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Standort: Berichte und Interviews zum Thema AlltäglichesTagebuch – Tagebuch vom 27. Juni bis 01. Juli 2007

Tagebuch vom 27. Juni bis 01. Juli 2007

Verfasst von René van Zon

Etwas verspätet, aber trotzdem erschienen, bekommt Ihr heute mein nächstes Tagebuch zu lesen. Ich habe es aus organisatorischen Gründen einfach nicht geschafft, meine Aufzeichnungen früher fertigzustellen. Woran das lag, lest bitte selbst.

Mittwoch, der 27. Juni 2007

Heute ist der Geburtstag meiner Oma und ich weiß echt nicht, ob ich hingehen soll. Meine Zwangssymptome sind weiterhin nicht besser geworden. Ich kontrolliere immer noch sehr viel und habe starke Zwangsgedanken. Wie ihr ja wisst, sind Partys mit vielen Eindrücken und Menschen sehr schwer für mich zu verkraften. Wenn meine Verwandten da sind, ist das dann noch eine zusätzliche emotionale Belastung für mich. Ich habe dann ein schlechtes Gewissen, weil ich mich nicht bei ihnen melden kann und nicht so viel Spaß mit meinen Verwandten haben kann, wie ich gerne wollte. Meine ohnehin schon vorhandenen Zwänge verstärken sich dann zunehmend. Ich will alles richtig machen und bloß nicht offenbaren, wie schlecht es mir wirklich geht. Immerhin ist dies der Geburtstag meiner Oma und kein Trauerfest. Weil ich keine konstanten Beziehungen zu Menschen führen kann und diese aus Krankheitsgründen nicht immer aufrecht zu erhalten vermag, lasse ich erst keine intensiven Kontakte entstehen. So muss mich nicht immer das schlechte Gewissen plagen, wenn ich mal wieder etwas nicht einhalten konnte, weil meine Erkrankung zu akut war. Hinzu kommt, dass ich, seitdem ich krank bin, aus Gründen, welche ich noch nicht für mich erschließen konnte, ein sehr schlechtes Verhältnis zu meiner gesamten Familie habe. Der Kontakt besteht so gut wie gar nicht mehr. Nur noch zu offiziellen Anlässen lasse ich mich da blicken, und jenes auch nur ungern bis gar nicht. Ich denke, es liegt einfach an meiner Vergangenheit, welche mich so traumatisiert hat, dass ich eine regelrechte Abneigung gegen meine Familie entwickelt habe.

Aus all diesen Gründen sind Familienveranstaltungen für mich eine immense Herausforderung und ich schaffe es einfach nicht, an so was teilzunehmen. Immer wieder überlege ich hin und her und mich plagen schlechte Gefühle, wenn ich nicht hingehen sollte – der Zwangsgedanke in dieser Situation: "Wenn ich nicht hingehe, dann wird mich irgendjemand dafür schon noch bestrafen, und wenn's nur sieben Jahre Pech ist!" Also bin ich zu meiner Oma. Einerseits war ich froh, dass ich meinen Zwangsgedanken endlich los war, aber ich war auch frustriert, weil ich ihm mal wieder nachgeben musste. Die Angst war einfach zu groß.

Natürlich kam, was passieren musste; es passierte genau das, was ich vorhin beschrieb: In meinem Kopf tummelten sich alle möglichen Gedanken, schlechte Gefühle, schlechtes Gewissen, Hass, Trauer und Wut. Ich konnte diese vielen Eindrücke nicht verarbeiten, besonders, weil es sich um meine Familie handelt und ich diesen Gedanken dann natürlich noch größeres Gewicht beimesse. Ich kann sie einfach nicht sortieren und muss alles denken, was mir zu einer Situation wie dieser einfällt. Ob der Gedanke nun passend ist oder nicht, jenes ist in dem Moment egal. Ich war so blockiert im Kopf, dass ich einfach nur noch da sitzen konnte. Ich tat einfach nichts, nur da sitzen.

Auf dem Geburtstag hielt ich es auch keine Stunde aus. Ich wollte nur nach Hause, um meine Gedanken wieder in Ordnung zu bringen. Der nächste Geburtstag ist erst in einem Jahr und bis dahin hab ich noch Zeit.

Zu Hause angekommen, brauchte ich fast zwei Stunden, um gedanklich so ansprechbar zu sein, dass ich wieder etwas mit mir anfangen konnte.

Donnerstag, der 28. Juni 2007

Heute war ich bei der Untersuchung vom Amtsarzt der Agentur für Arbeit. Meine Zwangsstörung hat ja nicht nur Auswirkungen auf mein innerseelisches Erleben und meine Gesundheit, nein, sie zieht auch organisatorische und finanzielle Probleme mit sich. Seit ich krank bin, bin ich auf Unterstützung des Staates angewiesen, also des Arbeitsamts. Nun hat mich der Amtsarzt für bis zu einem Jahr wieder krankgeschrieben und für voll erwerbsgemindert erklärt. Somit bin ich für lange Zeit nicht für eine Anstellung vermittelbar, und ich werde vom Arbeitsamt keine Unterstützung mehr bekommen. An anderer Stelle werde ich, weil ich ja zurzeit aus gesundheitlichen Gründen meinen Lebensunterhalt nicht selber bestreiten kann, aus einem anderen Topf finanzielle Unterstützung erhalten. Mir geht es jetzt besonders schlecht, weil meine Zwangsvorstellungen mir jetzt wieder Angst machen. Ich habe Befürchtungen, kein Geld mehr zu bekommen oder dass sonst etwas mit den Anträgen schief gehen könnte. Morgen soll ich Post bekommen, an welcher Stelle ich dies beantragen muss und was zu tun ist. Der Amtsarzt heute war sehr nett, hatte viel Verständnis für meine gesundheitliche Verfassung und konnte nachvollziehen, dass ich nicht in der Lage bin, meine Ausbildung beziehungsweise meine Arbeit wieder aufzunehmen. Heute habe ich besonders starke Zwänge und muss alles sehr oft kontrollieren, weil ich Angst habe, meine Wohnung zu verlieren. Diese Zwangsvorstellung kommt immer, wenn es um Existenzdinge geht. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich zurzeit nicht arbeiten kann und auf Hilfe angewiesen bin. Wenn dann solche finanziellen Dinge geklärt werden müssen, habe ich besonders starke Zwangsbefürchtungen. Ich habe Angst, alles zu verlieren. Für mich ist die Angst dann so groß, dass ich fast glaube, bald selber nicht mehr zu existieren. Ich hoffe, dass ich diese Dinge bald geklärt habe, denn die Zwangsgedanken lähmen mich sehr und lassen mich nichts anderes mehr tun. Ich bin zu fast nichts anderem in der Lage.

Freitag, der 29. Juni 2007

Heute habe ich Post vom Arbeitsamt bekommen. Ich muss Grundsicherung für Erwerbsgeminderte bei meiner Gemeinde beantragen. Auch soll ich abklären, ob ich einen Anspruch auf Erwerbsminderungsrente habe. Jetzt weiß ich wenigstens Bescheid, was zu tun ist. Bei der Gemeinde habe ich angerufen und bekomme einen Antrag zugeschickt. Morgen habe ich einen Termin bei der Rentenversicherung, um auch dort einen Antrag zu stellen. Die Nachweise darüber muss ich nämlich dem Arbeitsamt zukommen lassen. Ich habe glücklicherweise erfahren, dass die Agentur für Arbeit für mich weiterzahlt, bis die Anträge durch sind. Ich habe mir mal wieder umsonst Sorgen gemacht. Man kann aber an solchen Beispielen gut erkennen, wie mich diese Zwangsbefürchtungen lähmen und in was für einen unrealistischen Angstzustand mich diese versetzen. Dass viele Probleme sich ganz einfach lösen lassen, spielt dabei keine Rolle. Diese Zwangsbefürchtungen machen für mich viele Situationen erst zum Problem und machen mich fast handlungsunfähig. Solange diese Dinge noch nicht durchgestanden sind, werden mich Gedanken an das Nichts plagen. Auch heute muss ich alles kontrollieren, um einfach nichts zu verlieren und keine Angst haben zu müssen.

Samstag, der 30. Juni 2007

Bestimmte Reize lösen bei mir Ketten von Zwangsgedanken aus. Eben habe ich einen Brief aus meinem Postkasten gezogen; meine ehemalige Klassenlehrerin aus der Ausbildung hat geschrieben. Und schon gehen bei mir wieder ganz viele beängstigende Gedanken durch den Kopf: Ich bekomme Angst, dass ich nie wieder meine Ausbildung beenden kann und ich abermals solche Schwierigkeiten im Zusammenspiel Zwangsstörung/Ausbildung bekomme. Alle meine Erinnerungen an diese Schwierigkeiten kommen wieder hoch. Ich denke, dass meine Zwangsstörung eng mit meiner Schulausbildung zusammenhängt. Ich befürchte, wieder so einen übertriebenen Perfektionismus an den Tag zu legen und die Ausbildung kräftemäßig ebenfalls nicht zu Ende bringen zu können. Ich bin ja jetzt schon so ein Kontrollfreak, mit meiner Ausbildung würde dies bestimmt noch schlimmer werden. Ausgezehrt vor Erschöpfung bin ich jetzt schon. Die täglichen Zwangssymptome rauben mir ständig die Kräfte.

Meine Klassenlehrerin schlägt ein Treffen am 4. Juli vor und ich werde hingehen. Vielleicht bekomme ich so noch einmal eine andere Sicht der Dinge und bekomme noch den einen oder anderen Rat mit auf den Weg. Irgendwie bin ich froh, denn ich vermisse die Ausbildung sehr und bin unglücklich, dass ich zurzeit nicht arbeiten kann. So kann ich noch den Kontakt zur Schule halten und ihn nicht ganz verlieren, wenn ich irgendwann mal wieder in der Lage bin, die Ausbildung zu beenden.

Heute muss ich ständig an die Schule denken, und ich hoffe sehr, bald wieder gesund zu werden!

Sonntag, der 01. Juli 2007

In letzter Zeit ist mir etwas aufgefallen, was bei meinen Zwangssymptomen immer schlimmer wird: Immer, wenn ich unterwegs bin, irgendetwas getan habe und dann wieder zu Hause bin, kann ich erst mal nichts mehr tun. Ich bin dann im Kopf voll blockiert. Mir schwirren dann die ganzen Eindrücke im Gehirn herum. Alles muss ich wahrnehmen und denken. Diese vielen Gedanken muss ich dann erst mal sortieren und in Ordnung bringen. Meistens hilft mir, wenn ich jeden einzelnen Schritt aufschreibe und kontrolliere. So komme ich wieder zu innerer Ordnung und werde ruhiger. Irgendwie kann ich die vielen Reize nicht filtern, sie prasseln ungehindert auf mich ein und ich kann nicht entscheiden, was in welcher Situation für mich wichtig ist. Auch die Medikamente helfen mir dabei nicht wirklich. Sie sollen ihre Wirkung ja erst nach einigen Wochen voll entfalten und ich hoffe sehr, dass jenes noch eintritt. Man kann sich vorstellen, dass ich viel Zeit für die einfachsten Dinge benötige, weil ich immer wieder Pausen machen muss, um mich zu sortieren. Arbeiten ist so unter normalen Bedingungen zurzeit nicht möglich, ich würde einfach nichts bewerkstelligt kriegen. Die vielen Pausen machen mich langsam und zwingen mich dazu, meine Tagesaktivitäten genau zu planen, damit ich alles schaffe – wenn es auch nicht viel ist. Ich werde meinem Arzt weiterhin davon berichten, da diese Symptome mir neu sind und mir Angst machen.

Informationen zum Autor

Name: René van Zon

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Verfasst von René van Zon
Start der Serie am 28. Mai 2007

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