So, jetzt ist es mal wieder so weit! Endlich schaffe ich es, mal wieder ein Tagebuch fertigzustellen. Zurzeit tun sich einige Dinge in meinem Leben, die mich sehr zum Nachdenken bewegen und mich von allen anderen Sachen abhalten. Nein, nicht die Zwänge haben sich verbessert, aber meine Einstellung zum Leben scheint sich zurzeit in einer Umbruchphase zu befinden. Mal sehen, wie sich das entwickelt ...
Zurzeit – ich weiß nicht, ob es die Resignation in Verbindung mit der Zwangsstörung ist – bemerke ich eine immense "Scheißegal"-Haltung an mir. Oh, ich glaube, meine Umgebung bemerkt gerade den anderen René, welcher sich dort entwickelt. Ich kann auch nicht sagen, ob meine neue Überzeugung die richtige ist, aber eines kann ich feststellen: Sie tut mir gut! Und ich finde, das ist zurzeit das Wichtige. Meine Zwangsgedanken und -kontrollen haben sich kein Stück verbessert, aber ich habe bessere Gefühle in mir. Irgendwie habe ich einen Weg gefunden, mich endlich mal abzugrenzen. Früher war ich immer ein Mensch, der für Andere da war, nur nicht für sich selber; daher vielleicht auch mein Berufswunsch. Aber ich habe gemerkt, dass ich nur ein guter Erzieher werden kann, wenn ich auch an mich denke – wahrscheinlich werde ich dann sogar noch besser. Immer habe ich versucht, Verständnis für alles aufzubringen, überall zu helfen, alles zu schaffen, aber das geht nicht gut; ich konnte irgendwann nicht mehr. Ich muss lernen, dass ich Menschen helfen kann, aber auch nur, wenn diese wollen. Ihren Kopf manipulieren, das kann nicht einmal der beste Erzieher. Ich kann nur begleiten und zur Seite stehen. Außerdem muss ich mir auch nicht alles gefallen lassen. Und mit dieser "Offenbarung" geht's mir auch richtig gut, denn ich weiß, dass ich ein guter und hilfsbereiter Mensch bin. Und ich behaupte einfach mal, dass wenn man mich einmal hat, ich immer ein guter Freund bleibe. Und genau das war in der Vergangenheit ein Problem, welches mich stark belastet hat und worüber ich mir natürlich durch mein immer noch vorhandenes zwanghaftes Grübeln extreme Gedanken mache, denn diese Freundschaften sind oft sehr einseitig und nehmen nur – jedenfalls ist das mein Gefühl. Auch schubsen sie mich rum, wie es ihnen gerade gefällt, je nach Laune und wie es passt. Wenn sie sich überhaupt mal von selber melden. Man fühlt sich doch schon ausgenutzt und nicht erwünscht, wenn man sich immer selber aufdrängen muss, um den Kontakt aufrecht zu erhalten. Aber eines kündige ich hier an: Ich werde ausnahmslos alle meine Freundschaften daraufhin überprüfen, denn Freundschaften, die zu einseitig sind, machen mir zusätzliche schlechte Gefühle. Und mal ganz ehrlich: Ich bin schon krank genug und das scheinen meine Freunde nicht akzeptieren und sehen zu wollen. Die meisten interessiert es nicht die Bohne. Zusätzliche Probleme mit solchen Freundschaften tragen also bestimmt nicht zu einer Verbesserung meiner Gesundung bei. Es mag sich hart anhören, aber ich werde knallhart umstellen, mein ganzes Leben, um irgendwann einmal den Weg dafür zu bereiten, der Zwangsstörung zu Leibe rücken zu können. Deshalb werde ich Freunde konsequent aussortieren und mich auf das Wichtigste beschränken. Ich mache mir gerade Gedanken, wie ich das anstelle, aber folgende Punkte stelle ich mir vor:
Oben stehende Punkte sind mir nämlich an meinen Freunden extrem aufgefallen. Ich glaube, diese Punkte, weil sie oft negativ bei ihnen ausfallen, sind auch mit verantwortlich dafür, dass es mir nicht immer gut geht. Ich glaube, ich kann meine Beobachtungen ganz gut als Kriterien anwenden. Das entscheidende Kriterium kommt nämlich noch: Bemühen sich meine Freunde um die Freundschaft?
Ich bin sehr gespannt, wie meine Ergebnisse ausfallen, aber die Vorstellung, nicht an Menschen, welche mir nicht gut tun, festzuhalten und endlich für mich zu stehen, ist sehr interessant. Ich fühle mich schon in diesem Moment etwas besser. Ich kann mich abgrenzen, beziehungsweise ich lerne es gerade, denn niemand ist ein besserer Mensch als ich! Mag zwar eingebildet klingen, aber ich behaupte es, bis mir jemand mit Argumenten das Gegenteil beweisen kann. Mit dieser Einstellung geht's mir sehr gut. Ich bin ja einsichtig, wenn mir jemand logisch erklären kann, dass ich irgendwo nicht okay war. Kann er das nicht, dann bin ich mir ganz sicher, ist er nicht der richtige Freund für mich.
Es beschäftigt mich immer noch zwanghaft und macht Kontakte zu Menschen weiterhin schwierig für mich, ja, ich vermeide es fast, rauszugehen und irgendjemandem zu begegnen. Ich kann die Menschen nicht einschätzen, auch gute Freunde von mir nicht mehr; das ist mir einfach abhanden gekommen, durch die Angsterkrankung Zwangsstörung. Es macht mir ein Leben im Alttag nahezu unmöglich. Ständig muss ich zwanghaft daran denken, warum Menschen mich mögen. Wieso wollen sie mit mir ihr Leben verbringen? Durch meine schlechte Vergangenheit kann ich das nicht verstehen und vermute ständig etwas dahinter, bin misstrauisch. Ich reagiere dann mit starken Zwangsgedanken und -handlungen. Ich versuche, nichts falsch zu machen, und bin somit fast ganz gehemmt. In meiner neuen Therapie versuchen wir jetzt, daran zu arbeiten, ein neues Selbstbild von mir zu bekommen, und zwar ein realistisches, denn erst wenn ich mich selber lieben lerne, kann ich das auch bei anderen. Und dann kann ich auch verstehen, warum man mich mag. Ich kenne dann meine Vorzüge und Schwächen. Wir haben uns für eine unkonventionelle Art entschieden, meine Zwänge zu behandeln. Andere empfohlene Methoden haben ja bis dato überhaupt nicht gefruchtet – ganz im Gegenteil: Ich verbringe immer noch den ganzen Tag mit Zwangsgedanken und Kontrollhandlungen. Ich glaube, es wäre noch extremer, wenn ich noch mehr in der Außenwelt zugange wäre. Ich hoffe, durch die Therapie auf einen Weg zu kommen, dies nach und nach zu schaffen. Welche Methode mein Therapeut dabei anwenden will, das berichte ich euch unter dem 15. Juli 2007.
Ein weiteres Problem, welches wohl durch meine extremen Erlebnisse in der Vergangenheit in Verbindung mit der Zwangsstörung entstand, ist, dass ich mich unangemessen schnell zu weiblichen Menschen hingezogen fühle. Dies ist wohl meinem extremen Wunsch zuzuschreiben, endlich mal Liebe im Leben erfahren zu können. Diese habe ich nie, von niemandem in irgendeiner Hinsicht, erfahren. So habe ich auch kaum eine Vorstellung davon, was Liebe genau bedeutet. Denn mal ehrlich, so schnell, wie ich mich hingezogen fühle, kann ich mich nicht verlieben. Ich muss lernen, einen Menschen, eine liebe Frau kennenzulernen, und zwar mit allen ihren Facetten. Erst dann, wenn ich mich dann noch immer in ihrer Gegenwart wohlfühle, keine Ängste habe, mich geborgen fühle, dann kann ich von Liebe sprechen. Ich muss erst einmal lernen, die Erfahrung machen, dass dies dazu gehört, denn auch umgekehrt kann eine Frau dann Liebe und Zuneigung für mich entwickeln. Das ist mir bewusst geworden und ich muss aufpassen, dass ich nicht wieder dieselben fehlerhaften Muster begehe. Vielleicht meint der liebe Gott es ja gut mit mir und ich habe bald dieses Glück, denn nur wenn ich mir eingestehe, dass auch ich ein Recht auf Glück im Leben habe, dann kann das funktionieren. Die Erfahrung, ein schlechter, nicht liebenswerter Mensch zu sein, die muss ich umlernen. Dann werden bestimmt auch die Zwänge wieder weniger, denn ich habe dann nicht mehr den großen Drang, alles gegenüber Menschen perfekt machen zu müssen; dann werde ich auch mit meinen Fehlern geliebt. Hoffentlich gelingt es mir, denn dieses Zwangstrauma sitzt sehr tief in mir drin!
Hui, war das gestern eine interessante Therapiesitzung! Ich bin so froh, diesen Therapeuten bekommen zu haben. Hoffentlich will er mich doch behalten, ich werde ihn überzeugen!
Heute haben wir mit triggernden Therapiebildern gearbeitet. Diese Methode möchte er bei mir anwenden. Der Therapeut meint, ich bin ein sehr feinfühliger Mensch, dem man meistens nur etwas über den Verstand und die Logik beweisen kann. Dieser Mensch hat absolut recht: Nur weil man mir sagt, ich soll mit den Zwängen aufhören, und irgendwie muss es gehen, es auszuhalten; so werde ich nicht gesund. Das haben die letzten 7 Jahre deutlich gezeigt. Nein, man muss mir verständlich machen, womit meine schlechten Gefühle zu tun haben, sie herausarbeiten und mit mir auflösen. Das wird ein hartes Stück Arbeit und muss natürlich nicht gelingen, aber ich bin sehr motiviert. Denn nur wenn ich verstehe, und zwar über den Verstand, dann kann ich eine Strategie entwickeln, es irgendwie umzulernen. Natürlich ist das ein langer Prozess, habe ich ja nicht nur einen Zwang. Ich würde sagen, sie gehen vielmehr in die Hunderte, aber ich kann sie wenigstens nach und nach versuchen abzubauen. Wir haben also angefangen, mit diesen triggernden, mich anpicksenden Bildern zu arbeiten. Ich bekam 50 Bilder gezeigt, in denen typische Situationen beschrieben waren. Diese hatten alle mit meiner Kindheit zu tun. Ich sollte dann 7 Bilder heraussuchen, die mich besonders ansprachen. Es war mir schon fast unheimlich. Da kamen Themen heraus, die mir nie so bewusst waren, aber mit intensiver Betrachtung eng mit meinen instabilen Gefühlen und Zwangsstörungen zusammenhängen. Diese unbearbeiteten Konflikte sorgen für Ängste und ließen mich die Zwänge erfinden, welche diese für mich kompensieren sollen. Nach und nach wollen wir jetzt in den Sitzungen diese sieben Themen bearbeiten und herausfinden, wie ich eine andere Sicht auf diese bekommen kann. Wir erhoffen uns davon, dass die Zwänge ihre Bedeutung für mich verlieren. Jedem, dem die einschlägigen Methoden nicht helfen, empfehle ich mal so eine Alternative. Ich fühle mich schon seit der zweiten Sitzung extrem aufgehoben mit dieser Variante. Ich bin sowieso seit Jahren der Meinung, entgegen der fachlichen Expertenmeinung, an den Ursachen zu arbeiten. Heute wird ja oft versucht, die Zwangssymptome wegzutrainieren. Dies kann funktionieren, verschiebt aber die Probleme mit großer Wahrscheinlichkeit nur woanders hin, denn die Wurzeln sind immer noch nicht ausgerissen. Ängste bleiben dann, auch wenn ich sie dann vielleicht nicht mehr zwanghaft kompensiere. Ich werde Euch von den einzelnen Bildern berichten und sie für Euch exemplarisch aufschlüsseln.
Heute habe ich es schriftlich bekommen: Es ist bewiesen, dass meine Zwangsstörungen nicht nur durch psychische Probleme entstanden sind. Vielmehr ist das Gesamtpaket zu betrachten. Durch die extremen Belastungen in der Vergangenheit ist bei mir ein chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS) entstanden. Mein Körper ist bis heute ausgelaugt und fühlt sich nie richtig ausgeruht und fit. Das Syndrom zeichnet sich durch unerklärliche Körperschmerzen und ein extremes Schlafbedürfnis aus. Es wird vermutet, dass ich durch diese Krankheit, die ständige Erschöpfung, extreme Depressionen entwickelt habe. In Verbindung mit meiner Vergangenheit und meinem schlimmen Umfeld bzw. den Ängsten durch die Depressionen im Leben nicht mehr klarzukommen, habe ich dann starke und schwere Zwangsstörungen entwickelt. Nur wenn ich alles noch perfekter mache, kann ich dann im Leben bestehen, denn ich muss noch besser sein, um meine körperliche Niedergeschlagenheit auszugleichen. Das CFS ist wohl bedingt dadurch, dass mein Körper den extremen emotionalen Belastungen irgendwann nicht mehr standhielt. Damit hat er heute noch Probleme und es gibt Phasen, in denen ich mich gar nicht bewegen kann. Dies erklärt auch meine immer wiederkehrenden Aussetzer. In meine Therapie werden wir deshalb Techniken einsetzen lernen müssen, um diese Attacken adäquater ausgleichen zu können. Eine medizinische Therapie gibt es leider nicht und ich werde wohl mein Leben lang damit zu tun haben. Ich muss also den besseren Umgang damit lernen.
Informationen zum Autor
Name: René van Zon
Informationen zum Tagebuch
Verfasst von René van Zon
Start der Serie am 28. Mai 2007