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Standort: Berichte und Interviews zum Thema Gesellschaft und Kultur – Nina de Vries

Interviewpartnerin: Nina de Vries –
Sexualassistentin aus Berlin

"In meiner Arbeit habe ich immer wieder viele Gelegenheiten, das zu erleben, weil ich immer wieder neue Sachen mache."

Die gebürtige Niederländerin Nina de Vries begann vor 11 Jahren ihre Arbeit als Sexualassistentin für Körperbehinderte und Menschen mit Lernschwierigkeiten. Als eine der wenigen Sexualassistenten in Deutschland, hilft sie behinderten Menschen dabei, ihre eigenen erotischen und sexuellen Erfahrungen zu machen.

Seit 1990 lebt sie in Berlin, wo sie neben ihrer Arbeit als Sexualassistentin Menschen in der Schweiz zu Sexualassistenten ausbildet. Nebenbei arbeitet sie als freischaffende Grafikerin und Künstlerin. Die meisten Menschen wissen nur sehr wenig oder überhaupt nichts über die Arbeit von Sexualassistentinnen und -assistenten und was sich eigentlich hinter diesem Stichwort verbirgt.

Nina de Vries gab uns einen Einblick in ihre Arbeit als Sexualassistentin. Sie trägt mit ihrer aufgeschlossenen und lebensfreudigen Art dazu bei, dass sich die Gesellschaft für das sensible und noch relativ unbekannte Thema Sexualassistenz immer mehr öffnet.

Janinas Gedanken zum Interview

Für mich war dieses Interview sehr faszinierend, da ich über die Arbeit von Sexualassistenten bisher nicht sehr viel wusste. Ich bin beeindruckt von der Tatsache, dass es Menschen gibt, denen das Sexualleben behinderter Menschen nicht gleichgültig ist. Menschen denen viel daran gelegen ist, dass diese Menschen ihr Leben mit dieser Art von Unterstützung leben und genießen können und eventuell sogar vollkommen neue Seiten an sich entdecken.

Ein Thema, das es verdient, einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht zu werden und eine vorurteilsfreie und vorbildliche Weise, behinderte Menschen in jeder Hinsicht zu integrieren und als gleichwertige Menschen anzuerkennen.

Janina: Was genau ist "Sexualassistenz"?

Nina de Vries: Sexualassistenz ermöglicht sinnliche, erotische, sexuelle Erfahrungen in einem geschützten Rahmen. Sexualassistenten sind Frauen und Männer, die aus einer transparenten und bewussten Motivation heraus, Menschen mit Behinderung Hilfestellungen zum Erleben ihrer Sexualität anbieten und dies zu ihrem Beruf machen. Sie ermöglichen Menschen mit einer körperlichen und/oder geistigen Behinderung ein intimes, sinnliches und erotisches Erlebnis und vermitteln ihnen ein positives Körpergefühl. Sie setzen ihren eigenen Körper ein, um anderen Freude und Lust zu verschaffen. Sie bieten unter anderem Beratung, Massage, Zärtlichkeit, Körperkontakt, Anleitung zur Selbstbefriedigung und Handentspannung (Genitalmassage) an. Einige bieten auch Geschlechtsverkehr und Oralkontakt an. Sie achten Menschen mit Behinderung als gleichwertig.

Janina: Wie kamen Sie dazu, diese Tätigkeit auszuüben?

Portrait von Nina de Vries

Nina de Vries: Ich habe in Holland, bevor ich 1990 nach Berlin kam, eine therapeutische Ausbildung gemacht, die hauptsächlich auf intensiver Selbsterfahrung basierte und dadurch die soziale, menschliche und emotionale Kompetenz entwickelt, die es braucht, um diese Arbeit ausüben und an ihr wachsen zu können.

Ich sage immer, der Beruf ist zu mir gekommen. Es ist auf jeden Fall nicht so, dass ich eines Tages entschieden habe, ich werde jetzt Sexualbegleiterin für Menschen mit Behinderung, sondern ich habe 1994 angefangen, erotische Massagen anzubieten für Menschen ohne sichtbare Behinderung.

Und da sind dann einfach auch Menschen mit Körperbehinderung gekommen für eine erotische Massage und dann hat sich das so entwickelt, dass ich mich immer mehr in diese Richtung begeben habe, dann kamen auch Menschen mit geistiger Behinderung bzw. deren Umfeld. Die Arbeit ist entstanden, weil ein Bedarf da ist und ich meistens auf Anfragen mit "Ja" geantwortet habe.

Janina: Wie kann man sich die Arbeit als Sexualassistentin und -assistent vorstellen?

Nina de Vries: Ich denke, die ist schwer vorstellbar, wenn man die nicht selber ausübt. Konkret heißt es in meinem Fall, dass ich erotische sinnliche Berührungen, Massage, nacktes Zusammensein, gegenseitige Berührungen, Handentspannung, Anleitung zu Selbstbefriedigung anbiete, hauptsächlich für Menschen, die schwerer mehrfach behindert sind. Menschen, die auf Grund ihrer Situation nicht in der Lage sind, solche Kontakte selber herzustellen und die klar gesagt oder klar signalisiert haben, dass sie so etwas brauchen.

Janina: Wie machen Sie mögliche Klienten auf Ihre Arbeit bzw. Dienstleistung aufmerksam?

Nina de Vries: Meine Arbeit hat mittlerweile eine gewisse Bekanntheit. Ich werde kontaktiert von Heimleitungen, Betreuern, Eltern, Psychologen etc. Da ich überwiegend mit Menschen mit sogenannter "geistiger Behinderung" arbeite, arbeite ich viel mit dem Umfeld. Werde öfters auch engagiert für kleine Fortbildungen für Mitarbeiter.

Janina: Wer nimmt Ihre Dienste in Anspruch?

Nina de Vries: Viele Menschen, mit denen ich arbeite, haben auf sich aufmerksam gemacht, durch Aggression oder Autoaggression, endlose missglückte Versuche zu masturbieren, unerträglich gewordene Annäherungsversuche an Leute, die dabei immer ihre Grenzen setzen müssen.

Janina: Wo liegen Ihre Grenzen in Ihrer Arbeit?

Nina de Vries: Ich persönlich biete keinen Geschlechtsverkehr und keinen Oralkontakt an, wenn Sie das meinen. Das ist eine persönliche Grenze und kein moralisches Tabu.

Janina: Sexualassistenz wird oftmals mit Prostitution verglichen. Wie stehen Sie dazu?

Nina de Vries: Bei Sexualassistenz geht es, wie bei der Prostitution, um eine bezahlte sexuelle Dienstleistung. Ein Unterschied zu der Prostitution ist, dass bei Sexualassistenz der Mensch und nicht das Geschäft im Vordergrund steht.

Janina: Welche persönlichen Erfahrungen und Eindrücke nehmen Sie bei dieser Tätigkeit mit?

Nina de Vries: Diese Arbeit bedeutet eine große Freude für mich. Das hat einerseits damit zu tun, mich gebraucht zu fühlen, etwas ureigenst von mir geben zu können. Andererseits gibt sie mir die Möglichkeit, wesentliche, sehr menschliche Begegnungen zu haben, jenseits von Verstellung, Oberflächlichkeit und Unechtheit, unter die wir meiner Meinung nach in dieser Gesellschaft leiden, und zwar alle, nicht nur die sogenannten "Behinderten".

Ich erlebe Menschen mit einer sogenannten "schweren geistigen Behinderung" oft als erfrischend direkt und authentisch. Ich glaube, dass die manchmal sehr in Kontakt sein können mit dieser Dimension von Wahrnehmung mit allen Sinnen. Da diese Menschen kein "Konzept" haben von Sexualität, sind sie manchmal mehr in Kontakt mit dem lebendigen Moment, nicht so gefangen in hohle Phrasen und einschränkende Denkmuster. Natürlich ist aber auch genau dieses fehlende "Konzept" der Grund für die Notwendigkeit einer angemessenen Unterstützung in allen Lebensbereichen, also auch in der Sexualität.

Auf jeden Fall ist es so: Ich mag Herausforderungen, ich brauche Herausforderungen, ich brauche die Lebendigkeit, die das bringt. Herausforderung bedeutet für mich unter anderem auch, ich muss etwas machen, wovor ich Angst habe. Es gibt mir ein gutes Gefühl, etwas zu machen, was ich nicht unbedingt mit links mache. In meiner Arbeit habe ich immer wieder viele Gelegenheiten, das zu erleben, weil ich immer wieder neue Sachen mache.

Janina: Wie reagiert Ihr Umfeld auf Ihre Tätigkeit?

Nina de Vries: In meinem Freundeskreis ist natürlich bekannt, was ich mache, und diese Menschen freuen sich für mich, dass ich meinen Lebensunterhalt verdienen kann und erfolgreich bin mit etwas, was ich sehr gerne mache. Auch mein Lebensgefährte kann damit gut umgehen.

Janina: Wie machen Sie Ihre Mitmenschen auf das noch relativ unbekannte und sensible Thema Sexualassistenz aufmerksam?

Nina de Vries: Ich bin keine Missionarin! Wenn ich gefragt werde, gebe ich Antwort, auch in der Öffentlichkeit, am liebsten mit einer Prise Humor. Ansonsten rede ich auch sehr gerne über ganz andere Sachen.

Janina: Arbeiten Sie mit anderen Vereinen oder Hilfsorganisationen für Behinderte zusammen? Wenn ja, mit wem und wie sieht diese Zusammenarbeit aus?

Nina de Vries: Die Zusammenarbeit sieht so aus, dass ich von Vereinen und Organisationen engagiert werde, um Vorträge zu halten oder um mit Menschen zu arbeiten (z.B. AWO, Lebenshilfe, Caritas etc.).

Janina: Sie bieten Kurse an, in denen man sich zum Sexualassistenten ausbilden lassen kann. Welche Voraussetzungen muss eine Sexualassistentin bzw. ein Sexualassistent erfüllen?

Nina de Vries: Die Menschen, die wir für die Ausbildung suchen, sind Frauen und Männer, die sich wohlfühlen in ihrer Haut, ihren Körper mögen und gut für sich sorgen. Sie haben möglicherweise eine Berufsausbildung oder Berufserfahrung in den Bereichen Physiotherapie, Krankenpflege, Massage, Heilpraktik, Prostitution etc. Das ist aber keine Voraussetzung.

Das Wichtigste ist die Motivation. Es müssen Leute sein, die ihr Leben einigermaßen geordnet haben und einigermaßen zufrieden sind. Sie wissen, dass sie für ihr Glück verantwortlich sind. Sie haben kein Bedürfnis, anderen ihre Eigenverantwortung zu nehmen.

Es sind Leute, die wissen, dass sie in ihrem Leben auch verwundet worden sind und genau dadurch Kontakt zu ihrem Herzen bekommen haben. Wichtig ist das Bewusstsein, dass alle Menschen, ob "behindert" oder "nichtbehindert", verletzlich und sterblich sind. Die Art von Freundlichkeit, die aus dieser Haltung entsteht, die nicht aus Schwäche kommt und nicht überheblich ist, kann für Klienten sehr heilsam sein. Diese Qualitäten müssen anwesend sein, mehr oder weniger ausgeprägt.

Janina: Wo kann man diese Ausbildung machen und wie ist der genaue Ablauf?

Nina de Vries: Auf der Website von der "Fachstelle für Behinderung und Sexualität – gegen sexualisierte Gewalt" (FABS) in Basel kann man alle Details finden (www.fabs-online.org).

Janina: Beschreiben Sie uns abschließend Ihre Pläne für die Zukunft als Sexualassistentin?

Nina de Vries: Ich bin kein Planer. Ich glaube, die Idee, sein Leben aktiv planen zu können, ist eine Wahnidee. Das Leben hat seine eigenen Pläne und ich hoffe, dass das Leben unter anderem mit mir noch vorhat, dass ich viele schöne Begegnungen haben werde, noch mehrmals Menschen ausbilden darf und vielleicht ein Buch schreibe.

Vielen Dank für das sehr interessante Interview. Wir wünschen Ihnen bei Ihren Unternehmungen weiterhin viel Erfolg!

Infos zum Interview: Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.

Gesprächspartnerin: Janina Rudt

Quellen: Das Bild wurde von Frau de Vries für Projekt Gink-Go! zur Verfügung gestellt.

Das Interview erscheint am 25. September 2007.

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