Eine wahre Geschichte in drei Teilen
Begleiten Sie uns in drei Teilen in die Vergangenheit, in eine Zeit, wo Narren am Hofe lebten, und wie sie einerseits die Hofgesellschaft unterhielten, aber auch, wie sehr sie unter ihrem Narrendasein litten. Auch bekommen wir einen kleinen Einblick in eine Welt, wo behinderte Menschen verflucht, aber auch göttlich waren. Vielleicht lernen wir unser Verhalten gegenüber andersartigen oder anders aussehenden Menschen besser verstehen und können in Zukunft offener und toleranter miteinander umgehen.
Ein Bericht von Manfred Kühr
Wie weit ging eigentlich die Narrenfreiheit an den mittelalterlichen Höfen? War das Narrendasein wirklich ein Drahtseilakt zwischen Thron und Galgen? Die Geschichtsannalen berichten tatsächlich nur von einem Narren, der in Ausübung seines "Amtes" am Galgen endete. Caillotte hieß der Unglückliche und war 1462 Hofnarr bei Ludwig XI. von Frankreich. Er lauschte heimlich einem Beichtgebet seines Königs und gab es beim abendlichen Beisammensein zum Besten. So erfuhr die Hofgesellschaft ganz nebenbei, dass der König zusammen mit einem dem Hof nahe stehenden Abt seinen Bruder vergiftet hatte. Als Rache für die Ermordung seines ehemaligen Herren hatte der Narr das eigene Leben geopfert. Ein Einzelfall, die meisten Hofnarren wussten sehr gut, wie weit sie gehen konnten.
Ihren Ursprung hat die Geschichte der Narren in der Voreingenommenheit der Gesellschaft gegenüber Andersartigen. Im antiken Griechenland herrschten Idealvorstellungen, die dem Missgebildeten kein Lebensrecht zugestanden: Neugeborene wurden ausgesetzt, was in den meisten Fällen den sicheren Tod bedeutete. Trat eine Behinderung erst zu einem späteren Zeitpunkt ein, dann konnte es den Bedauernswerten passieren, dass sie als Opfer bei Ritualhandlungen herhalten mussten; Prügel oder gar Steinigung der Unglücklichen sollte die Götter gnädig stimmen. Im Alten Rom wurden Zwerge, Verwachsene, Blinde und andere Missgebildete zur Schau gestellt. Reiche Römer hielten sie sich wie Haustiere. Sie wurden verschenkt oder mussten im Zirkus gegen wilde Tiere kämpfen. Findige Geschäftsleute eröffneten aufgrund der starken Nachfrage einen regelrechten Handel mit Behinderten aus dem Riesenreich. Antike Quellen belegen auch Grausamkeiten durch Eltern, die ihre Kinder künstlich verstümmelten, um ihnen als Bettler bessere Chancen einzuräumen. Menschen mit geistigen Defekten und körperlichen Anomalien waren von Anfang an in die christliche Glaubenslehre eingebunden, hatten aber wegen ihrer Leiden angeblich keine Einsicht in Gott, ein folgenschwerer Vorwurf, war das Mittelalter doch ein stark kirchlich geprägtes Zeitalter – zu keiner anderen Zeit hatte die Kirche einen so großen Einfluss auf die Gesellschaft, und auch Wirtschaft, Politik, Kultur und das Recht wurden von ihr maßgeblich bestimmt.
Nach der Christianisierung des Karolingerreiches, großer Teile der Slawenstämme und Skandinaviens hatte sich das Christentum in ganz Europa durchgesetzt. Die Achtung und Verfolgung von Behinderten wurde aber zunehmend von der Kirche geduldet. Man kann vermuten, dass seit dem 11. Jahrhundert eine deutliche Ab- und Ausgrenzung der "natürlichen Narren" erfolgte. Geisteskranke und geistig zurückgebliebene Menschen und eben auch körperlich Verkrüppelte wurden dieser Gruppe zugeordnet. Sie gehörten zu den Außenseitern der Gesellschaft und wurden auch so behandelt. Quellen berichten von genehmigten Tötungen missgebildeter Kinder, die Unterbringung von Narren in Gefängnissen und Narrenhäusern war an der Tagesordnung. Es gehört sicherlich nicht viel Phantasie dazu, sich die Lebensverhältnisse in solchen Unterkünften vorzustellen; die historischen Quellen schweigen dazu. Kostengünstiger war allerdings die Vertreibung der Narren aus den Städten und Herrschaftsterritorien. Besonders die "Narrenschiffe" auf den großen Wasserstraßen wurden häufig zur Verbannung unliebsamer Bewohner genutzt. Gegen ein kleines Entgelt wurden die Schiffer angewiesen, die Aussetzung möglichst weit weg vom heimatlichen Hafen vorzunehmen.
Ausgestattet mit der sprichwörtlichen "Narrenfreiheit", suchten die Missgebildeten häufig als Bettler oder Musikanten die Nähe zum fahrenden Volk. Besondere Höhepunkte und unverzichtbare Einnahmequellen waren die Zurschaustellungen der körperlichen Anomalien und Monstrositäten der Behinderten. Der Exhibitionismus der zu Narren "gemachten" Menschen wurde nicht nur von den unteren Volksschichten begierig aufgenommen, schließlich strebten zu allen Zeiten die Menschen nach Unterhaltung, Kurzweil und Erheiterung. Belustigung auf Kosten von Außenseitern der Gesellschaft war und ist in allen gesellschaftlichen Kreisen zu allen Zeiten eine ganz normale Erscheinung. Das Auftreten von Liliputanern als Clowns in den Zirkusmanegen hat sich bis in unsere Tage erhalten. Der Ursprung liegt aber in der mittelalterlichen Ausgrenzung kleinwüchsiger Menschen und ihrer Zuordnung zum fahrenden Volk.
Manchem aus der großen Schar der Behinderten gelang es, aus seiner "gesellschaftlichen Brandmarkung" zum Narren eine Tugend zu machen. Trafen sich seine Wege zufällig mit denen irgendeines Potentaten, dann konnte er, ehe er sich versah, zum Hofnarren aufsteigen. über Nacht hatten die Bettelei, der Hunger und die Ungewissheit ein Ende. Oftmals kamen die Behinderten schon in ihrer Jugend zu ihren Herrschaften. Späher oder um die Gunst eines Herrschers buhlende Adlige hatten immer ein Auge für den Narrennachwuchs. Eine besondere "Nachfrage" bei Hofe bestand nach Menschen mit geistigen Mängeln, wie etwa Wirrköpfe, Phantasten und Einfältige, und nach Leuten mit körperlichen Gebrechen, sprich Zwergen, Krüppeln und Verwachsenen. Seit dem 13. Jahrhundert ist das Ausschmücken der herrschaftlichen Gesellschaft mit Narren vereinzelt belegbar.
Regelrecht zur Mode entwickelte sich das Hofnarrentum im 15. und 16. Jahrhundert an den europäischen Höfen. Im stetigen Kampf um Prestige wurde der Hofnarr, in einigen Höfen war es eine ganze Schar, zu einer Art Statussymbol für Könige, Herzöge und Fürsten. Längst zum festen Bestandteil des höfischen Lebens geworden, bestand ihre einzige Aufgabe darin, den Herrscher und seinen Hofstaat zu belustigen und bei Laune zu halten. Selbst der Renaissance-Humanismus mit seinem Bemühen um Menschenwürde und freie Persönlichkeitsentfaltung konnte an dieser aristokratischen Modeerscheinung nichts ändern. Dessen ungeachtet, waren derbe und brutale Späße mit den Narren an der Tagesordnung.
So berichten französische Geschichtsquellen von Turnieren mit Blinden und Schweinen, die in der Regierungszeit Karls VI. und Karls VII. stattgefunden haben sollen. Die Blinden steckte man in rostige Rüstungen und gab ihnen einen Holzknüppel als Waffe. Gelang es einem, ein Schwein totzuschlagen, so war es sein Eigentum. Jeder kann sich ausmalen, dass sich ein wildes Durcheinander entwickelte und alle Beteiligten gehörig etwas aufs Fell oder auf die Mütze, sprich Rüstung, bekamen. Nicht selten endeten solche höfischen Spektakel mit Verletzten oder gar Todesopfern (nach P. A. Dufau, Les Aveugles, 2. Aufl., Paris 1850).
Angesichts dieser und anderer makaberer Spielchen mag es uns heute schwer fallen, an Nächstenliebe und an eine karitative Seite des Hofnarrentums zu glauben. Aber in den historischen Aufzeichnungen ist oftmals zu lesen, dass man einen einfältigen Menschen um "Gottes willen" als Narren aufgenommen hat und bei Hofe ernährt. Ganz oben in der Gunst der Höfe standen Zwerge. Neun Hofzwerge zählten zum Hofstaat der Katharina von Medici. Makaber erscheint uns heute ihr Ansinnen, durch Zwergenhochzeiten deren Zahl zu vergrößern. Beliebt bei den Hofköchen war das Verstecken eines Zwerges in einer Pastete oder sein Auftauchen aus irgendwelchen Utensilien, wenn niemand bei Hofe damit rechnete. An einflussreichen Höfen wurden für sie spezielle Gemächer eingerichtet, die an große Puppenstuben erinnerten. Im Schloss von Mantua kann der Besucher diese Welt en miniature bestaunen. Anderenorts gab es einen "Kammerzwerg- Präzeptor" und eine eigene Bedienstete für die Kleinwüchsigen.
Über die Grenzen der Pfalz hinaus war der Zwerg Perkeo am Hof von Kurfürst Karl Philipp (1716–1742) in Heidelberg bekannt. Der Hofnarr stammte aus Südtirol, maß gerade einmal 1,10 m, und es ging ihm der Ruf voraus, sehr trinkfest zu sein. Auf die Frage nach einem Gläschen Wein antwortete er stets mit dem italienischen "Perche no?", zu Deutsch "Warum nicht?". So kam er zu seinem Spitznamen Perkeo. Zu seinen Aufgaben gehörte es, die Aufsicht über das 195.000 Liter fassende große Weinfass zu führen. Die Besucher des Heidelberger Schlosses können seine Statue neben dem größten Weinfass der Welt bestaunen. Die Legende berichtet, dass er täglich 18 Flaschen Wein geleert habe und ihn ausgerechnet ein Glas Wasser ins Jenseits beförderte. Joseph Victor von Scheffel schrieb den Text zu dem Lied "Das war der Zwerg Perkeo" und setzte ihm damit ein Denkmal.
Zu den körperlich und geistig deformierten Narren gehörte Claus von Rannstedt, auch Claus Narr genannt. Der stiernackige, schielende und mit schiefen Gesichtszügen gestrafte Spaßmacher war eine tragikomische Figur, die in über 50 Jahren vier sächsische Kurfürsten, quasi als Erbstück, und einen Erzbischof mit seinen Späßen erfreute. Nach 1530 verliert sich sein Weg im Dunkel der Geschichte. Einst hatte man ihn in seiner Kindheit von der Straße weg als Hofnarren angeworben. Historische Quellen schildern ihn als einen Menschen, den Wahnvorstellungen und Einbildungen keine klaren Gedanken fassen ließen. Andererseits berichten sie über Phasen klaren Denkens, in denen er übernatürliche Fähigkeiten entwickelte. So soll er den Einsturz einer neuen Brücke über die Elbe und den damit verbundenen Tod vieler Menschen vorhergesagt und ein anderes Mal auf ein ausgebrochenes Feuer auf der Veste Coburg hingewiesen haben, obwohl er hunderte Kilometer entfernt war. Seine telepathischen Fähigkeiten und seine oft beschriebenen Geistesblitze lassen
vermuten, dass er, wie es Werner Mezger formuliert, das Zweite Gesicht besaß. Eine um 1535 am Johann-Friedrich-Bau des Schlosses Hartenfels in Torrau errichtete
lebensgroße Figur des Hofnarren samt seinem Hund Lepsch zeugt von seiner einstigen Popularität als Hofnarr. Begründet wurde sie auch durch den Einzug in die Literatur. Hans Sachs schrieb Klaus Narren drey grose wunder in der stat zv
Leipzig
. und der Pfarrer Wolfgang Büttner veröffentlichte 1572 den
mittelalterlichen Bestseller "Sechshundert sieben und zwantzig Historien von
Claus Narren".
Doch es kam die Zeit, wo das Aussehen oder der Schwachsinn der natürlichen Narren die Leute nicht mehr von den herrschaftlichen Hockern riss.
Fortsetzung folgt ...
Verfasst von Manfred Kühr
Quellen: Herausgegeben in der "Karfunkel – erlebbare Geschichte", Ausgabe 49
Bilder und Texte: Die Bilder und Texte wurden uns mit der freundlichen Genehmigung der Karfunkel-Redaktion und des Autors, Manfred Kühr, zur Verfügung gestellt.