"Zuerst wünsche ich mir einen Barrierenabbau in den Köpfen."
Im Jahr 2005 wurde "accessible-media" als eigenständiger Verein gegründet und ist verstärkt bestrebt, Barrieren im Internet abzubauen.
An vorderster Front kämpft Frau Eva Papst für mehr Akzeptanz und Abbau von Vorurteilen zum Thema barrierefreie Webseitengestaltung. Längst sind barrierefreie Seiten nicht mehr unansehnlich oder haben den schlechten Ruf, nicht leistbar zu sein, sondern stehen für Qualität und Stabilität und bieten letztendlich Zugang für alle.
Doch welche Barrieren gibt es? Und wie kann man diese abbauen? Was brauchen Nutzer und Anbieter, um Barrieren abzubauen und diese dennoch zielgruppenorientiert zu gestalten? Welche Vorteile ergeben sich aus barrierefreien Webseiten und was bedeutet "barrierefreies Webdesign"?
Frau Papst beantwortete uns diese Fragen und noch viel mehr.
Alexandra Steiner sprach für Projekt Gink-Go! mit Eva Papst:
Alexandra: Wie kam es zur Gründung des Vereins "accessible-media"?
Eva Papst: Seit Inkrafttreten der Zugänglichkeitsrichtlinien für Webauftritte 1999 haben sich Einzelkämpfer ebenso wie Agenturen, Behindertenvertreter oder Bildungseinrichtungen intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und eine Menge Wissen aufgebaut. Die österreichweite Plattform "accessible-media – Zugang für alle" ist die logische Antwort auf die Frage, wie man dieses Wissen zusammenführen und damit dem Thema mehr Nachdruck verleihen kann.
"Accessible-media" ist daher der Zusammenschluss einer Reihe von Expertinnen und Experten im Bereich Accessibility sowie Interessentinnen und Interessenten, die dem Thema Accessibility oder Barrierefreiheit, wie es deutsch heißt, mehr zum Durchbruch verhelfen wollen.
Alexandra: Was bedeutet "accessible-media"?
Eva Papst: Der deutsche Untertitel von "accessible-media" lautet "Zugang für alle", und damit ist der Schwerpunkt unserer Aufgabenstellung schon skizziert. Unser Ziel ist es, allen Menschen, allen voran solchen mit Behinderung, den Zugang zur digitalen Information ermöglichen und erleichtern zu helfen. Im Vordergrund steht dabei das Medium Internet. Wir wollen uns aber keinesfalls auf dieses beschränken.
Alexandra: Was bedeutet "barrierefreies Web"?
Eva Papst: In Anlehnung an das Behindertengleichstellungsgesetz könnte man vereinfacht sagen: Barrierefreiheit bedeutet den Zugang ohne fremde Hilfe, in der allgemein üblichen Weise und ohne erheblichen Mehraufwand. Das gilt natürlich für alle Lebensbereiche.
Ob man nun mit Maus oder Tastatur oder einer ganz anderen Eingabehilfe arbeitet, ob man nun die Seite via Bildschirm oder Sprachausgabe betrachtet – eine Webseite sollte navigierbar und verständlich bleiben, auch wenn die Konfiguration der Nutzerinnen und Nutzer von der Norm abweicht.
Alexandra: Welchen Stellenwert hat heutzutage "barrierefreies Web"?
Eva Papst: Da viele Aktionen oder Geschäfte immer mehr ins Internet verlagert werden, steigt auch die Bedeutung des Zugangs zu diesem Medium. Auch gibt es für einige Nutzergruppen keine Alternative. Etwa dann, wenn jemand im Rollstuhl aus baulichen Gründen keinen Zugang zur Bibliothek hat und daher via Internet bestellt. Auch haben blinde Menschen keinen Zugang zum gedruckten Telefonbuch, sodass die Online-Version den einzigen Zugang zu diesem Datenmaterial darstellt.
Diese Beispiele lassen sich beliebig erweitern, ob nun Bildung, Behördengänge, Shopping oder Bankgeschäfte.
Alexandra: Wie viele Mitglieder hat der Verein und aus welchen Sparten kommen diese?
Eva Papst: Mitglieder von "accessible-media" sind Bildungseinrichtungen ebenso wie Vertreter aus Behindertenorganisationen und natürlich Web-Agenturen. Aber auch Anbieter großer Webseiten der öffentlichen Hand, aus dem kommunalen Bereich, den Medien oder der Privatwirtschaft sowie private Interessentinnen und Interessenten zählen wir zu unserem Mitgliederkreis. Da viele Mitgliedschaften stellvertretend für einen großen Personenkreis stehen, ist die tatsächliche Mitgliederanzahl von derzeit knapp unter 30 nicht wirklich aussagekräftig.
Alexandra: Was können Sie Ihren Mitgliedern anbieten?
Eva Papst: Expertenwissen und Weitergabe durch Beratung und Begleitung von Neu- oder Umgestaltungen von Webauftritten. Verstärkte Öffentlichkeitsarbeit und Informationsveranstaltungen sowie Workshops zum Thema Accessibility zählen zu unseren Aktivitäten.
Am 4. Juni 2007 fand übrigens unser 1. Accessibility-Stammtisch statt, der allen Interessentinnen und Interessenten am Thema Gelegenheit zu Wissensaustausch bot und künftig öfter abgehalten werden soll. Dieses Event war gemäß unserem Motto für alle zugänglich, also auch für solche, die noch nicht Mitglied sind.
Die rege Teilnahme und die lebhaften Fachgespräche zu den unterschiedlichsten Themen zeigten den Bedarf an solchen Zusammenkünften, weshalb wir den Accessibility-Stammtisch künftig auch regelmäßig abhalten werden. Mehr dazu unter http://www.accessiblemedia.at/aktuelles/2007/06/07/1-accessibility-stammtisch-kurz-zusammengefasst und http://www.bizeps.or.at/news.php?nr=7890.
Alexandra: Wie lange sind Sie schon bei "accessible-media" und was sind Ihre bisherigen Erfahrungen mit dem Thema "barrierefreies Internet"?
Eva Papst: Ich selbst beschäftige mich mit dem Thema Accessibility seit 1999, als die Richtlinien für zugängliches Web ins Leben gerufen wurden. Andere Mitarbeiter bei "accessible-media" sind noch länger am Thema dran. Die Gründung von "accessible-media" im Jahr 2005 war also nicht der Anfang einer Initiative, sondern eher eine Zusammenführung vieler Initiativen und EinzelkämpferInnen mit einem jahrelang kontinuierlich angesammelten Wissen.
Die Erfahrung der letzten zwei Jahre bringt vor allem zwei wesentliche Erkenntnisse:
Alexandra: Welche Aufgabe haben Sie bei "accessible-media"?
Eva Papst: Derzeit bin ich die Vorsitzende der Plattform und Teil eines engagierten Teams.
In der eben geschilderten Landschaft nehmen wir vor allem Aufgaben zur Beratung, Begleitung und Begutachtung bei neuen oder umgestalteten Webseiten wahr. Ziel ist es vor allem, Wege und Lösungen für eine qualitativ hochwertige und dennoch kostengünstige Umsetzung der Zugänglichkeitsrichtlinien aufzuzeigen.
Was wir nicht sind, möchte ich ebenso klarstellen: "accessible-media" ist kein Dienstleister; dafür sind jene Agenturen da, die bereits seit Jahren erfolgreich und mit überzeugenden Referenzen auf dem Gebiet tätig sind. Selbstverständlich haben wir eine Liste erfahrener Dienstleister für jene, die Unterstützung bei einem Relaunch oder der Neugestaltung eines Webauftritts benötigen.
Alexandra: Für viele Unternehmen ist das Thema "barrierefrei" immer wieder auch ein Synonym für "nicht leistbar" oder "behindertengerecht". Wie versuchen Sie, Unternehmen auf die Vorteile des barrierefreien Internets hinzuweisen?
Eva Papst: Ob man sich als Behörde, Kommune oder Wirtschaftsbetrieb einen möglichst barrierearmen Webauftritt leisten kann, hängt vor allem von der Herangehensweise ab. Ich möchte dies an einem Beispiel aus dem baulichen Bereich zu erklären versuchen: Wenn man bei der Planung vergisst, einen Lift in ein Gebäude einzubauen und man muss diesen später nachrüsten, ist dies mit erheblichen Mehrkosten verbunden.
Ähnlich verhält es sich auch beim Relaunch eines Webauftritts. Barrierefreiheit kostet natürlich etwas, aber wie der Vertreter eines großen kommunalen Auftritts so treffend gesagt hat: "Sie zahlt sich auch aus, und zwar nicht nur für die Benutzerinnen und Benutzer der Webseiten, sondern auch für den Anbieter selbst."
Accessibility, also Barrierefreiheit, ist zwar nicht mit Usability, also Bedienerfreundlichkeit, gleichzusetzen, aber durch die Umsetzung der Merkmale guter Zugänglichkeit für alle verbessert sich auch die allgemeine Benutzbarkeit. Als Beispiele seien hier ausreichend große Schriften für ermüdungsfreies Lesen, Anpassbarkeit von Schriftgröße und Aussehen im eigenen Browser oder auch gute Kontraste, klare Strukturen der Seitenbereiche genannt. Die Einhaltung der Standards, die Trennung von Dokumentstruktur und Aussehen und die Verwendung strukturierender Elemente wie Überschriften, Absätze oder Listen sorgen auch für eine verbesserte Darstellung auf mobilen Endgeräten wie PDA oder Handy.
Außer Zweifel steht auch, dass die Wirtschaft die Bedeutung behinderter KundInnen deutlich unterschätzt. Auch dafür möchte ich ein Beispiel bringen: Der Einkauf im Supermarkt ist für Menschen im Rollstuhl, aber auch für blinde und sehbehinderte Menschen mit viel Mühe verbunden. Die einen kommen oft an die Waren nicht heran – sofern sie überhaupt in den Supermarkt kommen –, die anderen können die Waren nur mit fremder Hilfe identifizieren.
Ein barrierearm gestalteter Internet-Shop käme beiden entgegen. Und wenn man die Waren nicht heimschleppen muss, kauft man vielleicht sogar mehr.
Aber auch eine vorübergehende Einschränkung in der Mobilität kommt hier zum Tragen, ob nun ein gebrochenes Bein, ein kaputtes oder verborgtes Auto oder ein Wohnort mit fehlender Infrastruktur die Ursache ist.
"Accessible-media" versucht, wie in den Aufgaben beschrieben, vor allem umfassend zu informieren und zu vernetzen. Gerne stellen wir auch den Kontakt zu Webanbietern her, die von ihren Erfahrungen mit einem Relaunch in Richtung Accessibility berichten. Nichts wirkt überzeugender als ein gelungener Relaunch und die Erkenntnis, dass das Projekt dadurch nicht nur zugänglicher geworden ist, sondern die Seiten sich auch schneller aufbauen und stabiler sind, die Serverlast geringer wird und das gesamte Projekt leichter gepflegt werden kann.
Alexandra: Was sind Ihre Wünsche und Pläne für die Zukunft?
Eva Papst: Zuerst wünsche ich mir einen Barrierenabbau in den Köpfen und denke dabei an Vorurteile wie "barrierefreie Seiten sind hässlich" oder "eine Textversion ist barrierefrei". Ein offenes und sachliches Herangehen an das Thema wird dann schon zeigen, dass bei gut zugänglichen Seiten alle gewinnen: die Anbieter genauso wie die Benutzer.
Was man nicht kennt, zweifelt man in unserem Land gerne an. Nach alter Travnicek-Manier haben so manche Wiener vor
Eröffnung der U1 gesagt: Za wos brauch ma a U-Bahn?
Heute ist dieses Verkehrsmittel
gerammlt voll.
Ich wünsche mir, dass es sich in wenigen Jahren mit Accessibility ähnlich verhält und sie zum selbstverständlichen Qualitätskriterium von Webseiten wird.
Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!
Nähere Informationen über "accessible-media" finden Sie unter: http://www.accessible-media.at
Infos zum Interview: Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.
Gesprächspartnerin: Alexandra Steiner
Fotos und Logo: Wurden für Projekt Gink-Go! von "accessible-media" zur Verfügung gestellt.
Das Interview erscheint am 14. Juni 2007.