Liebe Leser!
Heute präsentiere ich Euch das letzte, von mir öffentlich geschriebene Tagebuch. Zwei Monate schreibe ich jetzt für das Projekt Gink-Go! daran und ich denke, es ist jetzt klar, wie sich eine Zwangsstörung äußern kann. Dies war für mich das oberste Ziel, nämlich dazu beizutragen, dass diese tückische Erkrankung öffentlichkeitstauglicher wird und dadurch ein besseres Verständnis der Störung erreicht wird.
Ich hoffe, Euch lieben Betroffenen und Angehörigen hat das Lesen des Tagebuchs Spaß gemacht und einen der oben genannten Punkte bei Euch ausgelöst!
Zurzeit überlege ich, ob das Tagebuch noch weitergeführt werden sollte. Hierzu bitte ich Euch um Eure Mithilfe. Rückmeldungen, ob positiv oder nicht, sendet bitte an meine unten angegebene E-Mail-Adresse. Je mehr Nachrichten ich von Euch für meine Arbeit bekomme, desto wahrscheinlicher wird es, dass ich dieses Projekt in einem anderen Rahmen fortführe.
Jetzt aber wünsche ich Euch viel Freude am Lesen der letzten Tage:
Zurzeit kann ich mal wieder kaum das Haus verlassen; zu stark sind die Kontrollzwänge und -gedanken. Ständig muss ich daran denken, draußen etwas Schlimmes zu verursachen oder Dinge zu verlieren. So ist ein Einkauf in der Stadt für mich sehr anstrengend, weil ich alles überprüfen muss. Danach geht es mir dann lange sehr schlecht, weil ich natürlich nicht ganz sicher bin, nicht doch etwas verzapft zu haben. Ich beschränke daher im Moment alles darauf, nur die wichtigsten Utensilien zu besorgen. Ich meine, ich mache höchstens den Einkauf, denn ein Gang in die Stadt ist für mich noch aus anderen Gründen fast verboten. Die vielen Reize und Eindrücke bekomme ich nicht verarbeitet, ich bin überfordert damit, weil es sich natürlich größtenteils meiner Kontrolle entzieht. Das macht mir Angst und lässt mich solche Situationen vermeiden. Selbst der Supermarkt mit den vielen Einkaufenden ist für mich eine riesige Herausforderung. Ich denke, ich muss lernen, nicht alles unter Kontrolle haben zu können. Nur so kann ich mit den vielen Reizen umgehen. Zurzeit ist das aber nicht möglich, da mein Kopf sich so sehr darauf eingestellt hat, alles im Blick haben zu müssen. Mein Gehirn bekommt diese Störung also auch in seiner Funktionsweise zu spüren. Es wird eine Verhaltenstherapie sein müssen, die dort ansetzt. Bis dahin werde ich wohl noch viel zu Hause sein müssen, um ein halbwegs leichtes Leben führen zu können.
Puuh, es ist harte Arbeit, aber so langsam bin ich dabei, es zu schaffen, mich von meinen Freunden ein wenig abzugrenzen. Um mich mehr um mich kümmern zu können, ist dies echt nötig. Zwar habe ich immer noch das Gefühl, kein richtiger Freund zu sein, aber so langsam finde ich Gefallen daran, nicht immer der Perfektion unterliegen zu müssen, nur für andere da zu sein, denn gerade dies löst ja auch immer ein extremes Zwangsverhalten bei mir aus. Kann ich mal nämlich nicht funktionieren, hat das extreme Zwangsgedanken zur Folge. Ständig habe ich dann starke lähmende Gefühle, welche dann bewirken, dass ich überhaupt keine Kontakte zu Menschen haben kann, aus schlechtem Gewissen, ich könnte sie verletzt haben. Aber diese Einstellung ist falsch, denn das Wichtigste bin erst mal ich im Leben. Mir geht es besser, wenn ich alles sagen kann, was ich denke, und nicht immer Rücksicht nehmen muss. Ich bin so schon rücksichtsvoll genug. Auch schaffe ich es, meinen Freunden nicht mehr so sehr hinterherzulaufen. Ich finde, meine wirklichen Freunde können auch mal zeigen, dass sie noch da sind. Tun sie es nicht, ja, dann waren es wohl mal meine Freunde. Klar, klingt hart, aber dies ist extrem wichtig für meine Gesundheit, denn ich brauche Freunde, die mir genauso treu sein können wie ich ihnen. Ich glaube, ich entdecke so langsam, dass ich auch ein Mensch bin, mit seinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen. Und ich finde, nicht nur ich, sondern auch andere können diese akzeptieren. Es wird noch eine Menge Arbeit auf mich zukommen, bis ich diesen Teil der Zwangsstörung halbwegs in den Griff bekomme. Aber: Ich habe das Problem verstanden – ein wichtiger schritt nach vorne. Wünscht mir Glück dabei!
Wie sagt man, wie jemand wohnt, so fühlt er sich auch? Dieses Prinzip habe ich jetzt auch in meine Gesundungsstrategien mit einbezogen. Seit einigen Tagen bin ich dabei, meine Wohnung neu zu gestalten und einzurichten, es wohnlicher zu machen, einen Ort zu finden, an dem ich mich auch wirklich aufgehoben, sicher und vor allem wohl fühle. Ich glaube, dass ich so eine weitere Möglichkeit gefunden habe, meine Chancen auf Besserung der Zwänge zu unterstützen. Mal sehen, inwieweit dies fruchten wird. Ich habe auf jedenfall bemerkt, dass, wenn ich mich wieder aktiv an meinem Leben beteilige, ein besseres Wohlbefinden bei mir stattfindet. Ich glaube, es ist ganz wichtig für mich, wieder aktiv an meiner Umwelt teilzunehmen, auch wenn es erstmal nur meine Wohnung betrifft. Draußen geht ja zurzeit weniger. Wenn ich etwas für mich tue, habe ich wieder das Gefühl, noch da zu sein. Das war in den letzten Jahren nicht der Fall. Immer hatte ich die Empfindung, nur noch körperlich anwesend zu sein. Ich glaube, das liegt bis heute daran, dass ich alles vermeide, was mir Angst macht und Zwänge verursacht. So hat man auch nicht mehr den Glauben daran, wirklich zu leben. Deshalb werde ich jetzt damit beginnen, soweit es mir eben möglich ist. Ich versuche dann, meinen Lebensradius wieder Stück für Stück zu verbessern und zu vergrößern. Ich habe jedenfalls schon mal verstanden, was sich ändern muss; auch wenn ich da noch einen harten Kampf vor mir habe, kann ich mich im Moment doch nur in der Wohnung einigermaßen sicher fühlen. Das aktive Leben, das muss losgehen, und ich hoffe, ich werde dies Schritt für Schritt schaffen.
Also, auch wenn ich mir einiges vornehme, um meine Zwangsstörung zu verbessern, muss ich dennoch Realist bleiben. Es hat sich noch nichts verbessert; die Gedankenzwänge und -kontrollen haben sich nicht verbessert – ganz im Gegenteil: Es kommt immer wieder etwas Neues dazu. Es wird also mehr. Die Ängste in Bezug darauf sind auch gleich geblieben. Aber: Ich setze mich mit meinem Problem auseinander und ich meine, damit schon einen Schritt in die richtige Richtung gemacht zu haben. Auch wenn ich es sehr schwer haben werde, da sich die Zwänge schon sehr chronisch gesetzt haben, wächst momentan doch das Bewusstsein dafür, etwas zu ändern. Die Krankheitseinsicht kommt so langsam. Das ist sehr wichtig für mich, denn so kann ich besser damit umgehen und an den neuen Überlegungen, welche sich zurzeit bei mir entwickeln, weiterarbeiten. Trotzdem bin ich immer noch sehr akut und die ganze Zeit mit der Ausübung von Zwängen beschäftigt. Ich bin aber sehr guter Hoffnung, dass sich eine Veränderung einstellen wird; mit einer kleinen wäre ich ja schon sehr zufrieden.
Eine neue, sehr nervige Angst in Form von Zwangsgedanken ist meinem Krankheitsbild beigetreten: Jetzt habe ich immer extreme Ängste, krank zu werden. Jegliche kleine Veränderung macht mir dann Sorgen. Momentan verfalle ich irgendwie in einen Untersuchungswahn. Ich gehe zum Hautarzt, Internisten, Zahnarzt und was es noch so gibt, um eben die Sicherheit zu erlangen, wirklich gesund zu sein. Hoffentlich entwickelt sich dies nicht zu einer Art Hypochondrie! Das wäre echt nicht schön, haben die Ärzte doch schon genug mit mir zu tun. Ich habe dann auch das Gefühl, ihnen zur Last zu fallen. Nun muss ich sehen, woher diese neue Befürchtung kommt. In meiner Therapie werde ich dies als zusätzliches Thema anbringen. So lange muss ich wohl sehen, mich zu beruhigen, und meinen Ärzten auf die Nerven gehen.
Informationen zum Autor
Name: René van Zon
Informationen zum Tagebuch
Verfasst von René van Zon
Start der Serie am 28. Mai 2007