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Standort: Berichte und Interviews zum Thema Gesellschaft und Kultur – Rainer Schmidt

Interviewpartner: Rainer Schmidt –
Pastor und Weltklasse-Tischtennisspieler aus Bonn

"Als vollwertiger Teil der Gesellschaft leben"

"Lieber Arm ab als arm dran. Grenzen haben – erfüllt leben" heißt das Buch von Rainer Schmidt, das inzwischen schon in der 3. Auflage erschienen ist. Der Bonner Pastor fragt sich darin, welchen Grund es gibt, Menschen in "behindert" und "nichtbehindert" einzuteilen, denn behindert bedeutet nicht automatisch hilflos, mittellos oder bemitleidenswert. Hat nicht jeder Mensch Grenzen und andererseits auch Begabungen?

Dass aus ihrem Sohn einmal ein Pastor und Weltklasse-Tischtennisspieler werden würde, hätten Rainers Eltern bei seiner Geburt sicher nicht gedacht. Aufgrund einer Stoffwechselstörung während der Schwangerschaft kommt er ohne Unterarme und Hände sowie mit einem verkürzten rechten Oberschenkel zur Welt.

Zunächst sind die Eltern geschockt, beschließen dann aber, auch dieses Kind so normal wie möglich aufwachsen zu lassen. Als Jugendlicher entdeckt er die Liebe zum Tischtennis und spielt sich über die Jahre an die Weltspitze – gerade ist er Vizeweltmeister im Einzel und Weltmeister im Team geworden. Nach dem Abitur wird Rainer Schmidt Verwaltungsbeamter, merkt jedoch nach einiger Zeit, dass da noch etwas anderes in ihm steckt. Er schmeißt den Job und studiert Theologie, wird Pastor.

Die eigenen Erfahrungen sind für Rainer Schmidt nur der Ausgangspunkt, sich mit der Innen- und Außensicht von behinderten Menschen zu befassen. Warum fällt es den einen leichter, mit ihrer Behinderung umzugehen als anderen? Wie können Berührungsängste abgebaut werden? Was, wenn bei einem ungeborenen Kind eine schwere Behinderung diagnostiziert wird? Welche Auswirkungen haben die Gentechnik oder die Singer'schen Thesen auf die Gesellschaft?

Für Projekt Gink-Go! sprach unsere Gastautorin Annette Schwindt mit Rainer Schmidt.

Annette: Du wurdest mit sichtbaren Behinderungen geboren. Empfindest Du Dich als "anders"?

Portrait von Rainer Schmidt

Rainer Schmidt: Das hängt von der Situation ab, in der ich mich bewege. Wenn ich Menschen um mich habe, die mich kennen, empfinde ich mich als normal und vergesse meine Behinderung; in fremder Umgebung aber empfinde ich mich schon als anders; das kann ich an der Reaktion der Menschen ablesen.

Ich weiß natürlich, dass ich anders aussehe als die meisten und kann das in der Regel auch gut vertragen. Vermutlich habe ich mich im Laufe der Zeit daran gewöhnt, dass sich die Leute umdrehen, wenn sie mir in der Fußgängerzone oder in der Kneipe begegnen, aber meistens bin ich innerlich so stark, dass ich darauf gar nicht reagiere. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, konzentriere ich mich ohnehin auf das Gespräch und nicht auf Leute, die gucken.

Ich gehe aber nicht immer gleich damit um. Manchmal ärgere ich mich auch, bin schlecht drauf. Dann macht es mir was aus. Dann gehe ich auch mal nicht einkaufen, weil ich nicht angeschaut werden will. Dann verkrieche ich mich lieber.

Annette: Seit Oktober 2005 arbeitest Du hauptberuflich als Referent am Pädagogisch-Theologischen Institut (PTI) in Bonn. Wie bist Du zu diesem Beruf gekommen?

Rainer Schmidt: Ich habe ja Theologie studiert und bin auch Pfarrer. Zuerst hatte ich einen anderen Beruf gelernt, dann aber mit 26 entschieden: Ich möchte Theologie studieren! Ich wollte einfach der Frage nach Gott nachgehen. Was sagt die Wissenschaft dazu? Wie gehe ich mit der Bibel um und so weiter. Es war schlicht Neugier. Im Gemeindepraktikum dann war ich bei einem tollen Pfarrer. Also habe ich das Vikariat gemacht und bin danach Pfarrer in einer Gemeinde geworden.

Schließlich wurde ich mit meinen Vorträgen und Seminaren freiberuflich tätig. Das hat sich nach dem Buch so ergeben. Nach etwa einem Jahr freiberuflicher Tätigkeit hat mich dann die Landeskirche angerufen und gefragt, ob ich denn gar nicht mehr als Pfarrer arbeiten wolle; im Bildungshaus der rheinischen Landeskirche könne man so einen wie mich gut gebrauchen. Schließlich haben sie dort sogar eine Stelle eigens für mich geschaffen, weil sie mich unbedingt haben wollten.

Jetzt gebe ich dort Seminare zum Thema Integration, was hoffentlich auch eine gute Imagewirkung für die Kirche hat. So leite ich zum Beispiel Seminare für Menschen mit geistiger Behinderung oder Fortbildungsseminare für Menschen, die als Assistenten arbeiten. Ich reise aber auch viel und halte Vorträge, überall da, wo es um Integration von Menschen mit Behinderung geht. Das Schöne ist, dass ich dabei auch ökumenisch tätig sein kann. Meine Arbeit ist an das Thema gebunden, nicht an die Institution der Evangelischen Kirche. Das finde ich richtig klasse!

Annette: Neben der Referententätigkeit bist Du auch Pastor, Sportler und gibst Seminare. Wie sieht Dein Alltag aus und wann schläfst Du eigentlich? (lächelt)

Rainer Schmidt: (lacht) Mein Alltag sieht im Moment noch geregelter aus als damals als Freiberufler. Entweder arbeite ich im Institut, wo ich Seminare vorbereite oder durchführe. Das bedeutet relativ geregelte Arbeitszeiten. So komme ich dann auch mal abends zum Tischtennisspielen. Oder ich bin unterwegs zu vielen anderen Terminen drum herum. Dann muss ich Prioritäten setzen. Zum Schlafen komme ich immerhin noch von Mitternacht bis Viertel nach sieben.

Aber selbst das sind noch geregeltere Zeiten als damals als Pfarrer, denn da hatte ich oft noch Abendtermine. Jetzt ist halt häufig was Außergewöhnliches: Wochenendseminare oder Reisen. Dann brauche ich auch mal einen freien Tag.

Ich besuche öfter Schulen und Gemeinden und spreche dort über die Frage "Wie lebe ich mit meiner Begrenzung?". Es geht immer um Integration. Ich werde auch mal von Lehrern eingeladen, zum Beispiel von Religionslehrern, die das Thema "Gott und das Leid" im Unterricht behandeln, oder von Förderschulen für Menschen mit geistiger Behinderung. Ich mache also Begegnungsarbeit.

Ich würde sagen, ich bin ins "Honigtöpfchen" geworfen worden. Ich finde es schön und wichtig, einen Wirkungskreis zu haben, Multiplikatoren anzusprechen. Gerade war ich bei einer Veranstaltung, wo Wirtschaftsunternehmen mit "wohltätigen" Institutionen zusammenkamen. Es ging darum, was man voneinander lernen kann.

In der Begegnung sieht man immer noch mal alles anders. Viele fragen sich: Warum verzweifeln Menschen mit Behinderung nicht? Und dann sehen sie, dass es darum geht, sich an dem zu freuen, was man hat.

Annette: Du schreibst in Deinem Buch, dass jeder Mensch Einschränkungen und Begabungen hat, es aber darauf ankommt, was man daraus macht. Heißt das, es gibt keinen Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Behinderung?

Rainer Schmidt: Prinzipiell heißt es genau das. Es ist nicht so, dass der Mensch ohne Behinderung keine Einschränkungen hat, aber der mit Behinderung besteht auch nicht nur aus Einschränkungen, sondern für beide gilt: Sie haben Begabungen und Talente, genauso wie Einschränkungen und Dinge, die sie nicht können.

Das ist das Prinzipielle, aber es gibt natürlich graduelle Unterschiede: Manche Menschen haben mehr Einschränkung erfahren, andere haben mehr Talente, aber wir sind es, die dann definieren, welche Einschränkung eine Behinderung ist. Ein Brillenträger wird zum Beispiel nicht als behindert angesehen.

Ich glaube, wir Menschen lernen die Rolle des Behinderten oder Nichtbehinderten. Wenn Du permanent bemuttert wurdest und Dir nie jemand was zugetraut hat, ziehst Du Dir die Rolle irgendwann an: Ich bin arm, mich will keiner. Du kannst aber auch was anderes lernen, wenn Deine Eltern Dir immer wieder Herausforderungen geben, wenn Du nette Leute triffst, die Erfahrung machst: Andere sehen den Menschen in mir, nicht nur die Behinderung. Und das setzt sich dann in unserem Herzen fest.

Annette: Menschen mit Behinderung werden in der öffentlichen Wahrnehmung als "arm dran" angesehen. Wie könnte man das Deiner Meinung nach ändern?

Portrait von Rainer Schmidt

Rainer Schmidt: Ich glaube, dass man Begegnung schaffen muss, einmal direkt, in der Stadt, im Kino, wo auch immer. Nach einer Zeit des miteinander Umgehens vergessen die Leute, dass ich so kurze Arme habe; das verflüchtigt sich. Man kann dann eben manche Sachen nicht, aber das ist bei jedem so.

Die Einstellungen müssen sich ändern. Bei kleinen Kindern geht das ganz schnell. Als ich mit der Gemeindearbeit angefangen habe, übernahm ich die Gottesdienste im Kindergarten. Ich hatte die Befürchtung, dass der erste Gottesdienst bestimmt in die Hose geht, weil die Kinder sicher nur auf meine kurzen Arme achten! Und dann geht nix mehr. Also habe ich mir vor dem ersten Gottesdienst zwei Vormittage genommen, um die Kinder zu besuchen. Wir haben gefrühstückt und gespielt; ich musste alle Fragen beantworten und dann war's gut. Ich war den Kindern vertraut und konnte problemlos Gottesdienst feiern.

Dann gibt es auch mediale Begegnung auf Websiten, im Fernsehen und so weiter. Das ermöglicht denen, die gar keinen Kontakt haben, sich ein Bild zu machen, wie gehe ich jetzt damit um. Bei den Medien gibt es natürlich solche und solche. Guter Journalismus lebt von Authentizität, alles andere ist Unterhaltung und muss bloß spektakulär sein. Das normale Leben mit Behinderung ist aber so wenig spektakulär wie das normale Leben ohne Behinderung auch.

Das Buch habe ich auch deswegen geschrieben, weil ich gemerkt habe, ich kann nicht überallhin fahren und selbst Begegnung schaffen. Mit dem Buch kann zumindest gelesen werden, was ich zu sagen habe.

Annette: Als Sportler siehst Du auch, wie Menschen mit Behinderung im Ausland leben. Wie siehst Du die Situation in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern?

Rainer Schmidt: Es gibt ein paar Länder, wo ich froh bin, dass ich da nicht leben muss. Zum Beispiel war ich zu den Paralympics 2004 in Athen. Diese Stadt ist überhaupt nicht rolligerecht, also sieht man auch keine Rollifahrer im Stadtbild. Ich habe dann erfahren, dass dort noch viele Eltern ihre behinderten Kinder verstecken, obwohl es Schulpflicht gibt, aber das wird da stillschweigend toleriert. Menschen mit Behinderung sind da im öffentlichen Bewusstsein einfach nicht vorhanden.

Da haben wir echt Glück: Hier gibt es Förderschulen, es gibt ein ausdifferenziertes System der finanziellen Unterstützung, freie Bahnfahrten und so weiter. Das ist längst nicht überall in Europa Standard. Auf der anderen Seite sind da die skandinavischen Länder, zum Beispiel Finnland: Da gibt es nur noch integrative Schulen – nicht so wie hier.

Das ist unser pädagogischer Auftrag: Dahin zu kommen, dass Schule so ist, dass keiner aus dem System rausgeschmissen wird. Hier sind die Hilfen als Ausgleich für Benachteiligung gedacht. Besser wäre natürlich, gleich die Benachteiligung abzuschaffen.

Hier sind viele Menschen sehr bemüht; das lerne ich auch bei der Arbeit kennen, aber wir sind noch nicht aus dem System Separation raus. Meiner Meinung nach sollten aber so viele Menschen wie möglich so normal wie möglich leben. Bei dem einen ist das einfacher, beim anderen schwerer, aber es gibt ja auch noch persönliche Assistenz.

Annette: Hat Deine Behinderung etwas mit Deinem Glauben zu tun?

Rainer Schmidt: Ich vermute nein – allein deswegen, weil nicht alle Menschen mit Behinderung religiös sind. Auch ein Unfall bringt einen nicht zwangsweise zum Glauben. Ich denke eher, dass meine Erziehung zu Hause mit Religiosität zu tun hatte. Auch in der Sonderschule war ich der Einzige, der gesagt hätte: "Ich habe einen Glauben." Wenn Du aber glaubst, muss Deine Behinderung da irgendwie reinpassen.

Es gibt ja Geschichten, wo Jesus Menschen heilt. Daran erkennen die Leute in der Bibel, dass Gott zu den Menschen gekommen ist. Da stellt man sich dann die Frage: Warum hat mich Gott so gemacht? Kann er mich auch heilen? Wenn Du religiös bist, muss Dein Menschenbild und Gottesbild zusammenpassen. Wenn Du dann denkst "Gott muss heilen!", kriegst du ein Problem. Warum heilt der mich nicht?

Theologisch unterscheide ich da zwei Begriffe: Heilung und Heil. Heilung wäre, wenn mir jetzt die Arme nachwachsen und ich dann aussehe wie der Standardmensch. Aber ist mein Leben dann heil? So was wünschen sich doch eher die, die Angst vor Krankheit haben, die dann denken, sie wären so nichts mehr wert.

Der Begriff Heil ist leider angekratzt, vor allem durch die Nazizeit. Theologisch meint Heil, dass der Mensch das hat, was er wesentlich zum Leben braucht, nämlich gute Beziehungen zu Gott, zu seinen Mitmenschen und zu sich selbst. Wenn diese Beziehungen okay sind, kommst Du auch mit Deiner Behinderung zurecht.

Gott will nicht, dass alle Menschen geheilt werden, sonst könnte er ja auch machen, dass alle die 100 Meter in zehn Sekunden laufen. (lacht) Gott will einen begrenzten Menschen (das sieht man zum Beispiel an den Geschichten vom Baum der Erkenntnis oder vom Turmbau zu Babel). Und das zu akzeptieren, setzt Dich in eine gute Beziehung zu Dir selber. Akzeptieren – dafür brauchst Du gute Beziehungen zu anderen Menschen, Liebe! Liebe ist so eine wichtige Erfahrung! Da erfährst Du: Der Mensch ist mehr als seine Äußerlichkeiten. Die gehören zwar zu dem Menschen, aber da ist mehr: sein Charakter, seine Seele, seine Identität. Das macht den Menschen aus.

Annette: Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Rainer Schmidt: Hm, das ist mal eine richtig schwere Frage. Eigentlich finde ich, dass es mir gerade richtig gut geht. Aber ich würde gern wieder in einer dauerhaften Beziehung leben und vielleicht auch Vater werden. Vater sein muss ein irres Gefühl sein. Für mich persönlich wünsche ich mir sonst nichts mehr.

Darüber hinaus habe ich eher politische Wünsche: den Weg der Akzeptanz weitergehen; dass es für möglichst viele Menschen Realität wird, als vollwertiger Teil der Gesellschaft zu leben und auch so angesehen zu werden.

Vielen Dank für das tolle Interview!

Nähere Informationen über Rainer Schmidt finden Sie unter: http://www.schmidt-rainer.com

Infos zum Buch:

Buchcover

Autor: Rainer Schmidt
Titel: "Lieber Arm ab als arm dran. Grenzen haben – erfüllt leben."
Verlag: Gütersloher Verlagshaus
ISBN-10: 3579068504 ISBN-13: 978-3579068503
Preis: 12,95 Euro

Infos zum Interview: Das Interview wurde persönlich durchgeführt.

Gastschreiberin: Annette Schwindt

Bilder und Text: Wurden von Frau Annette Schwindt für Projekt Gink-Go! zur Verfügung gestellt.

Das Interview erscheint am 9. Februar 2007.

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