Ninlil, eine sumerische Göttin, die sich gegen sexuelle Ausbeutung gewehrt hat
Sexualisierte Gewalt an behinderten Frauen ist noch immer ein Thema, über das gerne geschwiegen wird. Die gewaltbetroffenen Frauen können meist nicht darüber sprechen und die Täter bleiben oft unbestraft. Schlimmer ist jedoch die Tatsache, dass die Täter oftmals Familienangehörige oder Betreuer in Institutionen sind. Die Abhängigkeit macht es oftmals unmöglich für die Frauen, darüber offen zu sprechen. Daher ist es besonders wichtig, dass sich diese Frauen an Beratungsstellen wie Ninlil, die institutionsunabhängig sind, wenden können.
Wir wollen uns diesem sehr ernsten Thema widmen und Ihnen diese wichtige Arbeit von Ninlil näher bringen.
Ninlil bietet Präventionsarbeit, um möglichen Missbrauch an behinderten Frauen zu verhindern. Aufklärung durch Gespräche und regelmäßige Workshops sollen behinderten Frauen den Zugang zu ihrem Körper erleichtern und das Bewusstsein schärfen und stärken.
Wir wollen uns diesem sehr ernsten Thema widmen und Ihnen diese wichtige Arbeit von Ninlil näher bringen.
Alexandra Steiner sprach für Projekt Gink-Go! mit Magistra Elisabeth Udl, einer Mitarbeiterin von Ninlil.
Alexandra: Ninlil, die sumerische Göttin, die sich gegen sexuelle Ausbeutung gewehrt hat, ist für Sie das Symbol für den Widerstand gegen sexualisierte Gewalt an behinderten Frauen. Wie und wann kam es zur Gründung von Ninlil?
Elisabeth Udl: Im November 1992 fand in Wien, veranstaltet durch das Bundesministerium für Frauenangelegenheiten, das Symposium "Gegen sexuelle Belästigung/Gewalt an Frauen mit Behinderung" oder "In der Nacht kommt der Mann ohne Gesicht wieder." statt. Dadurch wurde – zum ersten Mal in Österreich – das Tabu um dieses Thema gebrochen. Im Anschluss an diese Veranstaltung gründete eine Gruppe aus Sozialarbeiterinnen, Sozialpädagoginnen, Behindertenpädagoginnen und Behindertenfachbetreuerinnen aus verschiedenen sozialen Einrichtungen und Institutionen einen Arbeitskreis, der das Ziel hatte, die Auseinandersetzung mit dem Thema zu intensivieren.
Alle Frauen, die zu Beginn im Arbeitskreis mitarbeiteten, waren in ihrer täglichen Arbeit immer wieder damit konfrontiert, dass Frauen mit Lernschwierigkeiten oder Mehrfachbehinderungen sexuelle Gewalt erleben. Eine Studie aus dem Jahr 1996 belegt, dass Frauen mit Lernschwierigkeiten oder Mehrfachbehinderung in ungleich höherem Ausmaß von sexueller Gewalt betroffen sind als andere Frauen – die Reaktionen von Seiten der "betreuenden" Institutionen waren (und sind teilweise auch heute noch) meist von Hilflosigkeit gekennzeichnet.
Alexandra: Was sind die Ziele von Ninlil?
Elisabeth Udl: Von Beginn an stand im Zentrum unserer Arbeit die Bemühung, einerseits das Thema sexuelle Gewalt an Frauen mit Lernschwierigkeiten sichtbar zu machen und andererseits konkrete Angebote für Frauen mit Lernschwierigkeiten und ihre Bezugspersonen zu setzen. (Den Begriff "Lernschwierigkeiten" verwenden wir in Anlehnung an die Begriffswahl der Selbstvertretungsbewegung "People First" als Empowerment-Begriff gegenüber dem Begriff "geistige Behinderung".)
Alexandra: Wie arbeitet Ninlil heute?
Elisabeth Udl: Aus der Arbeitsgruppe gründete sich 1996 der Verein Ninlil (damals noch unter dem Titel "Wider die sexuelle Gewalt gegen Frauen, die als geistig oder mehrfachbehindert klassifiziert werden"). In der Folge bezog der Verein Ninlil ein Büro in der Bürogemeinschaft Frauenhetz, wo wir auch heute noch "zu Hause" sind (inzwischen wurden die Räumlichkeiten barrierefrei zugänglich gemacht und ein barrierefreies WC eingerichtet). Seit dem Jahr 2000 arbeiten im Büro des Vereins zwei Teilzeit-Mitarbeiterinnen, davon eine Frau mit Behinderung. Aktiv an der Vereinsarbeit beteiligt sind neben diesen zwei Mitarbeiterinnen auch die Vorstandsfrauen des Vereins, die in großteils ehrenamtlicher Arbeit maßgeblich für Entwicklung und Durchführung von Projekten sowie die Geschäftsleitung zuständig sind.
Alexandra: In Ihrem Angebot "Beratung" bieten Sie unter anderem Beratung bei sexualisierter und struktureller Gewalt an, wo liegt da der Unterschied? Was ist damit gemeint?
Elisabeth Udl: Mit struktureller Gewalt meinen wir die Gewalt, der Frauen mit Lernschwierigkeiten durch die häufigen Fremdbestimmungen ihrer Lebensumstände ausgesetzt sind. Frauen, die in Betreuungsabhängigkeit leben, lernen oft schon früh, dass sie Entscheidungen, die ihre alltägliche Lebensrealität betreffen, nicht selbst treffen dürfen – die Entscheidungen werden getroffen von anderen Personen, die angeblich besser wissen, was für die Frauen gut ist. Besonders deutlich und bedrückend wird diese Fremdbestimmung meist dann, wenn erwachsene Frauen mit Lernschwierigkeiten in Institutionen leben (müssen), wo ihnen große Teile ihres Alltags vorgegeben werden (Essenszeiten, Schlafenszeiten, Freizeitgestaltung, Arbeit etc.). In diesen Strukturen ist es oft nicht nur nicht möglich, sondern gar nicht erwünscht, dass die Frauen Nein sagen, wenn ihnen etwas nicht passt. Die Frauen lernen also, dass ihre Gefühle und Meinungen nicht ernst genommen werden.
Zusammengefasst meint also "strukturelle Gewalt" Lebensumstände, die das Wahrnehmen und Für-richtig-Empfinden eigener Meinungen und Gefühle unmöglich macht. So gesehen ist strukturelle Gewalt ein Element, das sexualisierte Gewalt begünstigt – Frauen, die nicht gelernt haben, dass sie auch Nein sagen dürfen, sind deutlich häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen als andere.
Alexandra: Empowerment ist ein wichtiger Faktor in Ihrer Arbeit. Welche Unternehmungen streben Sie an, um selbstbestimmtes Handeln an behinderten Frauen weiterzugeben? Welche Möglichkeiten werden seitens Ninlil angeboten?
Elisabeth Udl: "Empowerment" heißt, wörtlich übersetzt, so viel wie "Selbstermächtigung" – das Ziel ist also, Frauen mit Lernschwierigkeiten so zu stärken, dass sie selbst das Gefühl bekommen, stark zu sein und Entscheidungen für ihr Leben selbst treffen zu können. Angebote, die wir in diese Richtung setzen, sind vor allem die von Ninlil angebotenen Empowerment-Seminare: Jedes Semester gibt es 5 bis 10 Seminare; die Themen reichen von "Lust, mich zu spüren" (Bewegungsgruppe) über "Angstfrei leben" (Selbstverteidigung) bis zu "Mit Pferden wachsen" (Selbsterfahrung mit Pferden).
Besonders wichtig ist uns dabei, dass die Seminare für die teilnehmenden Frauen kostenlos sind. So soll auch Frauen mit geringem Einkommen die Teilnahme ermöglicht werden – Frauen, die in geschützten Werkstätten arbeiten, bekommen in der Regel keinen Lohn, sondern nur ein geringes monatliches "Taschengeld".
Alexandra: Habt Ihr bei Eurer Arbeit die Erfahrung gemacht, dass in bestimmten Lebensumständen sexualisierte Gewalt eher vorkommt?
Elisabeth Udl: Laut einer in Österreich durchgeführten Studie aus dem Jahr 1996 ist es so, dass Frauen mit Behinderungen doppelt so häufig von sexualisierter Gewalt betroffen sind als Frauen ohne Behinderungen.
Wir sind davon überzeugt, dass diese Zahlen mit der strukturellen Gewalt zusammenhängen, der Frauen mit Behinderungen in ihrem Alltag ausgesetzt sind – Lebensumstände, die generell von Fremdbestimmung geprägt sind, begünstigen Gewalt im Allgemeinen und sexualisierte Gewalt im Besonderen.
Alexandra: Sie leisten unter anderem auch Präventionsarbeit, welche Erfolge konnten Sie erreichen?
Elisabeth Udl: Präventionsarbeit findet bei uns einerseits in Form der oben genannten Empowerment-Seminare statt, andererseits fördert Ninlil auch Selbstbestimmungsinitiativen von Frauen (z.B. Women-First-Gruppe bzw. das Nachfolgeprojekt Peer-Gruppe). Der Erfolg solcher Projekte lässt sich vor allem an der Zufriedenheit der Teilnehmerinnen messen – diesbezüglich bitten wir die Seminarteilnehmerinnen am Ende der Seminare jeweils, einen Feedbackbogen auszufüllen. Die Reaktionen sind in den meisten Fällen positiv!
Alexandra: Vernetzung ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil Ihrer Arbeit, mit welchen Organisationen arbeitet Ninlil zusammen?
Elisabeth Udl: Ansprechpartnerinnen sind in erster Linie die verschiedenen Frauenberatungseinrichtungen, die es in Wien gibt – es ist eines der Hauptziele unserer Arbeit, zu erreichen, dass auch Frauen mit Behinderungen in den bereits vorhandenen Beratungsstellen beraten werden können. Zu den meisten Beratungsstellen in Wien gibt es diesbezüglich gute Kontakte – so können einerseits wir uns mit Fragen an diese Beratungsstellen wenden, andererseits bieten wir auch Unterstützung und Kooperation an, wenn im Zuge einer Beratung Fragen zu "behindertenspezifischen" Themen bzw. Lebensumständen auftauchen.
Neben der Kooperation mit den Frauen- und Mädchenberatungsstellen bemühen wir uns aber auch um Vernetzung mit den verschiedensten Einrichtungen der "Behindertenhilfe" – so setzen wir beispielsweise aktiv Angebote, wie Fortbildungen für MitarbeiterInnen in diesem Bereich.
Alexandra: Wie kamen Sie zu Ninlil und welche Erfahrung haben Sie durch Ihre Arbeit gemacht?
Elisabeth Udl: Ich bin inzwischen schon seit ca. 5 Jahren im Vorstand von Ninlil tätig – den Kontakt hat ursprünglich eine Freundin von mir hergestellt, die damals im Ninlil-Büro gearbeitet hat und wusste, dass Ninlil Vorstandsfrauen sucht.
Damals wusste ich schon einiges über die spezifischen Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung – ich habe eine um fünf Jahre jüngere Schwester, die seit ihrer Geburt eine spastische Tetraplegie hat. Zum Thema "sexualisierte Gewalt" wusste ich damals noch sehr wenig – diesbezüglich konnte ich sehr vom Wissen der anderen Vorstandsfrauen und Mitarbeiterinnen profitieren.
Was die Erfahrungen betrifft, die ich bei Ninlil gemacht habe – zusammenfassend würde ich sagen, ich habe erfahren, dass es in diesem Bereich enorm viel zu tun gibt (sexualisierte Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen ist immer noch ein Tabu), dass es aber gleichzeitig auch sehr befriedigend sein kann, gemeinsam mit anderen engagierten Frauen an einem so wichtigen Thema zu arbeiten!
Alexandra: Welche Aufgaben hat die Peer-Gruppe, ehemals Women-First-Gruppe? Wer organisiert diese und wie sieht der Ablauf aus – welche Zielgruppen werden hierbei angesprochen?
Elisabeth Udl: Die Women-First-Gruppe wurde von Michaela Neubauer ins Leben gerufen, mit dem Ziel, in Anlehnung an das Konzept der People-First-Gruppen eine Selbstvertretungsgruppe für Frauen mit Lernschwierigkeiten zu schaffen. Die Aufgaben einer solchen Gruppe sind vor allem der Austausch der Frauen untereinander sowie alles, was die Frauen selbst für ihre Selbstbestimmung als wichtig und interessant erachten – so gab es Vorträge, Gesprächsabende und gemeinsame Unternehmungen.
Aus verschiedenen Gründen hat sich die Women-First-Gruppe Mitte 2004 aufgelöst. Inzwischen ist mit der "Peer-Gruppe", einem Kooperationsprojekt von Zentrum für Kompetenzen und Ninlil, eine Art Nachfolgegruppe ins Leben gerufen worden – die Zielgruppe sind Frauen mit Behinderungen (im Speziellen ausdrücklich auch Frauen mit Lernschwierigkeiten), die Interesse am Austausch mit anderen Frauen mit Behinderungen haben. Der Ablauf wird großteils von den teilnehmenden Frauen selbst bestimmt. Üblicherweise trifft sich die Gruppe an Freitagen im Zentrum für Kompetenzen. Bei Interesse gibt es sowohl bei Ninlil als auch beim Zentrum für Kompetenzen nähere Informationen zu dieser Gruppe.
Alexandra: Wie wird das Projekt finanziert und wofür werden diese Mittel gebraucht?
Elisabeth Udl: Ninlil finanziert sich ausschließlich aus Subventionen, Projektförderungen und Spenden. Wir brauchen diese Mittel einerseits für unseren Basis-Bürobetrieb (Vernetzung, Kooperation, Beratung), andererseits auch für die bereits erwähnten Empowerment-Seminare sowie für zusätzliche Projekte, wie etwa die Broschüre "Gegen Gewalt – Informationen und Adressen für Menschen mit Lernschwierigkeiten" (erschienen 2005) oder das groß angelegte Projekt "Offensive: Gewaltprävention", das wir in den letzten Jahren durchgeführt haben.
Alexandra: Wie groß ist Ihrer Erfahrung nach der Beratungsbedarf, und können Sie diesen mit ihrer derzeitigen Mitarbeiterzahl decken?
Elisabeth Udl: Leider ist es so, dass sich der Beratungsbedarf mit der derzeitigen Mitarbeiterinnenzahl nicht decken lässt. Im Büro arbeiten derzeit zwei Teilzeit-Mitarbeiterinnen, von denen eine neben anderen Aufgaben auch für Beratung zuständig ist – Beratung von gewaltbetroffenen Frauen ist jedoch sehr belastend und kann ohne Rückhalt in einem Team kaum angeboten werden. Wir sind uns dieser Tatsache bewusst und kämpfen schon seit Jahren um finanzielle Mittel, die die Anstellung einer weiteren Beraterin ermöglichen sollen – leider erfolglos.
Alexandra: Was sind Ihre Wünsche bezüglich Ihrer Arbeit? Wie könnte man Ninlil unterstützen?
Elisabeth Udl: Natürlich wünschen wir uns in erster Linie, dazu beitragen zu können, dass das Thema der sexualisierten Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen enttabuisiert wird, sodass auf einer breiten Basis dagegen gearbeitet werden kann. Die Vorbedingung dafür ist, dass allen Frauen mit Behinderungen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht werden muss!
Was unseren konkreten Alltag betrifft, so gibt es verschiedene Möglichkeiten, uns zu unterstützen: Einerseits sind wir immer wieder auf der Suche nach ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen – so suchen wir etwa aktuell Frauen, die interessiert wären, im Vorstand von Ninlil mitzuarbeiten; andererseits sind wir natürlich auch für finanzielle Unterstützung (Mitgliedsbeiträge oder Spenden) dankbar, da vor allem die für die Präventionsarbeit wichtigen Empowerment-Seminare leider immer wieder an der Finanzierung scheitern.
Ich möchte mich für das überaus interessante Interview bedanken und wünsche Ihnen und Ninlil weiterhin viel Erfolg in Ihren Plänen und deren Umsetzung.
Nähere Informationen über Ninlil finden Sie unter: http://ninlil.at
Infos zum Interview: Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.
Gesprächspartnerin: Alexandra Steiner
Fotos: Projekt Gink-Go! – Alexandra Steiner
Das Interview erscheint am 12. Mai 2006