"Visionen lassen sich nur verwirklichen, wenn man sie selbst nicht aus den Augen verliert."
Laut Wörterbuch bedeutet "Vision" Traum. Nun, von einem Traum kann bei der Deutschen OI-Gesellschaft wahrlich nicht gesprochen werden – vielleicht war sie einst mal Vision, aber im Jahre 2007 ist sie für viele OI-Betroffene Realität und aus ihrem Alltagsleben nicht mehr wegzudenken.
Seit mehr als 20 Jahren setzen sich die Vorstandsmitglieder aktiv für verbesserte Lebensbedingungen von OI-Betroffenen ein, allen voran der 1. Vorsitzende Willy Hagelstein, der Mitte der 90er-Jahre diese große Verantwortung übernahm. Wir wollten wissen, welche Aufgaben hat er, wie kam er zu dieser Funktion. Wie hat sich im Laufe der Jahre der Verein, aber auch die Haltung und das Verständnis der Mitmenschen, Ärzte und Therapeuten zu dieser Erkrankung verändert? Wie funktioniert so ein großer Verein, welche Ziele und Angebote hat er?
Abkürzung für Osteogenesis imperfecta (lateinisch – unvollkommene Knochenbildung)
OI ist eine Bindegewebserkrankung. Im Detail bedeutet das, dass der Knochen nicht vollständig ausgebildet ist und somit ständig bricht. Man muss sich das so vorstellen: Man baut ein Haus und dafür benötigt man Ziegel und Mörtel. Der Mörtel dient dazu, die Ziegel aneinanderzukleben und sorgt zudem für Stabilität. Bei der OI fehlt dieser Kleber, der Kollagen genannt wird, und daher sind die Knochen sehr biegsam und brechen sehr leicht. Was natürlich ebenfalls wichtig zu erwähnen wäre: OI ist ein genetischer Defekt – für die Betroffenen eine sehr schmerzhafte und mühsame Angelegenheit, denn oft verbringt man einige Wochen im Jahr im Gips. Für die Eltern bedeutet dies ein Rennen und Hasten von einem Arzt zum anderen und von einem Krankenhaus zum nächsten. Mittlerweile gibt es aber schon die unterschiedlichsten Behandlungsmethoden, um die Lebensqualität der OI-betroffenen Kinder deutlich zu verbessern – und dies dank der Deutschen OI-Gesellschaft.
Genauere Infos über diese Erkrankung finden Sie natürlich auf der Website der Deutschen OI-Gesellschaft Betroffene e.V.
Janina Rudt sprach für Projekt Gink-Go! mit Willy Hagelstein, Vorstandsvorsitzender der Deutschen OI-Gesellschaft.
Janina: Wann wurde die DOIG (Deutsche OI-Gesellschaft) gegründet?
Willy Hagelstein: Die Gesellschaft für Osteogenesis-imperfecta-Betroffene wurde im Juli 1984 gegründet. Zu dieser Zeit war ich noch nicht dabei und von daher kenne ich die Gründungsgeschichte selbst nur von dem berühmten "Hörensagen". Ins Leben gerufen wurde die Gesellschaft durch den Schauspieler und Autor Peter Radtke. Peter Radtke ist noch ein paar Jahre älter als ich. Er wurde zu einer Zeit geboren, in der Behinderung noch einen ganz anderen Stellenwert als heute besaß, denn statt ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, waren Behinderte früher die "Sorgenkinder" der Nation. Diese Situation verbesserte sich in den Nachkriegsjahren, bis die Politik Anfang der Achtzigerjahre begann, einen zweigleisigen Weg zu gehen. Während die Regierung die Behindertenbewegung vordergründig im internationalen Jahr der Behinderten 1981 protegierte, begann sie bereits ein paar Monate später, die Leistungen für die Behinderten zu kürzen, und leitete durch die Änderung des Schwerbehindertengesetzes erhebliche Sparmaßnahmen ein. Letztlich entstammte die OI-Gesellschaft also so, wie die meisten Selbsthilfeorganisationen auch, als Kind der Not, und Peter Radtke schloss durch die Gründung unserer Gesellschaft eine wesentliche Lücke in der Behindertenarbeit.
Anfang der Neunzigerjahre gründeten sich dann die ersten Landesverbände, in deren Folge es dann 1995 eine organisatorische Umstrukturierung des Vereins gab, die auch nach außen hin durch den neuen Namen "Deutsche Gesellschaft für Osteogenesis Imperfecta Betroffene e.V." zu erkennen war.
Janina: Wie kamen Sie zur Deutschen OI-Gesellschaft und warum haben Sie sich bereit erklärt, dort mitzuwirken?
Willy Hagelstein: Hierfür muss ich doch ein wenig ausholen, denn dies ist eine kleine Vorgeschichte:
Im Jahr 1988 setzte der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) neue Busse und Bahnen in Betrieb. In den Einstiegen sollten die
gebogenen Mittelstangen, die man auch als "Haarnadeln" kennt, so wie zuvor erhalten bleiben. Viele
Behindertenverbände und –vereine regten an, die Neugestaltung doch auch gleich für die Veränderung zu
nutzen, diese Mittelstangen ganz wegzulassen, um Rollifahrern und Frauen mit Kinderwagen den Einstieg in die Busse und Bahnen
zu erleichtern. Doch als die Bahn keinerlei Bereitschaft signalisierte, dies zu ändern, kam es im Spätsommer 1988 zu
einer großen Protestkundgebung der Behindertenverbände in Hamburg. Durch eine Bekannte, die sich in der Hamburger
Behindertenpolitik sehr engagierte, erfuhr ich von dieser Demonstration und nahm daran teil.
Tja, und hier inmitten der Menschenmenge wurde ich dann plötzlich von einer OI-Mutter angesprochen, die sich bestens mit dem Bild der Glasknochen auskennt, denn sowohl ihr Mann als auch ihre beiden Söhne haben OI. Sie erzählte mir, dass sie das jährliche Regionaltreffen organisiere. Sie lud mich zum nächsten Mal ein und ich ging hin. Dies war mein erster Kontakt zur OI-Gesellschaft. Übrigens ist mittlerweile auch ihr Sohn sehr aktiv in unserem Bundesverband.
Ein paar Jahre nach diesem ersten Treffen wurde ich zum Schriftführer in dem relativ frisch gegründeten Landesverband Nord gewählt. Bis dahin war mir der Gedanke, irgendwann einmal einem Verein beizutreten, geschweige denn eine Funktion zu übernehmen, völlig abwegig erschienen, aber bei dem OI-Verein war das anders. Als Kind hatte ich selbst miterleben müssen, wie schwierig es für meine Eltern, meine behandelnden Ärzte und Therapeuten und last but not least natürlich auch für mich selbst war, Fragen über die OI beantwortet zu bekommen. Heutzutage, im multimedialen Zeitalter des Internets, kann man sich die damals herrschende Informationsnot gar nicht mehr vorstellen. Doch dieses Gefühl des "Nichtwissens", der Hilflosigkeit mit der uns besonders junge Eltern oder Betroffene mit frischer Diagnose erreichen, lässt mich immer wieder an diese Zeit erinnern und ist der Motor für mich, warum ich mich in Sachen OI engagiere.
Janina: Herr Hagelstein, welche Aufgaben haben Sie als 1. Vorsitzender?
Willy Hagelstein: Laut unserer Vereinssatzung vertritt der 1. Vorsitzende den Verein sowohl gerichtlich als auch außergerichtlich. Diese formaljuristische Formulierung beschreibt selbstverständlich nicht die Aufgaben des Tagesgeschäftes, doch sie zeigt, dass das jeweilige Handeln immer wohldurchdacht sein sollte, weil eben jeder Schritt, jede Unterschrift auch rechtliche Konsequenzen hat. Doch wie sieht das Tagesgeschäft "in Bildern" aus? Im Großen und Ganzen kann man sich die Tätigkeit als Bundesvorsitzender wie die eines Segelschiffkapitäns vorstellen: Zunächst geht es darum, dass große Vereinsschiff sicher über die Aktionsmeere zu steuern, wobei das Fahrwasser der Finanzfluss ist, in dem wir uns bei jedem Projekt bewegen. Da ist so gut wie immer vorausschauendes Handeln gefragt, um nicht in finanzielle Untiefen zu geraten. Dies sind die planbaren Aktivitäten. Hinzu kommt das Tagesgeschäft. Da ruft plötzlich ein Arzt aus einer Klinik an und fragt, was er mit einem frisch eingelieferten OI-Patienten machen soll, der Stunden zuvor mit seinem E-Rolli gestürzt ist und nun diverse Frakturen hat. Hier muss sofort weitergeholfen werden, erste Anweisungen müssen gegeben und Kontakte zu unseren OI-erfahrenen Orthopäden hergestellt werden. Dann ruft eine Mutter an, deren Kind in den Kindergarten gehen möchte, aber der Kindergarten sperrt sich gegen die Aufnahme des Kindes. Aber es gibt auch die planbare Arbeit, zu der beispielsweise die Vorbereitung und Durchführung eines Seminars gehört. Programme und Einladungen müssen geschrieben, Unterkünfte und Räumlichkeiten gebucht werden. Da ist jeder Tag nie wie der andere.
Janina: Worauf sind Sie als Vorstandsmitglied besonders stolz?
Willy Hagelstein: Der Begriff "stolz" ist mir immer etwas zuwider, ganz gleich in welchem Zusammenhang. Aber ich freue mich immer wieder, wenn beispielsweise unsere Jahrestagung, die jedes Mal wieder eine echte Organisationsherausforderung ist, zur Zufriedenheit aller gelaufen ist. Und aus der jüngsten Zeit freue ich mich über unsere neu eingerichtete Hamburger Geschäftsstelle, mit der wir unseren Mitgliedern sicherlich einen noch besseren Service liefern können.
Janina: Hat sich Ihr Leben seit Ihrer Arbeit in der DOIG verändert?
Willy Hagelstein: Im Laufe der Jahre habe ich schon in vielen ehrenamtlichen Gremien gearbeitet. Ich war ein paar Jahre Sozialreferent im Allgemeinen Studierendenausschuss (ASTA) meiner Uni in Lübeck, später war ich dann für zwei Jahre auch Vorsitzender des ASTA. Ich war im Studentenwerk Kiel Vorstandsmitglied und habe in dieser Zeit Entscheidungen für den Bau mehrerer Studentenwohnheime, Kindertagesplätze und Umbauten mehrerer Mensen mit gefällt. Und ich war viele Jahre im Vorstand der Medizinstudenten im Hartmannbund engagiert. Doch obwohl ich all diese Arbeiten sehr gerne und hochmotiviert ausfüllte, haben sie mich emotional nie so sehr berührt wie die Arbeit in der DOIG. Von daher bin ich überzeugt, dass mich die Arbeit in der DOIG auch gleichzeitig verändert hat; inwiefern, kann ich allerdings nicht sagen, da ich nicht mein eigener Spiegel sein kann.
Janina: Im Vorstand des Vereins sind 6 ehrenamtliche Mitglieder. Wie arbeiten Sie mit den anderen Vorstandsmitgliedern zusammen?
Willy Hagelstein: Im Gegensatz zu regional arbeitenden Selbsthilfegruppen, deren Mitglieder ja viel näher beieinander wohnen, haben wir als bundesweit tätiger Verein immer wieder ein räumliches Problem zu überwinden, denn unsere Vorstandsmitglieder sind meist kreuz und quer in der Republik verstreut. Ich glaube, ohne die modernen Kommunikationsmittel und ohne das gute Miteinander im Vorstand wäre eine Zusammenarbeit über derartige Entfernungen gar nicht möglich. Und trotz aller Kommunikation ist es wichtig, dass man sich drei- bis viermal im Jahr auch persönlich trifft.
Janina: Welche Erfolge haben Sie als Team und als Verein schon geschafft?
Willy Hagelstein: Jede Anfrage um Hilfe, die wir erfüllen konnten, ist ein Erfolg – und scheint die Anfrage noch so klein –, denn fast immer haben die Menschen, die sich mit der Bitte, ihnen zu helfen, an uns wenden, schon eine kleine Odyssee hinter sich gebracht. Dies sind die eigentlich wahren Erfolge und nicht, wie so häufig angenommen wird, die Ergebnisse aus großen Projekten.
Janina: Wie viele Mitglieder hat der Verein und woher kommen die Mitglieder?
Willy Hagelstein: Zurzeit hat der Verein knapp an die 1200 Mitglieder. Die eine Mitgliederhälfte ist selbst betroffen, die andere Hälfte setzt sich aus Angehörigen, Eltern, Ärzten und beruflich mit OI befassten Menschen zusammen.
Janina: Diesbezüglich würden wir gern noch wissen, aus welchem Bundesland die meisten oder wenigsten Mitglieder kommen und wer auf den Jahrestagungen am meisten vertreten ist?
Willy Hagelstein: Solch eine Auswertung haben wir bisher nie gemacht, und die Frage stellt sich, ob eine solche Auswertung denn überhaupt Sinn machen würde, denn zunächst könnten wir bei den Teilnehmern sowieso nur nach der Landesverbandszugehörigkeit unterscheiden, da wir immerhin 16 Bundesländer auf sechs Landesverbände verteilt haben. Und wir müssten die absolute Teilnehmerzahl ins Verhältnis zur jeweiligen Mitgliederzahl der Landesverbände setzen, denn schließlich haben wir mitgliedsstarke und mitgliedsschwache Landesverbände, was nicht zuletzt auch auf die jeweilige Bevölkerungsdichte der entsprechenden Region zurückzuführen ist.
Aber – um die Frage einigermaßen zu beantworten – über den Daumen gerechnet müssten die meisten Mitglieder auch aus den mitgliedsstärksten Landesverbänden kommen. Dies sind vorrangig Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Viel interessanter stellt sich mir jedoch die Frage, was die Beweggründe sind. Weshalb kommen die Mitglieder zur Jahrestagung? Denn die Antwort spiegelt ja gleichzeitig die Bedürfnisse der Teilnehmer wider, und diese zu erfüllen, sind wir ja mit unserem Programm jedes Jahr aufs Neue bemüht.
Ganz grob lassen sich wohl zwei Gruppen von Teilnehmern unterscheiden: Zum einen die Gruppe derer, die unabhängig vom angebotenen Programm kommen. Sie wollen vor allem Freunde treffen und mit diesen eine nette Zeit erleben. Dann gibt es die Gruppe, die taufrisch mit der OI in Berührung gekommen ist: als junge Eltern mit einen neugeborenem OI-Kind oder als selbst betroffener Erwachsener, der nach einem langen Irrweg durch die ärztlichen Instanzen die Diagnose OI bekam. Diese Gruppe saugt alle Informationen nahezu in sich auf und tauscht sich nach einer Anwärmzeit auch schon bald mit anderen Teilnehmern aus.
Janina: Wie wird die DOIG finanziert und wie wird das Geld verwendet?
Willy Hagelstein: Die Finanzierung der DOIG steht quasi auf drei Hauptsäulen: Die erste Säule besteht aus Spenden, die sowohl von Mitgliedern als auch von Nicht-Mitgliedern getätigt werden. Als zweite Säule steht die Förderung durch Krankenkassen oder auch seitens "Aktion Mensch". Und die dritte Säule sind die Mitgliedsbeiträge, wobei diese trotz steigender Mitgliederzahl stagnieren. Das liegt daran, dass für viele Betroffene die finanzielle Belastung in den letzten Jahren dramatisch gestiegen ist. Einerseits ist die Eigenbeteiligung im Gesundheitswesen stark erhöht worden und andererseits bleibt die von unseren Politikern so gern benutzte Steuernettoentlastung für die Betroffenen aus, die arbeitslos sind und daher eben gerade nicht von ihren Einkommenssteuervorteilen Gebrauch machen können, denn die Zahl von arbeitslosen Behinderten liegt leider immer noch sehr deutlich über der Zahl von nicht behinderten Arbeitslosen. Auf mein Anraten hin haben wir aus diesem Grund bereits vor drei Jahren in der Mitgliederversammlung einen reduzierten Sozialbeitrag eingeführt – anfangs nur für ein Jahr zur Probe, denn es gab reservierte Stimmen, die zunächst mit einem Missbrauch rechneten. Doch diese Unkerei bewahrheitete sich zum Glück nicht, und so konnten wir im Jahr darauf den reduzierten Mitgliedsbeitrag fest einführen.
Janina: Wie lange gibt es schon das Vereinsmagazin "Der Durchbruch"?
Willy Hagelstein: Die erste Vereinsschrift erschien im Dezember des Gründungsjahres 1984 und trug den Namen "Mitteilungsblatt". Ende der Achtzigerjahre kam es dann innerhalb der OI-Gesellschaft zu einem Redaktionswechsel. Das neue Team brachte dann 1990 den ersten "Durchbruch" heraus. Zu einem weiteren Redaktionswechsel kam es dann im Jahre 2005, in dessen Folge 2006 der erste "Der Durchbruch" so erschien, wie wir ihn heute kennen.
"Der Durchbruch" ist die Mitgliederzeitschrift der DOIG. Dies bedeutet zweierlei: Zum einen haben wir über den "Durchbruch" die Möglichkeit, tatsächlich alle Mitglieder der DOIG zu erreichen. Dies ist immer besonders dann wichtig, wenn es um die Erstellung eines Meinungsbildes zu einem Thema innerhalb der DOIG geht oder wenn die Mitglieder über einen Sachverhalt dringend zu informieren sind; denn da noch nicht alle Mitglieder einen Internetanschluss haben, ist "Der Durchbruch" quasi das Mitteilungsblatt überhaupt. Andererseits bedeutet Mitgliederzeitschrift allerdings auch, dass diese durch die Mitglieder selbst zum Leben gebracht werden sollte, denn ich glaube, dass eine ganze Reihe unserer Mitglieder ganz interessante Hobbys, Berufe oder Erlebnisse haben, die auch für andere Mitglieder in ähnlicher Situation von Interesse sein könnten. Beispielsweise haben wir in der kommenden Ausgabe die Serie "Selbstbestimmt leben mit OI" gestartet, in der Betroffene beschreiben, wie sie leben. Natürlich kommen nur die wenigsten Artikel von allein zu uns, was bedeutet, dass potenzielle Autoren angesprochen werden müssen und hier und da auch mal nach dem aktuellen Stand nachgefragt werden muss. – Aber dies alles dürfte Euch ja vom Projekt Gink-Go! auch nicht fremd sein.
Janina: Wie entsteht so ein Magazin?
Willy Hagelstein: Natürlich besitzt "Der Durchbruch" die höchste Qualität, wenn er aus ganz eigenen Beiträgen unserer Mitglieder selbst besteht, denn erst dann lebt die Vereinszeitschrift. Doch dies fordert ein hohes Maß an Betreuung: Themen müssen vorgegeben und koordiniert werden, Autoren für diese Themen müssen angesprochen und deren Beiträge redigiert und zusammengestellt werden. Bislang übernahm dies eine ehrenamtlich arbeitende Redaktion. Mit der im Februar dieses Jahres neu eingerichteten Geschäftsstelle in Hamburg wollen wir künftig versuchen, einen anderen Weg zu gehen, indem wir auch die redaktionelle Arbeit über die Geschäftsstelle laufen lassen.
Janina: Wie machen Sie andere Menschen auf die DOIG aufmerksam?
Willy Hagelstein: Eine unserer größten Kontaktflächen ist ohne Zweifel auch hier wieder das Internet. Betroffene oder junge Eltern mit einem betroffenen Kind googeln sich meist auf unsere Seite, finden die ersten Informationen und rufen uns dann an, um diese Informationen zu vertiefen.

Oben: alte Version der Website der Deutschen OI-Gesellschaft Betroffene e.V.,
unten: Seit Ende Jänner 2007 erstrahlt die Website der Deutschen OI-Gesellschaft
Betroffene e.V. im neuen Kleid.
Darüber hinaus sind wir in den einschlägigen Verzeichnissen der großen Dachverbände in der Behindertenarbeit zu finden, über die wir in den letzten Jahren erfreulicherweise auch immer mehr Anfragen von Ärzten und Therapeuten bekommen. Wir nutzen die Möglichkeit der Messepräsentationen, wie z.B. die jährlich stattfindende internationale Fachmesse RehaCare in Düsseldorf oder die alle zwei Jahre stattfindende Rehab in Karlsruhe, um auf die Problematik der OI und auf die OI-Gesellschaft in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen.
Aber selbstverständlich bieten wir auch eigene Veranstaltungen an, wie beispielsweise unsere Fortbildung für Ergo- und Physiotherapeuten, die in diesem Jahr im Mai stattfindet und schon jetzt ein reges Interesse widerspiegelt.
Nicht zuletzt sind da noch unsere eigenen Publikationen, die über die ISB-Nummer von jeder Buchhandlung aus geordert werden können.
Janina: Arbeiten Sie mit anderen Vereinen zusammen?
Willy Hagelstein: Ja, selbstverständlich, denn ich glaube, dass wir in der heutigen Zeit ohne eine vernetzte Zusammenarbeit, ganz gleich auf welchem Gebiet, gar nicht mehr auskommen. Der größte Teil der Zusammenarbeit bezieht sich auf unsere Dachverbände, die uns wiederum in übergeordneten Gremien der Gesundheits- und Sozialpolitik vertreten. Aber auch mit anderen Vereinen, wie beispielsweise dem Bundesverband für Kleinwüchsige Menschen und ihren Familien, arbeiten wir zusammen, wenn hier auch meist projektbezogen.
Die Kooperation mit den Vereinen lässt sich am besten anhand der verschiedenen Ebenen beschreiben, auf denen die Kooperation stattfindet.
Während wir beispielsweise mit den Vereinen Bundesverband Kleinwüchsiger Menschen und ihrer Familien (BKMF) und Deutscher Rollstuhlsport-Verband (DRS) gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen durchführen, wie das Ärzteseminar mit dem BKMF oder das mittlerweile alljährlich stattfindende Mobilitätswochenende mit dem DRS, und uns damit auf der Aktionsebene befinden, gibt es darüber hinaus auch die Vertretungsebene über den Sozialverband Vdk Deutschland, die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe (BAGS) oder den Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV). Diese Vertretungsebene vertritt unsere sozial- und gesundheitspolitischen Interessen. Beispielsweise wird die für uns OI-Betroffenen wichtige Medikamentengruppe der sogenannten Bisphosphonate, die zu einer Erhöhung der Knochendichte führen, von vielen Krankenkassen noch immer ungern bezahlt. Das liegt daran, dass diese Medikamentengruppe weltweit noch keine Zulassung für die Behandlung von OI bekommen hat, und somit auch noch nicht in Deutschland. Für Medikamente, die nicht für eine bestimmte Behandlung zugelassen sind, weigern sich oftmals die Krankenkassen, diese zu bezahlen. Wir als Deutsche OI-Gesellschaft hätten erstens gar nicht die personellen Möglichkeiten und zweitens gar nicht die rechtliche Möglichkeit, uns direkt in dieses Gesundheitsthema einzubringen, da in die gesundheitspolitischen Arbeitsgruppen lediglich Vertreter der höheren Organisationen zugelassen sind. Und genau an dieser Stelle werden wir von der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe vertreten.
Doch darüber hinaus bestehen auch Kooperationen mit den Herstellerfirmen von Rollstühlen, nämlich Sorg, Meyra und Otto Bock. Durch diese Kooperationen haben wir erstmals die Möglichkeit, mit unseren Problemen gehört zu werden und so Hilfsmittel wie den "Knuffi" oder den Stehrolli "Pablo" mitzuentwickeln.
Janina: Herr Hagelstein, beschreiben Sie uns abschließend Ihre Pläne für die Zukunft in der DOIG?
Willy Hagelstein: Ende der Achtzigerjahre war das Thema Osteoporose in der Gesellschaft noch relativ unbekannt. Wenn Sie heute ein Schulkind auf der Straße hiernach befragen, kann es Ihnen zumindest eine ungefähre Vorstellung der Osteoporose benennen. Selbstverständlich ist die Osteogenesis imperfecta mit der Osteoporose nur annähernd zu vergleichen, weil Letztere von der WHO als eine der größten Volkskrankheiten gerechnet wird. Dennoch wünsche ich mir, dass auch die OI in absehbarer Zeit einen derartigen Bekanntheitsgrad bekommt, um den Betroffenen und Eltern von betroffenen Kindern das Leben zu erleichtern, denn leider gibt es noch immer viel zu oft Probleme, wie beispielsweise bei der Beantragung von Hilfsmitteln und Behandlungen bei den Krankenkassen oder beim Finden eines Kindergartenplatzes.
All dies erfordert noch eine ganze Menge Arbeit und braucht mindestens ein ebenso großes Maß an Unterstützung, doch Visionen lassen sich nur verwirklichen, wenn man sie selbst nicht aus den Augen verliert.
Vielen Dank für das Interview!
Nähere Informationen über die Deutsche OI-Gesellschaft Betroffene e.V. finden Sie unter: http://www.oi-gesellschaft.de
Infos zum Interview: Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.
Gesprächspartnerin: Janina Rudt
Fotos und Logo: Wurden für Projekt Gink-Go! von der Deutschen OI-Gesellschaft zur Verfügung gestellt.
Das Interview erscheint am 2. April 2007.