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Standort: Berichte und Interviews zum Thema Dies & Das – Hofnarren – Possenreißer zwischen Genie und Wahnsinn – Teil 3

Bericht: Hofnarren

Possenreißer zwischen Genie und Wahnsinn – Teil 3

Narrenschicksale

Holzschnitt – zeigt 3 Narren, die mit einer Armbrust auf eine Zielscheibe schießen.

Die höfischen Alleinunterhalter waren stets von der Gunst ihrer Herren abhängig. Entweder man hatte einen Narren an ihm gefressen, oder er war der arme Hanswurst, auf dessen Kosten man sich nur lustig machte. Zwei Narrenschicksale, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, geben Einblicke in die Welt der herrschaftlichen Hofgesellschaften:

Zu einer Berühmtheit am Hof von August dem Starken avancierte der aus dem Salzkammergut stammende Hofnarr Joseph Fröhlich. Sein Einstieg in die höfische Welt gelang ihm über seine nicht zu durchschauenden Taschenspielertricks. Als Müller machte er während seiner Wanderjahre Bekanntschaft mit Gauklern, und mit viel Training und Fingerfertigkeit eignete er sich die Tricks an. Um 1724 fand er seine erste Anstellung als Hof-Taschenspieler beim Markgrafen von Bayreuth. Drei Jahre später wechselte er an den Hof zu Dresden. Er fand eine Anstellung als Königlich-Kurfürstlicher Hoftaschenspieler und war bei allen großen Festen und Reisen des Sachsenkönigs vertreten. Obwohl Fröhlich in der Standesliste der Kammerbediensteten ziemlich weit hinten aufgeführt wurde, konnte er sich über ein monatliches Einkommen von 30 Talern freuen. Belegt ist, dass er 1835 in seiner Heimat eine Mühle für 3200 Gulden kaufte. Zusammen mit dem "Baron Schmiedel", seines Zeichens "Reise-Post und Jagd Courir", bildete er ein berühmtes Gespann, das für die Unterhaltung bei Hofe verantwortlich zeichnete. Joseph Fröhlich wurde sogar die Ehre zuteil, vom berühmten J. J. Kaendler mehrmals in Porzellanplastiken dargestellt zu werden. Im Jahre 1744 wurde der Hofnarr zum "Königlichen Mühlen-Commissarius" berufen, und 1754 verlieh man ihm und seinem Sohn die Königliche Hofmühle Marienmont bei Warschau auf Lebzeiten. Er selbst blieb aber in seinem Häuschen am Neustädter Elbufer in Dresden, dessen Bauplatz ihm sein Herr geschenkt hatte. Joseph Fröhlich starb 1757 in seiner Mühle bei Warschau. Sein umfangreiches Inventar ließ erkennen, dass er sehr vermögend war. Seine Arbeit mit dem herrschaftlichen Publikum, sein Humor und seine Taschenspielertricks hatten sich ausgezahlt.

Ein ganz anderes Schicksal widerfuhr Jakob Paul Freiherr von Gundling, eine der schillerndsten Personen der preußischen Geschichte, am Hof des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. (1688–1740), wo man ein böses Spiel mit ihm trieb. Nach umfangreichem Studium wurde er 1705 als Professor für Geschichte und Politik an die Ritterakademie bestellt. König Friedrich Wilhelm I. ernannte den vielseitig gebildeten Gundling später zum Hofrat und Zeitungsreferenten und Kurzweiligen Tischrat. 1718 löste er Leibnitz als Präsidenten der Akademie der Wissenschaften ab, eine gesicherte Zukunft war vorgezeichnet. Doch seine unstillbare Alkoholsucht, gepaart mit einer etwas linkischen Haltung und der beispiellosen Weltfremdheit machte ihn zur tragischen Hofnarrenfigur.

Holzschnitt eines Narren, wie er gerade den König unterhält. Hierbei handelt es sich um Till Eulenspiegel, den berühmtesten Narren im deutschsprachigen Raum.

Theodor Fontanes Meinung nach vereinigte er "Witz und Wüstheit, Wein- und Wissensdurst, niedere Gesinnung und stubende Gelehrsamkeit" miteinander. In seinen Schaffensphasen verfasste er weitere wissenschaftliche Schriften, die ihm sogar Dankesgeschenke des russischen Zarenhofes und des deutschen Kaisers einbrachten. Selbst für Friedrich Wilhelm I. war er unentbehrlich. Gundling war Wirtschafts- und Justizexperte von Rang, Kartograph, Literat, Historiker mit Weitblick und Berater des Königs mit Einfluss. Sein Doppelleben als Gelehrter und Hofnarr, als Träger von Doktorhut und Narrenkappe wurde aber auch für den Monarchen immer unerträglicher. Man kann davon ausgehen, dass er das versoffene Genie in den letzten Jahren nur noch als "nützlichen Idioten" betrachtete. Wie sollte man sonst verstehen, dass ihn der König selbst zum Schlüsselträger des Schlossweinkellers ernannte. Er war längst gestempelt, musste als Ober-Zeremonienmeister eine sonderbare Kleidung tragen und wurde immer mehr zum Gespött der preußischen Hofgesellschaft. Man war erst zufrieden, wenn er den "Dünsten des Weins" erlegen war und zu diskutieren anfing oder allerlei Irres von sich gab. Besonders hatte er unter dem Tabakkollegium zu leiden, jenem Treff raubeiniger Militärs aus der engsten Umgebung des Königs. Seine versteckte Kritik an ihren Adelsprivilegien wurde ihm auf Heller und Pfennig von hemdsärmligen Adligen heimgezahlt. Sie verachteten den bürgerlichen Aufsteiger und trieben mit ihm ihre derben und rohen Späße. Sogar eine Scheinerschießung durch das Tabakkollegium musste er über sich ergehen lassen. Gundling unternahm einige vergebliche Fluchten, versuchte andererseits auch immer wieder, sich mit der Macht zu arrangieren, und ließ nichts unversucht, sein Renommee wiederherzustellen, doch seinen Bemühungen war kein Erfolg beschieden. Längst hatte man die Intelligenz zum Narren gemacht, dass der Pöbel nicht auf Ideen kommt. wie es Heiner Müller in seinem Stück "Leben Gundlings Friedrich von Preussen Lessings Schlaf Traum Schrei" viel sagend auf den Punkt brachte. Bereits 10 Jahre vor seinem Tod ließ man ihm einen Sarg in Form eines Weinfasses anfertigen. Als er 1731 starb, erreichte die Menschenverachtung ihren Höhepunkt: Jakob Paul Freiherr von Gundling wird in dem "Fass-Sarg", der mit unzähligen Spottversen versehen ist, beigesetzt:

Hier liegt in seiner Haut
Halb Schwein, halb Mensch, ein Wunderding.
In seiner Jugend klug, in seinem Alter toll
Des Morgens voller Witz, des Abends toll und voll.
Bereits ruft Bacchus laut: Das theure Kind ist Gundeling

Diese Verse wurden mit der Einwilligung des Soldatenkönigs auf das Fass geschrieben. Als sich der lutherische Pfarrer weigert, eine derartige Trauerfeier abzuhalten, wird die Leichenrede kurzerhand von einem Mitglied des Tabakkollegiums gehalten. Einer zeitgenössischen Chronik ist zu entnehmen, dass "sein Leichenbegängnis äußerst lustig und seinem geführten Lebenswandel völlig angemessen war".

Ende des Narrentums

Das Lachen der höfischen Gesellschaften über die Narrenspäße wurde weniger, und andere Formen der Unterhaltung rückten in den Mittelpunkt des Interesses. Verantwortlich dafür war die Epoche des Rokoko. Zartheit und Intimität bestimmten nicht nur die Architektur, sondern auch in zunehmendem Maße die zwischenmenschlichen Beziehungen. Keine derben Späße, keine einfältige oder wohldurchdachte Possenreißerei auf Kosten anderer, sondern Etikette und vornehme Noblesse waren gefragt.

Natürlich kam auch das Vergnügen nicht zu kurz: Neue "Spaßmacher" hielten die Obrigkeit bei Laune. Die deutschen Herrscher des zu Ende gehenden 17. Jahrhunderts hatten gut lachen – das Mätressenwesen im Reich setzte sich durch. Sogar die juristischen Fakultäten wurden bemüht, um es vor Kirche und Volk zu legitimieren. Fortan gehörte es zum guten Ton, eine oder sogar mehrere Zweitfrauen zu haben. Herrscher mit einer besonders engen Beziehung zu ihren Angetrauten hielten sich wenigstens eine "maitresse en titre", um dem höfischen Anspruch gerecht zu werden. Aber diese Liebes- und Seelenmassage hatte ihren Preis: Mätresse zu sein, kam einem öffentlichen Amt gleich, hieß öffentliche Gleichberechtigung neben der Gattin und bedeutete, wichtiger Machtfaktor bei Hofe zu sein. Solche "Ämter" waren sehr diffizil und brachten bestimmt nicht die Lächerlichkeit und den Spott eines Hofnarren.

Im Kampf zwischen Damenherrschaft kontra Narrenfreiheit schlugen sich Könige und Fürsten auf die Seite des schönen Geschlechts. Als erster deutscher Herrscher verabschiedete sich der Preußenkönig Friedrich II. von seinem letzten Hofnarren. Er verfasste ein sehr ironisches Arbeitszeugnis für Karl Ludwig von Pöllnitz, seines Zeichens Kurzweiliger Tischrat am preußischen Hofe. Die Übergabe des Abschiedsbriefes erfolgte, nicht ohne Hintergedanken, am 1. April 1744. Das 18. Jahrhundert war aber auch die Epoche der europäischen Aufklärung. Getragen von so wichtigen Begriffen wie Vernunft, Humanität und Toleranz, entwickelte sich in Deutschland eine geistig-literarische Bewegung, die den Menschen zum selbständigen Denken und zu vernünftigen Einsichten erziehen sollte. Für Hofnarren war in dem einsetzenden Entwicklungsprozess kein Platz mehr. Die Geschichtsquellen geben Auskunft über viele Narrenschicksale in dieser Zeit des neuen Aufbruchs. Manche hatten sich in ihrer Hofzeit eine materielle Sicherheit geschaffen, andere wechselten in die Hoftheater, und manchen blieb sogar eine Zirkusmanege nicht erspart. Hier fanden Fürsten und Hofnarren wieder zueinander, als Weißclown und Dummer August.

Verfasst von Manfred Kühr

Quellen: Herausgegeben in der "Karfunkel – erlebbare Geschichte", Ausgabe 49

Bilder und Texte: Die Bilder und Texte wurden uns mit der freundlichen Genehmigung der Karfunkel-Redaktion und des Autors, Manfred Kühr, zur Verfügung gestellt.

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