Projekt-Logo: ein gezeichnetes Ginkgo-Blatt
projekt-gink-go.org
Standort: Berichte und Interviews zum Thema Gesellschaft und Kultur – Fachstelle Behinderung & Sexualität

Interviewpartner: fabs –
Fachstelle Behinderung & Sexualität

Dr. Ahia Zemp

"Das höchste der Gefühle wäre, die fabs in zehn Jahren wieder schließen zu können, weil es sie nicht mehr braucht."

Wiend und Projekt Gink-Go! haben sich wieder einmal zusammengetan, um eine Organisation zu interviewen, die Vorreiter und Vorbild für viele Organisationen ist, die sich mit dem Thema "Behinderung und Sexualität" beschäftigen.

Die fabs – Fachstelle Behinderung & Sexualität, Frau Dr. Ahia Zemp – setzt sich seit mehr als 15 Jahren aktiv für die Lebensqualität von behinderten Menschen ein, die sich – wie jeder Nichtbehinderte auch – nach Nähe, Berührung und Sexualität sehnen. Die fabs hat bereits das verwirklicht, wo andere noch im Aufbau sind – Sexualassistenz. Auch ihr Engagement gegen sexualisierte Gewalt an behinderten Frauen und Männern ist eines der wichtigsten Themen, mit denen sich die fabs beschäftigt. Durch kreative und innovative Ideen schafft sie es, ihre Mitmenschen und somit die Gesellschaft für diese Thematik zu sensibilisieren, ohne anprangernd zu wirken.

Wir hatten die Ehre, hinter die Kulissen der fabs zu schauen, und wir mussten feststellen, dass das, was die fabs macht, mehr als nur "Vorbildfunktion" hat. Sie beschreitet neue Wege und schafft sich dadurch kein Schmuddelimage, sondern Respekt durch öffentliche Präsenz und viele Unterstützer.

Alexandra Steiner und Reinhard Leitner (Wiend) sprachen für Projekt Gink-Go! mit Frau Dr. Ahia Zemp.

Reinhard: Wofür steht fabs?

Logo der fabs

Ahia Zemp: fabs steht für "Fachstelle Behinderung & Sexualität".

Reinhard: Was war die Initialzündung für die fabs?

Ahia Zemp – Gründerin der fabs

Ahia Zemp: Die Idee einer solchen Fachstelle ist mehr als 15-jährig aus dem Wissen um die Not in diesem tabuisierten Thema. 2003 hat die Pro Infirmis des Kantons Zürich die Ausbildung für "Berührerinnen und Berührer" ausgeschrieben. Sie wollten Frauen und Männer ausbilden für sexuelle Dienstleistungen für Menschen mit Behinderungen. Pro Infirmis Schweiz stoppte das Projekt mit der Begründung eines starken Spendenrückgangs. Um diese Ausbildung retten zu können, gründeten wir den Förderverein fabs mit dem Zweck, die selbstbestimmte Sexualität von Menschen mit Behinderung zu fördern und sexuelle Gewalt an und von ihnen zu verhindern. Es begann der Aufbau der Fachstelle, die Ausbildung der Sexualassistentinnen und –assistenten, wie sie seit der Übernahme heißen, wurde verspätet durchgeführt, und im Juni 2004 wurden die ersten zehn zertifiziert. Die Fachstelle fabs wurde am 17. Mai 2006 offiziell eröffnet.

Alexandra: Wie waren die ersten Reaktionen auf die fabs?

Ahia Zemp: "Mutig!", "Endlich gibt es so etwas!", also sehr ermunternd.

Alexandra: Wie reagieren öffentliche Stellen auf die fabs bzw. wie geht die Öffentlichkeit z.B. Zeitung, Fernsehen etc., mit diesem Thema "Behinderung und Sexualität" um?

Ahia Zemp: Wir haben ein großes Medienecho bis heute und von einem erstaunlich hohen Niveau, im Großen und Ganzen sehr wohlwollend, manchmal fragend, manchmal kontrovers.

Reinhard: Wie finanziert sich die fabs?

Ahia Zemp: Die Finanzierung ist das schwierigste Problem der fabs. Wir haben Unterleistungsverträge mit dem Staat, was jedoch nur gerade ein Zehntel unseres Budgets ausmacht. Ca. ein Viertel erwirtschaften wir aus Eigenleistungen (Seminare, Supervisionen, Vorträge, Vorlesungen etc.) und für den Rest sind wir auf Spenden angewiesen. Zum Glück ist im Januar 2007 eine große Stiftung mit einem namhaften Beitrag für drei Jahre eingestiegen. Das Fundraising braucht ein Drittel von der Arbeitszeit der Fachstellenleitung.

Alexandra: Wie kann man als Privatperson die fabs unterstützen?

Ahia Zemp: Man kann Mitglied des Fördervereins fabs werden (CHF 50 pro Jahr), man kann Gönnermitglied werden (mindestens CHF 200 pro Jahr) und man kann einfach eine Spende tätigen.

Reinhard: Welche Leistungen bieten Sie an?

Ahia Zemp: Die fabs hat zwei inhaltliche Standbeine:

  1. Behinderung und Sexualität.
  2. Gegen sexualisierte Gewalt an und von Menschen mit Behinderung.

In diesen beiden Bereichen hat sie dieselben Angebote:

Reinhard: Was kosten die jeweiligen Leistungen?

Ahia Zemp:

Reinhard: An welche Zielgruppe wenden Sie sich?

Ahia Zemp: Menschen mit Behinderung, Betreuende, Heimleitungen, kantonale Aufsichtsbehörden, Anwälte, Staatsanwaltschaften, Sexualassistentinnen und –assistenten, Angehörige, Ärztinnen und Ärzte, Behindertenverbände, Politikerinnen und Politiker etc.

Alexandra: Glauben Sie, dass durch die fabs das Thema Behinderung und Sexualität enttabuisiert werden kann?

Ahia Zemp: Ja, ich bin überzeugt, dass die fabs einen wesentlichen Beitrag leisten kann zur Enttabuisierung dieses Themas.

Reinhard: Wie kann man sich Ihre Arbeitsweise vorstellen?

Außenansicht des fabs-Büros

Ahia Zemp: Ich arbeite im Büro zusammen mit meiner Direktionsassistentin, ich bin sehr viel unterwegs. Die Arbeit ist unglaublich vielfältig, das macht sie so spannend, sie ist lustvoll, manchmal aber auch belastend, wenn es um sexualisierte Gewalt geht.

Alexandra: Was bedeutet Sexualassistenz?

Ahia Zemp: Sexualassistenz ist Dienstleistung im sexuellen Bereich. Sexualassistenz schafft einerseits konkrete Voraussetzungen für die Verwirklichung selbstbestimmter Sexualität z.B. durch Sexualagogik und/oder Sexualberatung, durch Informationen über Praktiken, durch Beschaffung von Materialien und Hilfsmitteln, durch die Besorgung von Videos oder/und Sexualspielzeugen. Andererseits meint sie Dienstleistungen im sexuellen/erotischen Bereich, bei denen die Sexualassistentinnen oder –assistenten in die sexuelle Interaktion aktiv mit einbezogen sind. Sie bieten erotische Massagen an, direkte Hilfestellungen bei Masturbation (z.B. Handentspannung), jegliche Form des aktiven "Hand-Anlegens", bald auch bis hin zum Geschlechtsverkehr. Diese Dienstleistungen werden von der Klientel bezahlt.

Alexandra: Sexualisierte Gewalt an Menschen mit Behinderung ist ja noch immer ein Tabuthema, dessen sich die fabs schon sehr lange annimmt. Wie geht die fabs vor, damit auch dieses Thema mehr Öffentlichkeit bekommt?

Büro der fabs

Ahia Zemp: Ein Beispiel: Die fabs geht jährlich drei- bis fünfmal auf die Straße in der Fußgängerzone verschiedener schweizer Städte, um näher in Kontakt zu kommen mit der Bevölkerung. Wir haben einen Stand, bestehend aus einem weißen Zelt mit der Aufschrift "Lust für alle ...", darunter ein Tisch, darauf eine Bonbonniere, gefüllt mit roten fabs-Federn, daneben die fabs-Postkarten, der Autokleber, eine rote Glasvase für Spenden und vor dem Zelt das Freiwilligen-Team, welches an die Passanten ein merkwürdiges "Bonbon" – in ein weißes Papierchen eingewickelt – verteilt. Außen steht "fabs-knack-nuss" drauf, und wenn man das Bonbon auspackt, kommt eine Baumnuss zum Vorschein: die "fabs-knack-nuss"! Auf der Innenseite des Papierchens kann man dann lesen, was die fabs erreichen will: das Tabu "Behinderung und Sexualität" knacken. Bei jeder dieser Aktionen brennt auf dem fabs-Tisch eine Kerze für die vielen behinderten Opfer von sexueller Gewalt. Das kommunizieren wir mit drei kurzen Sätzen auf einem Zettel. Bei der Bevölkerung löst das große Betroffenheit aus. Das Thema auf eine gute Art in den Medien zu kommunizieren ist schwierig, weil diese zu schnell eine "Sex-and-Crime"-Geschichte daraus machen, was ganz und gar nicht unserer Intention entspricht.

Alexandra: Arbeitet die fabs auch mit anderen Organisationen zusammen?

Ahia Zemp: Die fabs arbeitet mit verschiedenen Organisationen zusammen, in Österreich vorwiegend mit alpha nova/libida und Ninlil, in Deutschland mit dem Weibernetz, bifos und Ohrenkuss, in der Schweiz mit avanti donne, ZSL Zürich, AirAmour, Limita usw.

Reinhard: Ist Ihr Modell auch auf andere Länder, Gebiete und Organisationen übertragbar bzw. betreiben Sie Know-how-Transfer?

Ahia Zemp: Einen solchen Know-how-Transfer haben wir z.B. mit Libida gemacht. Drei Leute von Libida waren drei Tage bei der fabs auf einer Studienreise. Zurzeit sind Kontakte von Frankreich und Italien zur fabs, vor allem zum Know-how-Transfer bezüglich Sexualassistenz.

Alexandra: Wie sind Ihre Erfahrungen mit anderen europäischen Ländern? Inwieweit kann man Unterschiede feststellen? Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Ahia Zemp: Im europäischen Vergleich wird deutlich, dass auch das Thema Behinderung und Sexualität eine Frage der Integration ist: In Schweden und Norwegen braucht es keine fabs, eine solche braucht es vorwiegend in Mitteleuropa.

Reinhard: Welche Perspektiven sehen Sie für sich in der Zukunft?

Ahia Zemp: Das höchste der Gefühle wäre, die fabs in zehn Jahren wieder schließen zu können, weil es sie nicht mehr braucht. Das würde bedeuten, dass wir in der Schweiz die Integration von Menschen mit einer Behinderung gesellschaftlich verwirklicht haben und selbstbestimmte Sexualität gelebte Selbstverständlichkeit ist.

Reinhard: Welche Pläne bzw. Ziele haben Sie und was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

Ahia Zemp: Die Pläne und Ziele ergeben sich einerseits aus unseren Aufgabenbereichen (siehe oben) und andererseits eben aus der Verpflichtung der ungeteilten Integration. Damit ist auch der Auftrag klar: Jedes Projekt, das wir initiieren, ist auf seinen Beitrag zur Gleichstellung zu überprüfen. Diese Vision gibt uns eine zweifellose Stoßrichtung, welche auch Prioritäten vorgibt.

Konkret arbeiten wir an drei Projekten:

  1. Zweiter Ausbildungsgang "Sexualassistenz" – dieser ist zurzeit ausgeschrieben (vgl. http://www.fabs-online.org/aktuell) und soll im Oktober 2007 starten.
  2. Die Zeitschrift "Herzfroh": Menschen mit Lernschwierigkeit sollen mit "Herzfroh" ein Aufklärungsmittel bekommen, das sich direkt an sie wendet, in leichter Sprache abgefasst ist und in einer für sie verständlichen Aufmachung (mit Piktogrammen, klarem Strich in der Illustration etc.) präsentiert wird. Die verschiedenen Ausgaben können in einem Ordner aufbewahrt werden, welcher einmalig mit zum Abonnement gehört. Die erste Ausgabe ist eben erschienen. Das Abonnement kann bei der fabs bestellt werden.
  3. "Rôleur-Blog" mit dem Schriftsteller Christoph Keller – Er wird vierzehntäglich kolumnen- bzw. tagebuchartige Gedanken zur Verfügung stellen. Der Blog geht vom menschlichen Alltag aus, und vom Grundgedanken, dass jegliche "Behindertendiskussion" die Normalisierung sein sollte, mit dem Ziel einer endgültigen Aufweichung der Schranken zwischen "normal" und "nicht normal". Christoph Keller, selber auch Rollstuhlfahrer, geht davon aus, dass Behinderung in unserem Alltag normal ist – beziehungsweise es sein sollte.

Alexandra: Konnten Sie über die Jahre hinweg eine Veränderung der Haltung gegenüber Ihrer Arbeit feststellen?

Ahia Zemp: Auch konservative Institutionen können sich diesen tabuisierten Themen nicht länger verschließen. Da findet endlich eine Öffnung statt. Dass sexuelle Gewalt an und von Menschen mit Behinderung eine leidige Tatsache ist, weiß man zwischenzeitlich sehr klar, wenn es auch nach wie vor leider noch zu sehr verdrängt wird.

Vielen Dank für dieses unglaublich interessante Interview. Wir von Wiend und Projekt Gink-Go! wünschen der fabs viel Erfolg!

Nähere Informationen über die fabs – Fachstelle Behinderung & Sexualität – finden Sie unter: http://www.fabs-online.org

Infos zum Interview: Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.

Gesprächspartner: Alexandra Steiner und Reinhard Leitner

Fotos und Logo: Wurden für Projekt Gink-Go! von der fabs zur Verfügung gestellt.

Das Interview erscheint am 23. Mai 2007.

Zurück zur Übersicht

Seitenanfang