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Standort: Berichte und Interviews zum Thema AlltäglichesTagebuch – Tagebuch vom 22. Juni bis 26. Juni 2007

Tagebuch vom 22. Juni bis 26. Juni 2007

Verfasst von René van Zon

Ereignisreiche fünf Tage liegen hinter mir. Zum Teil war es sehr anstrengend, aber auch erfolgreich. Das warme Wetter macht mir sehr zu schaffen, ich bin sehr feinfühlig, was die Temperaturen angeht. Schwüle und Hitze sind nicht gut für mich. Das erschwert mir meinen Tag zusätzlich. In einem großen Kraftakt habe ich aber einige Dinge ganz gut organisiert.

Freitag, der 22. Juni 2007

Also, ich habe Euch ja erzählt, dass ich meine Medikamente gegen Zwänge wieder nehme. Ich hatte sie damals abgesetzt, weil die Nebenwirkungen zu groß waren. Da es mir aber immer schlechter geht, was die Zwänge angeht, muss ich da jetzt wohl einmal durch. Momentan bemerke ich auch nichts anderes als Nebenwirkungen, aber das hat mein Arzt auch gesagt; die überwiegen am Anfang. Durch das Medikament bekommt man einen trockenen Mund, vermehrte Schweißausbrüche, wird müde und es treten stärkere Zwangssymptome auf – bei dem warmen Wetter und meinen sowieso schon starken Zwangsgedanken und -handlungen also eine echte Meisterprüfung für mich. Diese Nebenwirkungen lassen nach zwei Wochen nach – habe ich damals nicht durchgehalten, zu stark waren sie. Aber jetzt bin ich gut dabei und guter Hoffnung es durchzustehen.

Während ich die Medikamente nehme und ihre Nebenwirkungen noch auftreten, bleibe ich zu Hause. Es ist besser, wenn ich einen sicheren Raum habe, um diese Zeit durchzustehen. So beschränkt sich beispielsweise das Zwangsverhalten nur auf meine kleine Wohnung und gelegentliche Einkäufe.

Ich hoffe, dass nach den zwei Wochen die Medikamente ihre eigentliche Wirkung entfalten. Ich bin gespannt und werde Euch davon berichten.

Samstag, der 23. Juni 2007

Menno, habe ich mir Sorgen um meine beste Freundin gemacht! An diesem Beispiel kann man gut erkennen, wie mir diese Zwangsvorstellungen und -befürchtungen das Leben schwer machen. Man kann genau sehen, wie so eine Zwangsgedankenkette eskaliert und mich in unrealistische Angstzustände versetzt. So eine Zwangsgedankenkette ist übertragbar auf andere Situationen.

Julia arbeitet nämlich und fährt jeden Tag mit dem Auto dorthin. Jetzt war das Problem, dass jenes Auto kaputt ging und sie ein neues brauchte. Der zuständige Verkäufer hat sie wohl betrogen, und so war bis jetzt nichts mit Garantie und "Geld zurück". Also musste schnell ein neues Auto her, und möglichst günstig. Das war mein Stand der Dinge. Mit diesem Wissen sah ich sie das letzte Mal.

Nach einigen Tagen versuchte ich, Julia zu erreichen, aber ihr Handy war aus, und das zwei Tage lang; keine Antwort auf eine SMS von mir, und anrufen konnte ich auch nicht. Und schon gingen meine Zwangsgedanken los. Die machten mir solche Angst, dass ich den ganzen Tag an nichts anderes denken konnte als an Julia. Ich hatte Angst, ihr wäre etwas passiert oder das mit dem Auto hat nicht geklappt, oder sie braucht Geld. Sogar an den Verlust der Arbeitsstelle habe ich gedacht. Ich hatte solche Angst, dass meine Gedanken nur an diesen Vorstellungen hafteten. An mehr logische, wohlüberlegte Gedankengänge konnte ich mich nicht halten. So Überlegungen wie diese fallen mir in solchen Situationen nicht ein; die Angstgefühle sind stärker und besiegen den Verstand: "Julia hätte mich angerufen, wenn etwas wäre. Sie hätte mich um Hilfe gebeten oder ihre Mama hätte mit mir telefoniert." Ein Gedanke, dass Julia auch einfach nur ihr Ladegerät für das Handy vergessen hat, kam bei mir nicht auf. Denn das stellte sich nachher heraus, als ich vor lauter Angst ihre Oma anrief. Es war alles in Ordnung. Arbeit war gut, Auto ist gut, nur das Ladegerät für das Handy, das fehlt. Ich war erleichtert und erschrocken zugleich. Ich war froh, dass es Julia in allem gut ging, aber auch sehr deprimiert, dass ich immer gleich an das Schlimmste denken muss. Diese Zwangsbefürchtungen habe ich nicht nur in dieser Situation, nein, ich muss fast täglich in vielen Situationen mit ihnen kämpfen; ein "normales" Genießen des Lebens machen sie fast unmöglich. Kaum passiert etwas in meinem Tagesgeschehen – und sei es nur das vergessene Handy –, löst dieser Reiz bei mir Angst und Lähmung aus. Die Angst vor der Sache beschäftigt mich dann so sehr, dass anderes am Tag kaum möglich ist. Die leichtesten Dinge werden dann für mich zu den schwersten im Leben. Die Zwangsgedankenkette, welche sich dann aufbaut, lässt mich dann viele Dinge vermeiden, weil diese Befürchtungen in meinem Kopf so real werden, dass ich nichts mehr tun kann. Einen Tag war ich wie gelähmt, bis ich dann endlich erfuhr, dass es Julia gut geht und ich sie sehen konnte.

Es wird Aufgabe meiner zukünftigen Therapie sein, diese Zwangsgedanken besser zu kontrollieren und mit ihnen umgehen zu können, denn immerhin sind sie zum größten Teil für meine seelische Behinderung im Alltag verantwortlich.

Sonntag, der 24. Juni 2007

Neue Dinge in meinem Leben sind auch schrecklich für mich. Sie sind ungewohnt, machen Angst und ich kann sie nicht so einschätzen wie die alten, bewährten und vor allem Sicherheit vermittelnden Gewohnheiten.

Mein neuer Computer bringt mich noch um den Verstand! Er funktioniert anders und er muss neu installiert werden. Mindestens dreimal habe ich das jetzt schon getan, aber ich bin mir immer noch nicht sicher, dass jetzt alles in Ordnung ist und richtig funktioniert. Irgendeine Angst in mir sagt, dass wenn nicht alles da ist und ich etwas vergessen habe zu installieren, etwas Schreckliches passieren wird. Das Problem ist wie in vielen Situationen: Ich kann diese Angst nicht benennen, ich weiß nicht, woher sie kommt und warum sie eigentlich da ist. Es ist verborgen in mir und ich denke, ein Trauma, welches ich so sehr verdrängt habe, dass ich dort nicht mehr rankomme. Oft ist es so, dass ich vor neuen Dingen Angst habe, weil ich mich nicht darauf verlassen kann, dass sie sicher sind. Oft ist es außerdem so, dass ich jede Veränderung mit der Angst vor Katastrophen assoziiere. Ich habe noch nicht herausgefunden, warum das so ist. Auch dies wird ein Kernthema meiner Therapie sein müssen. Ich bin fest davon überzeugt, wenn ich da rankomme, könnte sich einiges verbessern.

So lange muss ich leider weiter neue Dinge wie den Computer auf ihre hundertprozentige Funktionsweise und Sicherheit überprüfen, damit sie in meinen Kreis der "sicheren Dinge" aufgenommen werden können. Ich denke, ich muss den Computer heute noch ein viertes Mal neu aufspielen. Ich kann zurzeit leider nichts dagegen tun!

Montag, der 25. Juni 2007

Heute habe ich viele Termine: einen beim Arzt und einen bei meinem neuen Therapeuten. Wie oben schon beschrieben, konnte ich so einige Dinge in die Wege leiten, um zu versuchen, meiner Zwangsstörung wenigstens etwas zu Leibe zu rücken.

Mit dem Arzt wollte ich besprechen, die Medikamente noch ein bisschen höher zu dosieren. Die Nebenwirkungen lassen so langsam nach, und er war damit einverstanden. Bei Antidepressiva muss man nämlich höher dosieren, damit sie eine Wirkung bei Zwangsstörungen haben. Mein Arzt war froh, dass ich einen neuen Therapeuten gefunden hatte. Ich erzählte ihm, dass meine Zwangssymptome nicht besser sind; ich kontrolliere ja immer noch alles in meiner Umgebung, auch die Zwangsgedanken haben sich verschlimmert. Der Arzt hofft, dass ich, wenn die Wirkung des Medikamentes einsetzt, ein bisschen Unterstützung erfahre. Wir machten einen neuen Termin aus.

Abends lernte ich dann meinen neuen Therapeuten kennen – ein sehr netter Mann, der mir aber auch nach einiger Zeit mitteilte, dass ich laut Klinikbericht doch schon eine sehr schwere Zwangsstörung habe. Er war sehr interessiert und kannte sich auch gut aus. Nur war er sich nicht sicher, ob er mir helfen kann. Wir machen jetzt ein paar Termine aus, damit er mich kennenlernen kann und er eine Chance hat, einzuschätzen, ob er sich eine Therapie mit mir zutraut. Ich wäre gern bei ihm, denn er macht auf mich einen sehr kompetenten Eindruck.

Drückt mir die Daumen, dass es was wird!

Dienstag, der 26. Juni 2007

Heute geht es mir schon ein bisschen besser. Die Medikamente machen mich nicht mehr so müde und ich werde mal die Chance nutzen, nach diesen Tagen ein wenig an die Luft zu kommen. Mal sehen, wie ich zurechtkomme. Eine Wirkung auf die Zwänge hat das Medikament noch nicht, aber die Nebenwirkungen lassen so langsam nach. Also werde ich mich jetzt mal raustrauen.

Bis zum nächsten Mal, sagt René.

Informationen zum Autor

Name: René van Zon

Informationen zum Tagebuch

Verfasst von René van Zon
Start der Serie am 28. Mai 2007

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