"Wo die Sprache aufhört, ist Bewegung die Möglichkeit der Kommunikation."
DanceAbility setzt sich aus zwei Wörtern zusammen: Dance bedeutet Tanzen und Ability bedeutet die Befähigung. Einzeln gesehen, klingen diese Begriffe nicht so spannend, aber wenn man sie zusammenbringt, so erhält man ein Wort, dass viel mehr beschreibt.
"DanceAbility ist eine integrierende Tanzmethode, die Menschen mit und ohne Behinderung zusammenbringt." So wird es auf der Webseite von DanceAbility beschrieben.
Alito Alessi gründete DanceAbility und schuf damit nicht nur eine lebendige Form des Tanzes, sondern öffnete vor allem Menschen mit Behinderung die Möglichkeit, mittels Tanzen ihren Körper besser kennenzulernen.
Regina Erben-Harting interviewte für Projekt Gink-Go! Vera Rebl und Carina Kocher – beide sind Lehrerinnen im DanceAbility Wien.
Abschließend möchten wir uns bei Regina für diese tolle Arbeit bedanken!
Regina: Schön, dass ihr euch Zeit genommen habt, meine Fragen zu beantworten! Hier gleich meine erste: Wie bist du zu Alito Alessi gekommen?
Vera: Wir waren essen am Rathausplatz, Oper schauen, da ist ein Mann auf mich zugekommen: "Would you like to dance?" – Ich war peinlich berührt, dachte, er macht einen geschmacklosen Witz, und habe ihn weggeschickt, aber er hat mir trotzdem seine Visitenkarte aufgedrängt. Im Jahr darauf ging ich in seinen Workshop, und statt einer Begrüßung sagte Alito: "Brauchst du für alles ein Jahr, bis du dich entschließt, es zu tun?" So hat es angefangen.
Carina: Vor 10 Jahren habe ich bei Alito Alessi eine Ausbildung in Konstanz "body work", Kontaktimprovisation, Körperarbeit gemacht; das war für mich ein Vorläufer für meine weitere Arbeit. Dann habe ich vor zwei Jahren bei den Tanzwochen 2005 gesehen, dass er DanceAbility macht, habe einen einwöchigen Workshop besucht – dort habe ich auch Vera kennengelernt – und mich voriges Jahr entschlossen, die Teacher-Ausbildung zu machen. Da waren Vera und ich dann beide zusammen und haben einander so besser kennengelernt.

Bild: Aufführung im Wiener Rathaus im Rahmen der Messe "Jeder für Jeden"
am 25. März 2007
Hinten: Carina Kocher und Evelyne Schauer
Vorne: Vera Rebl und Josefa Fuchs
Regina: Was ist für dich Bewegung?
Carina: Durch Bewegung, durch Tanzen finde ich einen anderen Zugang zu mir selbst und anderen Menschen. Wo die Sprache aufhört, ist Bewegung die Möglichkeit der Kommunikation, ehrlich, authentisch und direkt. Wenn ich Musik höre, bewege ich mich unwillkürlich – weich, fließend ... Bewegung ist mein Leben.
Vera: Bewegung ist für mich aus meinem Körper ausbrechen. Ich fühlte mich immer eingesperrt in meinem Körper und habe ihn als Kind nur als Objekt erlebt, das examiniert, untersucht, versorgt, "gewartet" wird. Körper hat weder Spaß noch Freude noch Wohlbefinden bedeutet. Durch Bewegung und besonders durch tanzende Bewegung und da wieder dank DanceAbility kann ich in Bewegung, im Tanz auf andere zugehen, in Beziehung treten, mich auch ohne Worte, ohne Sprache verständigen. Mein Freund Georg hat einmal gesagt, dass man mit DanceAbility "eine neue Sprache" lernt. Das drückt es gut aus. Es ist eine Sprache, die wir immer schon kannten, aber nicht (mehr) sprechen konnten.
Regina: Das finde ich schön, ähnlich habe ich es auch erlebt, ohne es so ausdrücken zu können. Doch zur nächsten Frage, die das Thema Körper noch etwas beleuchtet: Was ist für dich, Carina, Körper, wie hast du ihn bzw. dich erlebt als Kind?
Carina: Ich habe als Kind meinen Körper nicht mögen; erst durch die Bewegung habe ich gelernt, ihn zu akzeptieren, mich in ihm wohlzufühlen. Jetzt passt der Körper, in Bewegung, tanzend ... Ich muss nicht mehr denken: "Wie schaut das aus?" Ich bewege mich, ich gefalle mir, es muss nicht mehr bewertet werden. Ich muss nicht mehr bewerten, wenn ich mich bewege, wie ich mich bewege. Ich entwickle – zusammen mit Vera und auch anderen – eine eigene Bewegungssprache, ohne zu bewerten, wie sie wirkt und ankommt. Durch die Tanzausbildung sind die Schutzhüllen und Masken abgefallen, ich bin nun viel authentischer – nein, das gibt es nicht. Ich bin jetzt authentisch. Das "Scheinen als ob" ist weggefallen.
Regina: Hat das auch mit Kunst zu tun, diese Authentizität? Oder: Was bedeutet Kunst für dich?
Carina: Wenn du aus dem Inneren herauswächst, wenn man das Innere nach außen bringt, wenn man authentisch und man selbst ist in dem, was man tut. Wenn man mit anderen in Kontakt tritt, ohne Maske oder diese nur als künstlerisches Element einsetzt.
Vera: Wenn wir arbeiten, wenn wir tanzen, unsere Arbeit, unsere Choreographien, das ist Kunst. Ich werde immer ganz zornig, wenn wir in das sogenannte "soziale Eck'" geschoben werden, nur weil wir mit Menschen arbeiten, die erkennbare und sichtbare Behinderungen haben – als wäre diesen bzw. uns Kunst nicht möglich! Förderungen für Menschen mit erkennbarer Behinderung für künstlerische Tätigkeit sind schwer zu bekommen, da diese Kunst noch immer ins soziale oder therapeutische Eck' gestellt wird, also nicht als Kunst anerkannt wird. Daran hat auch Gugging (Anm.: Das Haus der Künstler und deren Akzeptanz in der Bildenden Kunst) – bisher – nichts geändert. Unsere Arbeit ist Kunst, auch wenn ich diese Schubladen – so oder so – nicht mag! Das müssen wir ändern.
Bild: Vera Rebl (links) und Carina Kocher beim Improvisieren
Regina: Diese Akzeptanzfrage hat für mich sehr mit Respekt zu tun, damit, respektiert zu werden. Daher gleich meine nächste Frage: Was ist für dich Respekt?
Vera: Wenn man nicht bevormundet wird, wenn – wie bei uns – eine Atmosphäre der Gleichheit entsteht, auch Anderssein zu akzeptieren, Grenzen, Macken und Eigenheiten.
Carina: Für mich ist Respekt auch körperlicher Respekt, jener dem eigenen Körper gegenüber, mir selbst gegenüber. Nichts zu tun, was meinem Körper schadet. Den Körper, den anderen zu respektieren. Nicht nur einfach von jemand die Hand nehmen, sondern du nimmst die Hand, wenn der oder die andere sie dir zurückreicht. So kann ein gemeinsamer Tanz, eine Berührung entstehen, etwas Gemeinsames, Geteiltes, Ganzes. Respekt ist: Keine Verletzung zulassen, von nichts und niemandem, keinem Tier, keiner Pflanze. Allem ohne Hochmut begegnen. Da ist der Buddhismus mir ein Vorbild.
Regina: Den praktizierst du ja auch seit einiger Zeit.
Carina: Ja. Hören, zuhören, dann sprechen. Mit Anerkennung und Wertschätzung, offen und selbstverständlich mit allen und allem umgehen. Das ist für mich Respekt.
Regina: Was ist dein größter Traum?
Vera: Ich lebe meine Träume. Mein Traum ist das, was ich mache.
Carina: Was ich mache, mein Leben. Mit Vera: Ein Stück mit zwanzig Personen, Menschen aus der "Gruft", aus dem Altersheim, ganz junge, ganz alte, Menschen vom Rande der Gesellschaft und solche, die mittendrin im Leben sind, alle in einer Klasse, einem Saal, in einem Stück, zentral mit den Menschen zu arbeiten, unabhängig von Raum, Zeit und Status.
Bild: Probe für ein neues Stück. Workshop für Menschen mit und ohne Behinderung.
Regina: Gibt es einen Kernsatz, den du noch hinzufügen willst?
Vera: "Change the shape you are in." – "Ändere deinen Blickpunkt, wechsle deinen Standpunkt." So gesehen ist DanceAbility sehr politisch: Du kannst es nicht praktizieren, ohne dass es Auswirkungen auf deine Haltung – in doppelter Hinsicht – und auf deine Sichtweise im Alltag hat. DanceAbility bewegt – vielfach.
Carina: DanceAbility ist mein Leben.
Regina: Ich danke euch für das Gespräch!
Nähere Informationen über DanceAbility finden Sie unter: http://www.danceability.at
Infos zum Interview: Das Interview wurde persönlich von Frau Regina Erben-Hartig für Projekt Gink-Go! durchgeführt.
Gesprächspartnerin: Regina Erben-Hartig
Quellen: Die Bilder wurden von DanceAbility für Projekt Gink-Go! zur Verfügung gestellt.
Das Interview erscheint am 08. September 2007.