Projekt-Logo: ein gezeichnetes Ginkgo-Blatt
projekt-gink-go.org
Standort: Berichte und Interviews zum Thema Liebe und Partnerschaft – 2sames

Interviewpartner: 2sames

Annette Schwindt und Thomas Reis

"Eine Beziehung mit einem behinderten Partner funktioniert nicht anders als mit einem nichtbehinderten Partner. Doch aus Unwissenheit können sich viele so etwas nicht vorstellen."

So steht es im Einführungstext von 2sames. Seit 6. Oktober 2003 ist 2sames online und jetzt schon zu einer nicht mehr wegzudenkenden Institution geworden. Behinderung und Partnerschaft war, ist und bleibt ein wichtiges Thema für Menschen mit und ohne Behinderung. 2sames (ausgesprochen "Zweisames") will zeigen, dass Beziehungen zwischen einem Partner mit und einem Partner ohne Behinderung einer "normalen" Beziehung nicht unähnlich sind. Wie "normal", zeigt 2sames auf eine ganz besondere, charmante und sensible Weise. Die Plattform bietet sowohl flüchtigen Besuchern interessante und informative Themen, aber auch für Betroffene selbst einen Ort, an dem sie erkennen können: "Wir sind nicht allein und wir sind keine Ausnahme!", "... und eigentlich ist unsere Beziehung ja gar nicht so unnormal!"

Zudem haben Besucher die Möglichkeit, im 2sames-Forum über das Projekt zu diskutieren und ihre eigenen Erfahrungen auszutauschen. Im letzten Halbjahr wurde die 2sames-Seite komplett barrierefrei umgestaltet und bietet so nicht nur etwas fürs Auge.

Alexandra Steiner sprach für Projekt "Gink-Go!" mit Annette Schwindt und Thomas Reis, den Gründern von 2sames.

Alexandra: Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Projekt ins Leben zu rufen?

Annette stützt ihren Oberkörper leicht auf Thomas' Knie, beide lächeln

Annette: Mein Mann Thomas und ich machen immer wieder die Erfahrung, dass Beziehungen wie unsere als etwas Außergewöhnliches angesehen werden. Ich bin nicht behindert, mein Mann ist Rollstuhlfahrer aufgrund Querschnittlähmung. Damit stoßen wir nicht nur bei denen auf Erstaunen, die bis dahin niemanden kannten, der behindert ist. Selbst behinderte Menschen und ihr Umfeld haben oft Vorurteile oder Unsicherheiten in Bezug auf Partnerschaften wie unsere.

Deshalb wollten wir mittels einer Dokumentation, die im Internet für jedermann zugänglich ist, herausfinden, wie viele andere Paare wie uns es wohl noch gibt. Den entscheidenden Anstoß dazu gab unser Freund Kai, als er sagte: "Du musst keine Aktivistengruppe gründen, um etwas zu bewirken. Was glaubst Du, was Ihr schon allein dadurch bewirkt, dass die Leute Euch zusammen sehen?" Also gründeten wir 2sames, wobei Kai und seine Frau auch gleich mitgemacht haben. Damit geben wir anderen die Möglichkeit, sich damit auseinanderzusetzen, dass Behinderung und Beziehung sich nicht automatisch ausschließen.

Thomas: Viele Menschen sind sich überhaupt nicht im Klaren darüber, dass eine körperliche Einschränkung, wie z.B. nicht laufen zu können, keine Auswirkung darauf hat, Gefühle und Bedürfnisse wie nichtbehinderte Menschen auch zu haben. Mich hat während meines Studiums einmal eine Kommilitonin allen Ernstes gefragt, ob ich denn überhaupt eine Freundin haben könnte. Ich fragte zurück, ob sie damit meine, ob ich Sex haben könne. Da hat sie gleich ganz entrüstet reagiert. (lacht)

Viele Menschen definieren sich eben über Äußerlichkeiten und die Bilder, die ihnen in den Medien vorgebetet werden. Und wenn Behinderung dort immer nur im Zusammenhang mit Mitleidsberichterstattung vorkommt, dann glauben viele, das ist im wahren Leben auch so.

Annette: Am Anfang war uns gar nicht klar, dass 2sames ein Gegengewicht zu dieser Sichtweise von Behinderung bildet. Wir sind da ganz naiv rangegangen. Dass das so einschlagen würde, hätten wir nie erwartet.

Alexandra: Inwieweit hat dieses Projekt auf Menschen mit Behinderung einen Einfluss?

Annette: Die Website von 2sames bietet jedem, auch nichtbehinderten Menschen, die Möglichkeit, sich mit dem Thema Beziehung und Behinderung sachlich auseinanderzusetzen. Wie wir im Laufe der Zeit festgestellt haben, gab es so etwas bislang noch nicht. Wenn es sonst um dieses Thema geht, steht die Behinderung in der ein oder anderen Weise im Vordergrund. Dadurch entsteht der Eindruck, eine Verknüpfung von Behinderung und Beziehung müsse etwas Außergewöhnliches sein. 2sames zeigt, dass das aber durchaus auch anders gesehen werden kann.

Seit die Website online ist, bekommen wir immer wieder Zuschriften von Menschen, die in unserer Dokumentation Parallelen zu ihrem eigenen Leben finden. Manche danken uns sogar, weil 2sames ihnen zeigt, dass es solche Beziehungen gibt und ihnen damit Hoffnung macht.

Thomas: Wir zeigen mit 2sames, dass Liebe und Beziehung für Menschen mit Behinderung ganz normal sein können, wenn beiden klar ist, dass es um den Menschen geht und nicht darum, ob jemand behindert ist oder nicht. Schließlich sollte die Wertschätzung eines Menschen für andere nicht davon abhängen, was der andere nicht kann, sondern danach, was seine Persönlichkeit ausmacht.

Alexandra: Warum denken viele Menschen, dass sich eine Beziehung mit einem behinderten Partner von anderen Beziehungen unterscheidet?

Thomas: Weil viele denken, Behindertsein bedeutet, dass man 24 Stunden am Tag nur damit beschäftigt ist, sich hilflos zu fühlen und ausschließlich über das Behindertsein nachzudenken. Natürlich sind die jeweiligen Einschränkungen die ganze Zeit vorhanden, aber ein Mensch besteht nicht nur aus Einschränkungen, sondern auch aus Fähigkeiten und Talenten, jeder hat Vorlieben und bestimmte Charaktereigenschaften. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Außerdem verdrängen viele Menschen jeglichen Gedanken daran, dass sie möglicherweise irgendwann einmal selbst mit Einschränkungen leben müssen, und wollen daran nicht erinnert werden.

Annette: Dabei kann es jedem passieren, dass er von einem Tag auf den anderen mit einer Behinderung leben muss. Das ist ein Gedanke, mit dem wir beide uns von Anfang an auseinandergesetzt haben. Andere Paare wollen darüber vielleicht nicht nachdenken.

Alexandra: Wie werden denn die Paare auf 2sames aufmerksam? Wie kommen die Paare auf Sie zu?

Annette: Zu Anfang haben wir 2sames nur in ein paar Communities für Menschen mit Behinderung verlinkt. Dadurch kamen die ersten Besucher auf die Website, die sich dann zum Teil auch an der Dokumentation beteiligten. Und so hat sich das Projekt langsam, aber sicher rumgesprochen. Als PR-Beraterin und gelernte Redakteurin habe ich dann auch begonnen, aktiv Pressearbeit zu betreiben. So erschienen die ersten Artikel über 2sames, die dann wieder neue Interessenten auf die Website gelockt haben.

Die Paare melden sich meist per Mail, manche rufen auch an oder schreiben Briefe. Zu Beginn habe ich die Paargeschichten noch oft selbst per Telefoninterview aufgenommen. Je länger 2sames online war, umso öfter haben die Paare ihre Geschichte selbst aufgeschrieben und eingeschickt.

Alexandra: Wie waren die Reaktionen von Besuchern bzw. Angehörigen?

Annette sitzt auf den Knien von Thomas und ist fest an ihn gedrückt und lächelt fröhlich

Annette: 2sames fand sehr schnell große Resonanz. Damit hatten wir nicht gerechnet. Schon nach wenigen Wochen online stiegen die Besucherzahlen rapide an, und das alles ohne große Werbung. Offensichtlich haben wir mit 2sames einen Nerv getroffen.

Von den positiven Reaktionen haben wir ja oben schon berichtet. Viele finden sich in 2sames wieder und werden dadurch in ihrem Selbstbild bestärkt. Manche schreiben sogar Mails und fragen um Rat, weil sie sich in einer ähnlichen Situation befinden, wie sie die Paare von 2sames in ihrer Kennenlerngeschichte beschreiben. Ich kann dann natürlich nur meine persönliche Meinung dazu sagen, wir sind ja keine Beratungsstelle oder in irgendeiner Form dafür ausgebildet.

Wir kennen inzwischen viele Paare wie uns, die sich aber leider nicht alle trauen, an unserer Dokumentation teilzunehmen, meist aus Misstrauen gegenüber dem Medium Internet oder einfach aus mangelndem Selbstbewusstsein.

Es gibt natürlich auch negative Reaktionen. Meist haben diese Leute nicht mal die Einführung gelesen und versuchen nur, ihren persönlichen Frust abzuladen. Wenn man dann ein bisschen nachhakt, verpufft das meist recht schnell. Das geht von dem Vorwurf, wir würden alles nur rosa darstellen bis hin zu denen, die den nichtbehinderten Partnern unterstellen, sie wären nur mit ihrem Partner zusammen, weil sie sexuell auf dessen Behinderung fixiert seien, dies aber nicht zugeben wollten. Es scheint für viele, gerade auch für behinderte Menschen, völlig unvorstellbar, dass man einen Menschen um seiner selbst willen lieben kann. Aber genau darum geht es bei 2sames: Jeder hat ein Recht darauf, geliebt zu werden, ob nun behindert oder nicht.

Alexandra: Glauben Sie, dass durch 2sames mehr über Behinderung und Beziehung geredet wird oder solche Beziehungen sogar mehr Akzeptanz finden?

Annette: Derzeit gibt es 2sames ja nur als Website. Die werden vermutlich nur Leute besuchen, die sich bewusst mit dem Thema Beziehung und Behinderung auseinandersetzen wollen oder die eines der Paare kennen. Wir arbeiten aber auch an einem Buch zu diesem Thema. Das könnte vielleicht mehr Leute dazu bringen, sich mit 2sames und dem Thema Beziehung und Behinderung auseinanderzusetzen.

Mehr Akzeptanz ... das kann ich nicht sagen. Nach unserer Erfahrung bewirkt das Projekt eher, dass Menschen erkennen, dass sie mit ihrer Beziehung oder ihren Gedanken zu Beziehung und Behinderung nicht allein dastehen, oder dass es noch etwas anderes als die gängigen Mitleidsklischees gibt. Es wäre schön, wenn 2sames dazu beitragen könnte, den von Äußerlichkeiten geprägten Zeitgeist hin zu einem bewussteren Menschenbild zu verändern.

Thomas: Das Projekt kann nur ein kleiner Beitrag von vielen sein. Letztlich ist die Frage der Akzeptanz von solchen Beziehungen wie unserer nur Teil der Frage nach der Akzeptanz behinderter Menschen in der Gesellschaft überhaupt. Das eigentliche Ziel muss es sein, der breiten Masse der Bevölkerung begreiflich zu machen, dass eine Behinderung keinen Grund darstellt, von der Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen zu bleiben oder nicht selbst auch einen Beitrag zum Gelingen des gesellschaftlichen Miteinanders leisten zu können.

Alexandra: Hat das Projekt auch Einfluss auf Ihren Beruf?

Thomas: Ich würde eher sagen, unsere Berufe haben Einfluss auf das Projekt. Wir sind ja beide berufstätig und kümmern uns in unserer Freizeit um 2sames. Als Jurist beschäftige ich mich jeden Tag mit sozialen Themen und bin auch außerhalb der Arbeit an diesen Fragen interessiert. Da ist es nur ein kleiner Schritt bis zu diesem Projekt.

Annette: Ich habe mich bereits während des Studiums für das Thema Partnerwahl und Beziehungserfolg aus soziologischer Sicht interessiert. Durch meine Ausbildung zur Zeitungsredakteurin verfüge ich über das journalistische Handwerk, eine Dokumentation durchzuführen, und als Beraterin für Public Relations weiß ich, worauf wir bei der Öffentlichkeitsarbeit für 2sames achten müssen. Da ich mich in meiner Arbeit als PR-Beraterin ebenfalls um eine Veränderung des Menschenbilds bemühe, ergeben sich manches Mal Kontakte, vor allem mit den Medien, die auch 2sames zugute kommen oder umgekehrt.

Alexandra: 2sames ist ja doch ein sehr umfangreiches Projekt. Haben Sie die Möglichkeit, 2sames durch öffentliche Stellen finanziell unterstützen zu lassen? Wie wird es finanziert? Kann man 2sames auch finanziell fördern?

Annette hinter Thomas; sie hält sich an seinen Schultern fest und ist an ihn gelehnt

Annette: Das Projekt wird privat von Thomas und mir finanziert. Wir haben uns dafür entschieden, 2sames von den Interessen Dritter unabhängig zu halten. Deswegen haben wir gar nicht erst versucht, Anträge auf Förderung zu stellen. Da 2sames außerdem nicht als gemeinnützig anerkannt ist, können Spenden an uns nicht steuerlich abgesetzt werden.

Bislang sind die Kosten ja auch sehr überschaubar: Unsere einzigen Fixkosten sind die Kosten für die Website. Die Programmierung hat einer unserer Teilnehmer übernommen, das kostet uns also nichts. Der meiste Schriftverkehr läuft über Mail, ab und zu fallen mal Porto- oder Telefonkosten an, aber das hält sich sehr in Grenzen.

Nur das alte Gästebuch und das Forum haben uns Extrakosten verursacht, da wir deren Programmierung bezahlen mussten. Diese Kosten wurden von uns und zwei Teilnehmern finanziert. Das neue Forum, das gerade in Arbeit ist, wird uns von unserem Hoster gesponsert. Da kommen also keine neuen Kosten auf uns zu.

Wenn das Buch fertig geschrieben ist, werden wir sehen, ob und in welchem Maße wir uns an den Kosten für den Druck beteiligen müssen. Das hängt davon ab, wie wir das Ganze veröffentlichen. Am besten wäre es natürlich, wir würden einen Verlag finden, der diese Kosten für uns sponsert. Sollte das nicht gehen, müssen wir uns für das Buch möglicherweise doch ein Sponsoringkonzept überlegen. Da 2sames aber ein bislang einzigartiges Projekt ist, müsste das eigentlich zu schaffen sein.

Wer 2sames unterstützen möchte, sollte uns einfach weiterempfehlen, damit möglichst viele Menschen die Website besuchen (und später das Buch kaufen) und so unsere Ideen weiter verbreiten.

Alexandra: Wie könnte man 2sames unterstützen?

Annette: Indem man das Projekt weiterempfiehlt und darauf aufmerksam macht, dass es 2sames gibt, durch Berichte in den Medien, Verlinkungen von anderen Websites oder einfach nur durch Mundpropaganda. Wenn das Buch geschrieben ist, brauchen wir einen guten Verlag, der bereit ist, in 2sames zu investieren. Insgesamt würde ich aber sagen, dass nicht das Projekt Unterstützung braucht, sondern das Menschenbild, das es transportiert. Wenn allen klar wäre, dass jeder Mensch zwei Seiten hat, nämlich Grenzen und Begabungen, wäre 2sames völlig überflüssig.

Alexandra: Was sind Ihre Pläne für 2sames? Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Annette: Zunächst möchten wir das Buch schreiben und veröffentlichen. Währenddessen wird die Dokumentation auf der Website natürlich weitergeführt. Es können sich also immer noch weitere Paare beteiligen. Später wäre es dann vielleicht interessant, die Dokumentation über den deutschsprachigen Raum hinaus zu erweitern und herauszufinden, wie das Thema Beziehung und Behinderung in anderen Ländern gesehen wird.

Alexandra: Wir bedanken uns für das Interview und wünschen Ihnen und 2sames viel Erfolg. Wir freuen uns schon auf das Buch.

Mehr Informationen erhalten Sie unter der Internetadresse: http://www.2sames.de

Gesprächspartnerin: Alexandra Steiner

Fotos: Rasso Bruckert, Bildagentur Querschnitt

Infos zum Interview: Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.

Das Interview erscheint am 3. März 2006

Zurück zur Übersicht

Seitenanfang