzt, weil es Nebenwirkungen hatte, die ich nicht so toll fand, aber jetzt werde ich da wohl durchmüssen; nach einigen Tagen gehen die weg. Ich denke, ich brauche das jetzt zur Unterstützung, um wieder einigermaßen auf den Damm zu kommen. Mal sehen, wie es wird.

Donnerstag, der 21. Juni 2007

Puhhh ... heute geht's mir schon viel besser. Nicht mehr so viele Ängste sind vorhanden. Sie flammen zwar noch ab und zu auf, aber nicht mehr so extrem. Ich glaube, das Medikament wirkt ganz gut. Deshalb werde ich jetzt den guten Tagesstart nutzen und die liegengebliebenen Dinge erledigen. Zwar habe ich nach wie vor die vielen Zwänge, aber wenigstens sind diese Vernichtungs- und Existenzängste der letzten Tage nicht mehr so extrem.

Man mag es kaum glauben, aber für mich sind solche "guten Tage" die einzige Möglichkeit, im Leben richtig zu agieren.

Informationen zum Autor

Name: René van Zon

Informationen zum Tagebuch

Verfasst von René van Zon
Start der Serie am 28. Mai 2007

Zurück zur Übersicht

Seitenanfang