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Standort: Berichte und Interviews zum Thema Gesellschaft und Kultur – Anette Jablonski

Interviewpartnerin: Anette Jablonski –
Künstlerin aus Düsseldorf

"Mir fehlt die nötige Selbstliebe, daher wünsche ich mir von Herzen, dass ich mich eines Tages so annehmen kann, wie ich bin."

Anette Jablonski, eine ehrgeizige, aber auch selbstkritische junge Frau, die einen besonders kreativen Weg gefunden hat, mit ihrer Behinderung umzugehen. Ich hatte die Ehre, Frau Jablonski im letzten Jahr kennenzulernen. Und es ist mir eine große Freude, Ihnen ihre Geschichte präsentieren zu dürfen.

Anette über Anette

Ich bin in erster Linie eine Künstlerin, die das Malen als "zwischenmenschliches" Medium benutzt; danach erst folgt die selbstbewusste Frau, die seit ihrer Kindheit im Rollstuhl sitzt!

Alexandra: Würden Sie uns etwas über sich erzählen?

Anette Jablonski bei der Arbeit. Sie schüttet gerade eine Flasche mit oranger Farbe auf ein Bild.

Anette Jablonski: Ich wurde am 14. Juli 1978 als gesundes Baby in Alleinstein, Polen, geboren. Im Alter von ca. 7 Monaten bekam ich eine Grippe, die sich zu einer doppelseitigen Lungenentzündung entwickelte, währenddessen ich hochgradiges Fieber und Krämpfe bekam.

Man versuchte, mir durch eine Lumbalpunktion des Lendenwirbelkanals zu helfen, jedoch traten hierbei Komplikationen auf, die zu einer zerebralen Schädigung und somit zu einer rechtsarmbetonten tetraspastischen Veränderung führten.

Aufgrund dieses Schicksals war mein Leben von einer Sekunde auf die andere komplett anders. Meine Entwicklung verzögerte sich, ich konnte nicht laufen. Mir war immer bewusst, dass ich behindert bin. Ich sah meine "normalen" Freundinnen laufen und stellte mir stets die Frage: "Warum ausgerechnet ich?"

Es war für mich eine schwierige Zeit, in der ich mich innerlich zurückzog. Bis zum 3./4. Lebensjahr konnte ich nicht gehen; aus diesem Grund bastelte mein Vater für mich einen Laufwagen, der hier in Deutschland einem Buggy ähnelt. In Polen gab es zu diesem Zeitpunkt wenig Hilfsmittel für Menschen wie mich. Des Weiteren bekam ich Krankengymnastik.

Einen Kindergarten habe ich nie besuchen können, einen integrativen Kindergarten gab es damals noch nicht. Schulisch bekam ich Unterricht durch einen Privatlehrer, da das Besuchen einer normalen Grundschule für mich nicht möglich war. Die Fördermöglichkeiten für Menschen wie mich, die speziell und intensiv gefördert und gefordert werden müssen, waren in Polen leider sehr gering.

Im Jahre 1988 entschlossen sich meine Eltern, in die Bundesrepublik Deutschland umzusiedeln – in erster Linie um für mich bessere Behandlungsmöglichkeiten zu erzielen.

In Deutschland angekommen, wurde ich nach einem IQ-Test, in dem sichergestellt wurde, dass ich weder über- noch unterfordert wurde, in die Rheinische Schule für Körperbehinderte in Düsseldorf eingeschult. Hier bekam ich neben dem täglichen Unterricht wöchentlich Krankengymnastik bzw. Sprachtherapie durch eine Logopädin. Hier war ich nun endlich nicht mehr alleine mit meiner Erkrankung, sondern eine von Vielen mit einer Behinderung und einem Rollstuhl.

Jedoch fiel es mir nicht leicht, dem Unterricht zu folgen, aufgrund der fremden Sprache und des Nichtverständnisses der Lehrer, obwohl dies schon eine Einrichtung war, in der die vorhandenen Fachkräfte die nötigen Kompetenzen hätten aufbringen müssen, um solche Menschen wie mich zu fördern und zu fordern, auch hinsichtlich meiner Selbständigkeit, insbesondere meiner Sprache und Motorik.

Nach der Schule und aufgrund der Schwere meiner Erkrankung wechselte ich in eine Werkstatt für Behinderte, in der ich bis heute arbeite und gefördert werde. Es war mir aufgrund der Schwere der Behinderung, der zusätzlichen Sprachbehinderung und –barriere nicht möglich, eine Berufsausbildung zu absolvieren.

Von Wohlfühlen kann definitiv nicht die Rede sein, aber vor allem fühle ich mich dort nach wie vor unterfordert. Ich arbeite hier in der Montage, tüte bestimmte Dinge ein, was meine Aufgabe nicht gerade spannend bzw. abwechslungsreich macht, und am Monatsende bekomme ich lediglich 100 Euro Gehalt.

Nebenbei möchte ich erwähnen, dass ein Freund von mir, der sowohl laufen als auch sprechen kann, bewusst arbeitslos zu Hause sitzt und am Monatsanfang mehr Geld zum Leben zur Verfügung hat als ich!

Wurde mit dem Rollstuhl gemalt – starkes Blau und sehr starke Strukturen
Dieses Bild wurde mit dem Rollstuhl "gemalt", "indem ich das Wachs erst erhitze, dann das Bild damit ausfülle, und zum Schluss bügel ich noch über das Bild."

Alexandra: Wie haben Sie den Weg zur Kunst gefunden?

Anette Jablonski: Mein erstes wegweisendes Bild malte ich während einer Kur in einer psychotherapeutisch-psychosomatischen Klinik. Während meines Aufenthaltes habe ich zum ersten Mal unter Anleitung einer Kunsttherapeutin die nun für mich bedeutsame Wachsmaltechnik erlernt. Nach meinem Aufenthalt in der Klinik probierte ich stets neue Methoden aus, und somit hatte ich ein neues aufregendes Hobby. Ich ließ mit Hilfe eines Bügeleisens Wachsmalstifte auf Karton zerlaufen und stellte so meine Bilder her. Schon nach kurzer Zeit hatte ich genügend Bilder zusammen, um meine erste eigene Ausstellung zu eröffnen. Es waren Bilder, die schon lange in meinem Inneren entstanden waren. Den Mut, mich zu zeigen, entwickelte ich mit Hilfe und Unterstützung einer Beraterin (ebenfalls behindert) der Frauenberatungsstelle Düsseldorf e.V.

Weitere Ausstellungen folgten, und somit ist mein Hobby zu meinem persönlichen und wichtigsten Medium geworden, um mich und mein Inneres mitzuteilen. Des Weiteren hoffe ich hiermit, zu schnell gefällte und gefasste Vorurteile abbauen zu können.

Alexandra: Ihre Bilder strahlen eine ungemeine Kraft aus. Sie verwenden überwiegend kräftige Farben. Was ist die Quelle Ihrer Ideen und was drücken Ihre Bilder aus?

Anette Jablonski: Ich male, was ich in meinem Herzen fühle, und kann gleichzeitig meine Vergangenheit auf diese Art und Weise besser verarbeiten und aufarbeiten.

Durch meine Malerei bin ich selbstbewusster und absolut unabhängiger geworden. Ich kann diese unabhängig von irgendwelchen anderen Personen ausführen und bin ganz bei mir selbst, tief in meinem Herzen.

Obwohl ich meine Ausstellungen immer Traumwelten nenne, da ich meine Bilder mit eben diesen assoziiere, so entstehen jedoch auch immer wieder von mir selbst ernannte Horrorbilder. Diese Bilder sind meistens dunkel gehalten, tiefschwarz und rot. In meinen Bildern drücke ich zumeist meine ganze Trauer und Wut aus, meine Depressionen und Mauern. Es ist kein leichter Prozess, da ich mich des Öfteren immer noch frage, aus welchen Gründen ich nicht laufen kann und ich mich nicht normal entwickelt habe; jedoch fühle ich mich danach wesentlich befreiter.

Sehr intensive Farben von Orange- und Grüntönen
Dieses Bild wurde ebenfalls mit dem Rollstuhl "gemalt", "indem ich das Wachs erst erhitze, dann das Bild damit ausfülle, und zum Schluss bügel ich noch über das Bild."

Alexandra: Mit welchen Materialien arbeiten Sie?

Anette Jablonski: Mit Wachsmalstiften, Bügeleisen, Messer, Föhn, Strohhalm, Acrylfarben, Wasserfarben, Ölfarben und alle weiteren interessanten Materialien, die mir zwischen die Finger kommen.

Alexandra: Sie waren ja bereits an mehreren Ausstellungen beteiligt, wie waren die Reaktionen der Besucher?

Anette Jablonski: Die meisten Besucher waren mir gegenüber sehr offen und neugierig und haben sich nach mir und meinem bisherigen Leben erkundigt. Ich habe hierdurch viele Kontakte mit Menschen knüpfen und bis heute aufrechterhalten können.

Ausstellung in Düsseldorf
Galerie im Netzwerk für Frauen und Mädchen mit Behinderung in NRW

Alexandra: Was haben Sie in Zukunft noch vor, werden Sie weitere Ausstellungen machen?

Anette Jablonski: Ja, natürlich plane ich weitere Ausstellungen mit meinen Bildern, da diese unter anderem mein Selbstbewusstsein stärken und fördern.

Alexandra: Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?

Anette Jablonski: Das ist wirklich eine gute Frage!

Die Leute müssen endlich mal begreifen, wer ich bin! In absehbarer Zukunft wünsche ich mir eine neue, anspruchsvollere Arbeit! Mir fehlt die nötige Selbstliebe, daher wünsche ich mir von Herzen, dass ich mich eines Tages so annehmen kann, wie ich bin; Freunde, auf die ich mich verlassen kann und die mich so lieben und annehmen können, wie ich bin.

Ich möchte auf jeden Fall meinen bisher eingeschlagenen Weg konsequent weiter gehen und niemals aufgeben. Dies ist mein großes Ziel, welches ich mir gesetzt habe. Zwischen uns Rollstuhlfahrern und den sogenannten "normalen" Menschen gibt es keine großen, wesentlichen Unterschiede. Dies möchte ich verdeutlichen und durch meine Bilder zum Ausdruck bringen.

Ich stelle mir häufig die Frage, warum es den Menschen dort draußen so immens schwerfällt, normal mit uns Rollstuhlfahrern umzugehen und uns in unserer Selbständigkeit zu fördern bzw. zu unterstützen!

Ich möchte mich für das sehr interessante Interview bedanken und wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre zukünftigen Pläne.

Nähere Informationen über Anette Jablonski finden Sie unter: http://www.netzwerk-nrw.de

Infos zum Interview: Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.

Gesprächspartnerin: Alexandra Steiner

Quellen: Sämtliche Bilderfotografien wurden von Frau Jablonski für Projekt Gink-Go! zur Verfügung gestellt.

Das Interview erscheint am 14. Jänner 2007.

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