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Standort: Berichte und Interviews zum Thema Gesellschaft und Kultur – Projekt Libida

Interviewpartner: Libida

Ludwig Niederhammer-Deutsch

"Informieren ist das eine, das 'Tun' das andere."

"Libida ... mehr Lust im Leben", ein von alpha nova unterstütztes Projekt, hat sich zum Ziel gemacht, Frauen und Männern mit Lernschwierigkeiten den Weg zur eigenen Sexualität zu ermöglichen.

Ist Sexualität ein natürliches Recht eines Menschen?

Wenn ja, warum setzt sich Libida so für das natürliche Recht auf Nähe, Sexualität und Sexualassistenz für Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten ein, wenn wir doch in einer ach so toleranten Gesellschaft leben, es jedoch noch immer keine Akzeptanz findet? Libida nimmt sich dieses Problems an – und tut etwas.

Wie kam es zur Gründung von Libida, was sind Ihre Aufgaben und Ihre zukünftigen Pläne? Wie wird dieses Thema von Außenstehenden und von der Öffentlichkeit aufgenommen? Wie tolerant gehen denn Betreuer, Verwandte und andere nicht unmittelbar Betroffene mit diesem Thema um? Wer sind Ihre Vorbilder?

Herr Ludwig Niederhammer-Deutsch stellte sich diesen Fragen, und ich freue mich sehr, Ihnen dieses besondere Interview zu präsentieren.

Alexandra Steiner sprach für Projekt Gink-Go! mit Ludwig Niederhammer-Deutsch.

Alexandra: Wie kam es zur Gründung von "Libida ... mehr Lust im Leben"?

Ludwig Niederhammer: Das Beratungszentrum der alpha nova Betriebs-Ges.m.b.H. in Kalsdorf wurde 1995 gegründet. Schwerpunkt dieser Beratungsstelle war (und ist) insbesondere die Thematik "Behinderung, Sexualität und Selbstbestimmung" für die Zielgruppe Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten.

Logo von alpha nova

Neben dieser nunmehr 12-jährigen Beratungstätigkeit gab es im Rahmen unterschiedlicher EU-Projekte eine intensive Auseinandersetzung mit dieser Thematik. Materialien für eine unterstützte Beratung wurden entwickelt und hergestellt und Konzepte für Workshops und Seminare erarbeitet und umgesetzt.

Basierend auf dieser Arbeit wurde in den letzten Jahren immer deutlicher: Beraten und informieren ist das eine, es "tun" das andere, konkret gesagt: "Über Sex gesprochen wurde von vielen Personen bereits erschöpfend, es zu erleben ist der nächste Schritt."

Der Mangel an adäquaten Angeboten bildete für uns (Margit Schmiedbauer, Doris Krottmayer und Ludwig Niederhammer-Deutsch) die Grundlage, das Projekt Libida zu starten, um das konkrete Dienstleistungsangebot "Sexualassistenz" abzuklären. Stand: September 2006.

Nun stellte sich die Frage: Was können wir anbieten, wenn Frauen und Männer, die informiert und aufgeklärt sind – oder einfach aus ihrem natürlichen Empfinden heraus –, den Wunsch nach konkreten sexuellen Erfahrungen äußern und dabei auf Unterstützung angewiesen sind, sich diesen zu erfüllen?

Alexandra: Was bedeutet Libida?

Titelbild von Libida

Ludwig Niederhammer: C.G. Jung definiert Libido als die allgemeine Triebenergie bzw. schlichtweg als die Lebensenergie. Beim Projekt Libida (statt Libido) steht das "a" dafür, dass wir unsere Aufmerksamkeit auch im Besonderen auf die Wünsche und Bedürfnisse von Frauen an eine sexuelle Dienstleistung richten wollen.

Alexandra: Wer ist Ihre Zielgruppe?

Ludwig Niederhammer: Unser Hauptfokus liegt (aufgrund unserer beruflichen Erfahrungen) bei Frauen und Männern mit Lernschwierigkeiten, da sie bei der Umsetzung ihrer selbstbestimmten Sexualität aufgrund struktureller, physischer und psychischer Barrieren sehr eingeschränkte Möglichkeiten zur Verfügung haben. Die Dienstleistung "Sexualassistenz" ist aber natürlich für alle Personen offen, die diese Form des Angebotes bevorzugen (ältere Personen, Personen mit hohem Pflegebedarf oder körperlicher Behinderung).

Alexandra: Wie wird Libida finanziert?

Ludwig Niederhammer: Das Projekt, das von September 2006 bis Dezember 2007 anberaumt ist, wird vom Sozialressort des Landes Steiermark finanziell unterstützt.

Alexandra: Was bietet Libida ihren Kundinnen und Kunden?

Ludwig Niederhammer: Das Projekt Libida setzt sich in der jetzigen Phase mit der Entwicklung der Dienstleistung "Sexualassistenz" auseinander, der zu Grunde liegt: Selbstbestimmung, wo möglich – Unterstützung, wo notwendig. Derzeit bieten wir Frauen und Männern mit Lernschwierigkeiten die Möglichkeit, am Projekt im Rahmen von Arbeitskreisen mitzuarbeiten, um so aktiv in die Erstellung des zukünftigen Berufsbildes eingebunden zu sein. Im Laufe des Jahres 2008 soll es dann die Möglichkeit geben, die Dienstleistung "Sexualassistenz" in Anspruch zu nehmen. Wir werden weiterhin für Information und Unterstützung zur Verfügung stehen und daran arbeiten, das Angebot zu erweitern, und wir suchen mögliche Kooperationspartner in Österreich.

Alexandra: Was bedeutet Sexualassistenz?

Ludwig Niederhammer: Sexualassistenz ist eine besondere Form der Dienstleistung im Bereich "Sexualität erleben". Ausgebildete Sexualassistentinnen und –assistenten bieten konkrete Unterstützung beim Erleben von Sexualität an. Die Angebotspalette reicht dabei von der Unterstützung beim Einkauf von Sexartikeln bis hin zum Geschlechtsverkehr. Welche Angebote konkret gewünscht werden, soll im Rahmen eines Vorgesprächs zwischen Kundin/Kunden und Assistentin/Assistenten geklärt werden. Angebote können sein: Massagen/Intimmassagen, zärtliches Berühren, den ganzen Körper berühren, Unterstützung bei Selbstbefriedigung, beim An- und Ausziehen. Bei den Rahmenbedingungen für die geplante Dienstleistung steht eine stressfreie Atmosphäre, ausreichend Zeit und ein faires Preis-Leistungs-Verhältnis im Vordergrund.

Alexandra: "Behinderung und Sexualität" ist leider noch immer ein sehr tabuisiertes Thema. Wie ist Ihre Erfahrung damit?

Ludwig Niederhammer: Bei der Sexualassistenz im Speziellen haben wir es sogar mit noch einem Tabuthema, nämlich der "sexuellen Dienstleistung" zu tun. In unserer Arbeit versuchen wir, mit hohen Ansprüchen an Professionalität und Qualitätssicherung den Ängsten, Befürchtungen und Widerständen gegenüber dieser neuen Dienstleistung zu begegnen. Ebenso sprechen wir Themen direkt an und nehmen Ängste und Sorgen (meist von dritten Personen wie Eltern, Betreuerinnen und Betreuern) absolut ernst. Unsere Stärkung erfahren wir aus der Beratungsarbeit mit Frauen und Männern mit Lernschwierigkeiten, die uns immer wieder bestätigen, dass "Sexualassistenz" eine große Bereicherung in ihrem Leben darstellen würde.

Alexandra: Herr Niederhammer, ist der Umgang mit diesem Thema als Mann schwieriger als für eine Frau?

Ludwig Niederhammer: Nein, ich glaube nicht wirklich. Ich denke, es ist nur notwendig, dass sich Männer zu ihren Gefühlen bekennen und selbstbewusst zu diesen stehen. Das "alte Rollenbild" des sogenannten "Ernährers/Beschützers" könnte diesem natürlich im Wege stehen. Reduziert man sich natürlich nur auf diese, in der Gesellschaft anerkannten (vor allem unter Männern) Rollenbilder, erschwert dies meiner Meinung nach den Zugang zu Gefühlen im Kontext zu Sexualität.

Mein Motto: Lebenslanges Lernen ist ein Geschenk (auch für Männer).

Das Team von Libida
Von links: Dr. Doris Krottmayer (Entwicklung),
Ludwig Niederhammer-Deutsch (Koordination und Entwicklung)
und Margit Schmiedbauer (Projektleitung)

Alexandra: In einem Artikel vom 9. Jänner dieses Jahres auf der steiermärkischen FPÖ-Website forderte ein FPÖ-Mitglied, das Projekt Libida nicht weiter zu unterstützen, da es "frauenverachtend" und dadurch auch "prostitutionsfördernd" sei. Wie gehen Sie mit derartiger Kritik um?

Ludwig Niederhammer: In diesem Artikel wurden leider sehr mangelhafte und falsche Informationen recherchiert und mit unserem Projekt in Verbindung gebracht. Da diese Kritik eigentlich gar nichts mit unseren Projektzielen gemein hat, haben wir uns auch nicht dazu geäußert. Wir stehen aber natürlich jederzeit gerne zur Verfügung, wenn sich Personen über unser Projekt informieren und auch in kritischer Art und Weise mit uns diskutieren wollen.

Alexandra: Sie waren letztes Jahr bei fabs. Welche Erfahrungen konnten Sie mitnehmen?

Ludwig Niederhammer: Frau Dr. Aiha Zemp, die Leiterin von fabs, ist eine Pionierin auf diesem Gebiet und hat mit viel Mut und Engagement erreicht, dass Sexualassistenz in der Schweiz zu einer realen Dienstleistung geworden ist. Besonders beeindruckt hat uns ihr hoher Anspruch an die Qualität, die Professionalität und an die Qualitätssicherung des Angebots. Diese Kriterien bilden ebenfalls die Grundlage in unserer Arbeit.

Alexandra: Ihr Projekt wurde bis Ende dieses Jahres finanziert. Was sind Ihre weiteren Pläne für Libida?

Ludwig Niederhammer: Im Jahr 2008 soll erstmals der Lehrgang "Ausbildung zur Sexualassistentin/zum Sexualassistenten" angeboten werden. Im Anschluss daran sehen wir uns verantwortlich für die Berufsbildarbeit, Öffentlichkeitsarbeit und Qualitätssicherung. Weiters wollen wir eine Info- und Vernetzungsstelle einrichten, mit dem Schwerpunkt "Behinderung und Sexualität", wo Frauen und Männer (und auch Angehörige, Assistentinnen und Assistenten etc.) von der Beratung bis hin zur Information über ganz konkrete Angebote Auskunft erhalten sollen.

Vielen Dank für das Interview; wir wünschen Ihnen viel Glück für die Zukunft!

Nähere Informationen über Libida finden Sie unter: http://www.alphanova.at/index.php?id=85

Infos zum Interview: Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.

Gesprächspartnerin: Alexandra Steiner

Fotos und Logo: Wurden für Projekt Gink-Go! von Libida zur Verfügung gestellt.

Das Interview erscheint am 11. Mai 2007.

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