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Standort: Berichte und Interviews zum Thema AlltäglichesTagebuch – Tagebuch vom 02. Juli bis 06. Juli 2007

Tagebuch vom 02. Juli bis 06. Juli 2007

Verfasst von René van Zon

Das Leben mit einer Zwangsstörung hat schon echt seine Tücken. In dieser Woche habe ich mit einer neuen Matratze, zwischenmenschlichen Beziehungen und meinen Medikamenten zu kämpfen. Außerdem werde ich exemplarisch aufzeigen, wie genau so ein "Zwangstag" bei mir abläuft. Ich stelle mir so eine Art Zeitplan vor, der Euch mal genauer zeigt, wie oft und wie lange ich mich am Tag mit Zwängen beschäftigen muss. Es ist erschreckend zu sehen, was dann für mich noch übrig bleibt. Ich wünsche Euch ein interessantes Lesen!

Montag, der 02. Juli 2007

Es ist und bleibt mein größtes Problem: zwischenmenschliche Beziehungen. Ich frage mich oft, wie das noch weitergehen soll. Ja, ich habe den großen Wunsch nach Nähe von Menschen, aber ich kann diese Nähe nicht dosieren und auch nicht mit ihr umgehen. Entweder ich vereinnahme einen Menschen voll und ganz, weil ich nur so die Gewissheit habe, ein guter Freund zu sein, oder ich wende mich ganz von ihm ab. Ich kann nichts dazwischen, schwarz oder weiß, was anderes gibt es nicht für mich. Mit Zwischentönen, wie zum Beispiel "ein Bekannter" komme ich gar nicht klar. Bester Freund oder Erzfeind – ein sehr kleines Repertoire an Auswahlmöglichkeiten; und genau das ist das Problem, das mir stabile Freundschaften oder sogar eine Beziehung mit einer Frau zur größten Schwierigkeit auf der Welt macht. Wenn ich mit jemandem befreundet sein will, dann richtig. Ich will mit ihm alles teilen und auch alles erleben. Ich kann dann nicht aushalten, wenn ich den Freund einmal nicht sehen sollte. Man kann sich also vorstellen, dass ich ganz schön anstrengend sein kann, denn ich will dann überall dabei sein und nichts verpassen ... denn sonst bin ich kein guter Freund. Ich brauche Hilfe bei der Kontaktdosierung und bekomme leider kaum Mitteilungen, wenn ich jemandem zu nahe auf den Pelz rücke. Dabei brauche ich diese Rückmeldungen dringend, da ich, was zwischenmenschliche Beziehungen angeht, sehr gehandicapt bin. Ich habe ständig Angst, kein guter Freund zu sein oder etwas falsch zu machen und dann verlassen zu werden. Die ständige Befürchtung, nicht so zu funktionieren, wie andere es wollen, belastet mich sehr. Wenn ich, meistens zu spät, merke, dass ich zu aufdringlich bin, dann bekomme ich ein riesig schlechtes Gewissen und werde unsicher. Dann kann ich mich nicht mehr bei meinen Freunden melden, mich richtig mit ihnen unterhalten oder mit ihnen etwas unternehmen. Dann will ich keinen Kontakt mehr, weil ich niemanden nerven möchte. – Entweder ganz oder gar nicht, schwarz oder weiß.

Es kann aber auch andersrum sein: Wenn ich jemand sehr gern mag und ich dann mal auf Ablehnung, Abweisung oder andere Kleinigkeiten stoße, dann bin ich sofort enttäuscht und stark deprimiert. Ich kann damit überhaupt nicht umgehen, denn ich erwarte alles von meinem Gegenüber. Das sind unrealistische Erwartungen, die Freundschaften natürlich sehr belasten. Oft will ich dann auch erst mal keinen Menschenkontakt – zu niemandem. Es dauert dann eine ganze Zeit, bis ich mich wieder einkriegen kann und ich wieder Kontakt suche.

Auch im Moment sind Freundschaften für mich wieder sehr schwer. Viele sind schon an diesen Problemen zerbrochen. Zurzeit möchte ich mal wieder nur zu Hause bleiben, da ich mich so alleine und von allen verlassen fühle. Ich brauche dann Zeit, mich zu sammeln und einen neuen Anlauf zu machen.

Ich hoffe, irgendwann mal Zwischentöne zulassen zu können und Freunde in meinem Herzen tragen zu können, wenn sie zwischenzeitlich keine Zeit für mich haben. Nur so kann ich stabile Freundschaften für die Zukunft entwickeln und auch nur so kann ich einen Teil meiner Zwänge besiegen. Denn fühle ich mich sicher und geborgen in dieser Welt, habe ich Freunde und ein Umfeld, welches mich bei Schwierigkeiten auffängt; dann kann ich die Angst besiegen, denn sie treibt mich dazu, alles immer wieder zu überprüfen und zu kontrollieren. Die Angst ist es, die mir impliziert, ohne die Kontrolle völlig verloren zu sein.

Dienstag, der 03. Juli 2007

Zu meiner medikamentösen und therapeutischen Therapie hinzu habe ich mich entschlossen, meinen Gesundungsprozess ein wenig zu unterstützen. Ich hatte Euch ja schon davon erzählt, dass ich meine Ernährung umgestellt habe. Mittlerweile nehme ich auch schon ab: 1,5 kg. Das ist zwar noch nicht viel, aber immerhin schon ein Anfang. 10 kg will ich mindestens noch abspecken, denn ich denke, dass es wichtig ist, nicht nur an seiner Zwangsstörung zu arbeiten, sondern auch am allgemeinen Wohlbefinden. Denn ist das zufriedenstellend, fällt einem die Arbeit an den therapeutischen Zielen umso leichter.

Deshalb habe ich jetzt neben dem Abnehmen und einer gesünderen Konstitution beschlossen, mit dem Rauchen aufzuhören. Das wird mir sehr schwerfallen, ist doch das Rauchen in schweren Zwangszeiten eine der wenigen Methoden, Beruhigung zu erfahren – von der körperlichen Abhängigkeit vom Nikotin mal ganz abgesehen. Aber ich habe es mir fest vorgenommen, ab heute damit zu beginnen, das Rauchen zu reduzieren und dann mit der Zeit ganz aufzuhören. Ich hoffe, ich halte das durch und es verschlimmert nicht meine Zwangssymptome! Ich werde Euch davon berichten.

Mittwoch, der 04. Juli 2007

Heute habe ich es besonders schwer, immer wieder muss ich an das Gleiche denken: Warum haben Freunde mich lieb? Wie können die mich nur mögen? Alle meine Freunde stelle ich auf einmal in Frage. Ich weiß ganz genau, dass sie nur mit mir zusammen sind, weil sie mich nicht verletzen und höflich sein wollen. Eigentlich denken sie nur schlecht von mir und ich bin echt ein Nichts. Ich kann heute keine Freunde zu mir lassen, denn ich würde sonst, glaube ich, durchdrehen. Diese Gedanken quälen mich sehr, ich kann kaum etwas anderes tun als nur dazusitzen. Ich fühle mich sehr alleine und habe in diesen Phasen auch Ängste, dass mich keiner mehr haben will. Früher hat mich ja auch schon niemand gemocht, wie soll das dann jetzt der Fall sein? Ich bin immer nur der "liebe" René, ernst genommen werde ich von niemandem richtig. Ich will einfach nie wieder jemand sehen und ich werde mich so langsam zurückziehen, weil mir alles andere nur schwer fällt und ich mir nur Gedanken darüber machen muss, ob ich von anderen gemocht werde oder nicht. Wenn ich beide Zustände heute vergleichen müsste, dann wäre ich lieber ganz alleine, als immer Angst haben zu müssen, dass mich jemand verlässt. Denn das befürchte ich zwanghaft: Irgendwann wird mich jeder verlassen, es ist nur eine Frage der Zeit.

Donnerstag, der 05. Juli 2007

Ich weiß nicht, warum ich zurzeit so schlimme Phasen habe. Ob es die Umstellung ist, was das Arbeitsamt angeht? Oder die Medikamente? Oder doch das Wetter? Ich glaube, von jedem kommt etwas zusammen. Ich kann mich im Moment kaum konzentrieren, muss nach wenigen Tätigkeiten anhalten und kontrollieren. Das dauert Ewigkeiten. Mein Kopf ist einfach so voll, dass bei jedem kleinsten Reiz eine Menge von Assoziationen kommen, die mit dem Ursprung überhaupt nichts zu tun haben. Ich kann mich so nicht auf das Wesentliche konzentrieren. Alles muss ich wahrnehmen, jeden unbewussten Gedanken denken. Ich muss immer wieder stoppen, um meinen Kopf zu sortieren und um zu kontrollieren, ob ich im Durcheinander nichts falsch gemacht habe. An solchen Tagen muss ich relativ reizfrei zu Hause bleiben, um überhaupt noch etwas hinzubekommen und zu schaffen. Ich beschränke mich dann auf die wichtigsten Dinge am Tag – so auch heute: Ich versuche dann lieber zu schlafen, um mich nicht zu stark zu belasten oder irgendeinen anderen Unsinn zu machen. Besuch und Termine muss ich dann leider absagen, was mitunter auch Probleme mit sich zieht. Freunde reagieren mit Unverständnis, und Offizielle werden ungemütlich, wenn ich Termine nicht wahrnehmen kann. Aber ich muss heute nun mal auf meine Gesundheit achten. Und die geht nun mal vor.

Freitag, der 06. Juli 2007

Mir ist aufgefallen, dass ich immer mehr Zeit mit Zwängen verbringe und sie meinen Alltag immer mehr vereinnahmen. Um Euch mal zu zeigen, womit ich an einem Tag so kämpfe, schreibe ich Euch mal in einem ersten Versuch einen "Zwangstag" auf:

Heute Morgen wache ich auf und schon kommt mir der erste Gedanke in den Kopf: Hab ich gestern auch nichts vergessen zu kontrollieren? Vielleicht ist schon eine Katastrophe passiert und ich habe es noch nicht mitbekommen! Zur Sicherheit schaue ich nach, ob alle Türen abgeschlossen waren und Herd oder ähnliche Geräte abgestellt sind. – Puh! Noch einmal Glück gehabt, nichts ist passiert! Wenn ich heute arbeiten müsste, dann würde ich eine Stunde früher aufstehen müssen, um diese Kontrollzeiten zu kompensieren – eine Belastung, welche ich wohl nicht lange durchhalten würde, da es ja auch noch andere Zwänge gibt, von denen ich Euch jetzt berichten werde, denn es geht leider noch weiter: Als Nächstes ist das Duschen und Frühstücken an der Reihe. Aber auch das kann ich nicht immer. Gedanken, welche sich um Umweltverschmutzung und verdorbene Lebensmittel drehen, verhindern oft, dass ich beides ordnungsgemäß vollziehen kann. Vielfältige Probleme würden sich auch dadurch schon alleine in der Arbeitswelt ergeben. Jetzt muss ich überlegen, was ich heute am Tag und in der Woche alles für Verpflichtungen habe. Nur so strukturiert bekomme ich ein einigermaßen beruhigendes Gefühl, den Verpflichtungen gewachsen zu sein. Peinlich genau muss ich alles planen, jede einzelne Tätigkeit. Verschiebungen und unvorhergesehene Situationen können mich dann so aus dem Konzept bringen, dass ich alles Restliche nicht mehr schaffe. Heute muss ich zum Beispiel einkaufen und Wäsche waschen. Mehr als diese beiden Unternehmungen bekomme ich an einem Tag nicht auf die Reihe, denn nach jedem einzelnen Akt muss ich alles aufschreiben und kontrollieren, damit nichts Schlimmes passiert. Meist dauert das Stunden und am Ende des Tages kann ich nur noch erstarrt auf dem Sofa liegen und versuchen, Ordnung in mein Kopfchaos zu bekommen. Die Ängste, etwas falsch zu machen, blockieren meinen Kopf bis hin zur Handlungsunfähigkeit. Später, beim Aufschreiben der einzelnen Schritte, welche ich beim Einkaufen gemacht habe, kontrolliere ich bis ins kleinste Detail: Habe ich bezahlt, auf dem Weg zum Supermarkt etwas verloren? Habe ich die Haustür beim Verlassen des Hauses abgeschlossen? Ist die Hoftür zu? Waren die Türen abgeschlossen, als ich wiederkam? Ist die Waschmaschine abgestellt, das Wasser abgedreht, alle Wäsche aufgehängt?

Alle diese Gedanken und viele mehr gehen mir dann durch den Kopf. Und das Schlimme ist: Ich bin mir nicht sicher, kann sie nicht hundertprozentig beantworten. Das macht mir dann so eine Angst, dass ich in eine Art Schockstarre falle. Dann geht gar nichts mehr. Die Zwangsgedanken bestimmen also sehr, wie ich meinen Tag planen muss, um die wichtigsten Erledigungen gerade so zu bewerkstelligen. Erst wenn ich alles kontrolliert, aufgeschrieben und sortiert habe, dann komme ich zur Ruhe. Am Besten wäre es, wenn ich das Haus nicht verlassen müsste, dann wären auch keine Ängste da – jedenfalls weniger. Aber jenes geht leider nicht. Wenn ich fertig bin, dann ist auch meist Abend und ich habe nicht viel geschafft. Deshalb ist eine Erwerbstätigkeit für mich auch leider noch weit weg. Wünscht mir Glück, dass ich irgendwann mal in der Lage sein werde, so etwas zu schaffen!

Informationen zum Autor

Name: René van Zon

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Verfasst von René van Zon
Start der Serie am 28. Mai 2007

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