Der Hofnarr entwickelte sich seit dem beginnenden 16. Jahrhundert zunehmend zum Unterhaltungskünstler. Der Schwachsinn wurde durch den schlitzohrigen Witz ersetzt, und die Narren wurden somit dem wachsenden Anspruch nach geistreicher Unterhaltung gerecht. Gefragt waren der Schauspieler, der Musiker, der Akrobat und natürlich der Wortakrobat im Narren. Schlagfertigkeit, Ideenreichtum und Witz waren neben der Originalität die herausstehenden Eigenschaften eines "weisen Narren".
Kunz von der Rosen, der berühmte Hofnarr von Kaiser Maximilian, erfüllte alle diese Anforderungen. Der Sohn eines Gastwirtes stammte aus Kaufbeuren, erlernte das Kriegshandwerk und trat später in habsburgische Dienste. Durch seinen Mut und seine Schlagfertigkeit geriet er auch in den Blickwinkel des späteren Kaisers. Berühmt war der Versuch, seinen Herren 1488 aus der Gefangenschaft in Brügge zu befreien. Sein Plan sah vor, dass er nach einem Kleidertausch anstelle seines Herren im Kerker bleiben wollte. Die vielen Anekdoten über den Hofnarren vermitteln dem Betrachter das Bild eines scharfsinnigen, schlauen und humorvollen Menschen.
Die Hofnarren mussten das Treiben bei Hofe sehr genau wahrnehmen, die Schwächen der Höflinge erkennen, Intrigen auf der Spur sein und sich sicherlich oft ihrer eigenen Haut wehren. Was man ihnen nicht verzieh, war die Sprachlosigkeit. Stets sollten sie das passende Wort am richtigen Ort finden, in Reimen, Versen und Wortspielen mit ihnen jonglieren und dabei noch das Gelächter der Herrscher nebst Hofgesellschaft auf ihrer Seite haben – wahrlich kein leichtes Hofamt, denn nichts war so langweilig wie der Witz von gestern. Das stete Verlangen nach neuen Formen der Unterhaltung trieb die Hofnarren zur Nutzung all ihrer Fähigkeiten. Glücklich schätzen konnte sich der, der ein Instrument spielen, Grimassen schneiden, Geräusche imitieren oder Höflinge täuschend echt nachahmen konnte. Der Preis, den sie dafür zu zahlen hatten, war, dass sie sich nie als vernünftige Menschen zu erkennen geben durften – gewiss eine Zwickmühle für manchen Narren, der klüger als sein Herr und die ganze Hofgesellschaft war. Nur die sprichwörtliche Narrenfreiheit garantierte ihm das Recht, die Wahrheit zu sagen und den Herrscher zu kritisieren. Zurückgeführt wird die Narrenfreiheit auf religiöse Überlieferungen, wonach aus den Wahnsinnigen Gott spreche. Auch die islamische Glaubenslehre sieht den Wahnsinn als eine göttliche Eingabe. Für ihre Taten und Äußerungen konnten die Betroffenen nicht verantwortlich gemacht werden. Da der Herrscher ebenfalls außerhalb aller Gesetze stand, verband ihn mit seinem Spaßmacher eine mystische Beziehung. Nur deshalb konnten die Hofnarren Dinge aussprechen, die für Mitglieder der Hofgesellschaft den Kerker oder den Galgen bedeutet hätten. Trotz einschnürender Etikette bei Hofe durfte er den Herrscher duzen, ihm ins Wort fallen und sogar sein Handeln kritisieren. An diesem Narrenstatus änderte sich auch nichts, als die natürlichen Narren zunehmend den Schalknarren Platz machen mussten. Dichter, wie zum Beispiel Shakespeare in "König Lear", benutzten die Figur des weisen Narren oft, um die Wahrheit schonungslos auszusprechen.
Das Privileg der Narrenfreiheit war an eine "Berufskleidung" gebunden, die den Narren als solchen auswies. Ältester Bestandteil der Kleidung ist die Marotte, eine Art Keule, die der natürliche Narr in den rohen Zeiten des Mittelalters zu seinem eigenen Schutz bei sich trug. In die Keulenverdickung wurde später das Antlitz des Narren geschnitzt. Sinnbildlich trägt der Narr sein eigenes Ebenbild mit sich herum, ist also nur auf sich selbst fixiert und somit unfähig zur Nächstenliebe. Eine gleiche Deutung lässt der Narrenspiegel zu, der seit dem 15. Jahrhundert oft anstelle der Marotte zu den Utensilien eines Spaßmachers zählte, aber er ist nicht nur als Symbol der Selbstliebe zu sehen. Gleichzeitig steht der Spiegel sinnbildlich für die Entlarvung, er wird quasi zur moralischen Gerichtsbarkeit. Auf dem Kopf trug der Narr häufig eine Kapuze mit Eselsohren und einem Hahnenkamm in der Mitte. Die Eselsohren stehen für die sprichwörtliche Dummheit des Esels, und der meist angedeutete Hahnenkamm ist laut Mezger als Bezug zur Geilheit bzw. Fleischeslust zu deuten. An den Ohren und an Teilen der Kleidung hingen Schellen und Glöckchen. Ihr schriller Klang wurde als Gleichnis für Chaos und Durcheinander angesehen. Das Gewand war unterschiedlich zusammengestellt. Die Quellen berichten von bunten Kleidungsstücken, aber auch von grauen Narrentrachten. Letzteres sollte wieder auf das Gleichnis zum Esel hindeuten. Hielt sich der Narr an die Gepflogenheiten bei Hof, dann konnte er ein recht sorgloses Leben führen. In einer Hofordnung des Dresdener Hofes aus dem 16. Jahrhundert kann man lesen, dass ihnen Obdach, Hofkleidung, Essen, Getränke, Kerzen und Kaminholz zustanden und dass sie mit 150 Goldgulden im Jahr bezahlt wurden. Spielte man dem Narren bösartige Streiche, so mussten die Beteiligten ihm ein Schmerzensgeld zahlen. War der Übeltäter fürstlicher Gast, so wurde das Schmerzensgeld aus der Hofkasse bezahlt. Sicherlich kann man davon ausgehen, dass von der Hofgesellschaft auch Trinkgelder für besonders gute Späße gegeben wurden.
Dass man als Hofnarr auch nebenberuflich tätig sein konnte, ist uns von Friedrich Taubmann bekannt, der am sächsischen Hof in Dresden als "kurzweiliger Rat" angestellt war. Nebenbei machte er sich einen Namen als Poet und Philologe. Neben der Narrenstelle bei Hofe war er als Professor an der Universität Wittenberg tätig. Der ehrgeizige Taubmann wurde 1608 sogar zum Rektor der Universität berufen – sicherlich nicht ohne Hilfe des Kurfürsten.
Fortsetzung folgt ...
Verfasst von Manfred Kühr
Quellen: Herausgegeben in der "Karfunkel – erlebbare Geschichte", Ausgabe 49
Bilder und Texte: Die Bilder und Texte wurden uns mit der freundlichen Genehmigung der Karfunkel-Redaktion und des Autors, Manfred Kühr, zur Verfügung gestellt.