"Stillstand bedeutet Rückschritt."
Seit 1996 setzt sich die "Fachgruppe für Telekommunikation und Büroberufe" für verbesserte Arbeitsbedingungen für blinde und sehbehinderte Menschen ein. In enger Zusammenarbeit mit Hilfsmittelfirmen kümmert sie sich um die technischen Belange ihrer Klienten und bietet in Kooperation mit dem "Berufsbildungs- und Forschungszentrum für Blinde und Sehbehinderte" Fortbildungsseminare an. Helmut Ritter, einer der Mitbegründer der FGTB, berichtet über die aktuelle Arbeitssituation, aber auch von seinen eigenen Erfahrungen als blinder Arbeitnehmer. Was brauchen blinde Menschen, um überhaupt in einem Unternehmen zu arbeiten? Wo sind ihre Stärken und Schwächen? Wie funktioniert die Kommunikation zwischen Unternehmen und dem Klienten? All diese Fragen hat uns Helmut Ritter beantwortet, und wir freuen uns, Ihnen dieses Interview zu präsentieren.
Alexandra Steiner sprach für Projekt Gink-Go! mit Helmut Ritter
Alexandra: Wie kam es zur Gründung der FGTB?
Helmut Ritter: Als um die Mitte der 1990er-Jahre herum immer mehr PC-gesteuerte Telefonanlagen in Betrieben und Behörden Einzug hielten, wurden mehr schlechte als rechte und zudem überteuerte Blindenhilfsmittel mitgeliefert. Diese unerfreuliche Entwicklung veranlasste den sehbehinderten Telefonisten Kurt Feuerstein aus Innsbruck zur Umsetzung eines lange gehegten Wunsches nach einer österreichweit tätigen Selbsthilfegruppe für blinde und sehbehinderte Telefonistinnen und Telefonisten: Am 9.11.1996 gründete er zusammen mit einigen engagierten Leuten die "Fachgruppe Telefonie des Österreichischen Blindenverbandes" und ist nach wie vor Fachgruppenleiter.
Im September 2002 holten wir Blinde und Sehbehinderte, die in anderen Büroberufen tätig sind, mit ins Boot, was eine Namensänderung auf "Fachgruppe für Telekommunikation und Büroberufe" erforderlich machte, damit sich die betreffenden Menschen auch angesprochen fühlen. Zu diesem Schritt entschlossen wir uns aufgrund des Trends weg vom klassischen Telefonisten, hin zum Callcenter-Mitarbeiter, der nicht mehr weiterverbindet, sondern selbst qualifizierte Auskünfte zu erteilen hat. Auch dort kommt oft Software zum Einsatz, die erst nach einer sehbehinderten- bzw. blindengerechten Adaptierung nutzbar ist.
Alexandra: Was sind die Aufgaben der FGTB?
Helmut Ritter: Unsere wichtigsten Aufgaben sind:
Wir nehmen jedoch keine gewerkschaftlichen Aufgaben wahr, sondern stehen Arbeitnehmern wie Arbeitgebern gleichermaßen mit Rat und Tat zur Seite.
Alle Leistungen werden von ehrenamtlich tätigen Kolleginnen und Kollegen unentgeltlich erbracht.
Alexandra: Wer ist Ihre Zielgruppe?
Helmut Ritter: Wir setzen uns für blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen ein, die einen Büroberuf anstreben oder ausüben bzw. einen erlernt, aber noch keine Arbeit gefunden haben. Als Mitglieder sind auch jene herzlich willkommen, die ihr Berufsleben bereits hinter sich haben und uns mit ihren Erfahrungen und Fähigkeiten unterstützen. Außerdem freuen wir uns über jedes neue unterstützende oder fördernde Mitglied.
Alexandra: Wie wird die FGTB finanziert?
Helmut Ritter: Die jährlichen Mitgliedsbeiträge und Zuwendungen des Österreichischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes sind unsere wichtigsten finanziellen Standbeine. Erfreulicherweise finden wir aber auch immer wieder Fachleute, die unentgeltlich Seminare für uns abhalten.
Alexandra: Wie sehen Sie die derzeitige Arbeitssituation für sehbehinderte und blinde Menschen?
Helmut Ritter: Die Arbeitsmarktsituation wird zwar immer schwieriger, dennoch finden blinde und sehbehinderte Personen nach wie vor über kurz oder lang einen Arbeitsplatz und können so ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Leider sind die Dienstverhältnisse in Callcentern von Privatunternehmen, vor allem im Verkaufsbereich, häufig so, dass sich der Arbeitnehmer selbst sozialversichern muss. Die Entlohnung erfolgt zumeist entsprechend dem erzielten Umsatz, was auf den ersten Blick verlockend klingt, aber in der Praxis oft nur ein sehr geringes Einkommen trotz langer Arbeitszeit und hoher Qualifikation bringt.
Alexandra: Wo sehen Sie Handlungsbedarf, um die Arbeitssituation zu verbessern?
Helmut Ritter: Die meisten sehbehinderten und blinden Berufstätigen arbeiten erfolgreich im öffentlichen Dienst, vor allem im Finanzbereich; bei einem Großteil der privatwirtschaftlich geführten Unternehmen hingegen stoßen sie leider noch immer auf Skepsis. Viele Arbeitgeber wissen auch gar nicht, dass die erforderlichen Hilfsmittel aus dem Ausgleichstaxfonds finanziert werden, aus einem Topf, den Betriebe füttern, die nicht bereit oder nicht in der Lage sind, pro 25 Mitarbeiter einen Menschen mit Behinderung einzustellen. Es ist also noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.
Alexandra: Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Arbeitswelt und wie kamen Sie zu diesem Projekt?
Helmut Ritter: Meine Erfahrungen sind überwiegend positiv; bei Vorgesetzten und Informatik-Mitarbeitern konnte ich mir so weit Gehör verschaffen, dass für die Telefonvermittlung relevante Software von mir auf zufriedenstellende Bedienbarkeit für Blinde zu testen ist, bevor sie gekauft wird. So haben die Mitarbeiter weniger Ärger und die Firma spart Geld.
Der FGTB bin ich kurz nach ihrer Gründung beigetreten und habe gleich ein Dutzend Mitglieder aus Vorarlberg mitgebracht, die ich von der Notwendigkeit dieser Selbsthilfegruppe überzeugen konnte.
Alexandra: Welche Aufgaben haben Sie in der FGTB?
Helmut Ritter: Ich bin Landesfachgruppenleiter für Vorarlberg. Daneben bin ich Korrekturleser unserer Schriftstücke sowie der Inhalte der FGTB-Homepage, und ich achte darauf, dass die Richtlinien eingehalten werden.
Alexandra: Arbeitet die FGTB mit anderen Organisationen zusammen? Wie funktioniert die Zusammenarbeit genau?
Helmut Ritter: Wir nutzen jede Gelegenheit der Zusammenarbeit; mit vereinten Kräften kann man mehr bewegen als wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht. Das Highlight der letzten Jahre war im Herbst 2005 eine zweitägige Gemeinschaftsveranstaltung zum Thema "Telefonarbeitsplätze im Wandel der Zeit", die wir zusammen mit der "Fachgruppe Hilfsmittel" des Österreichischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes und dem "Fachausschuss Bildung und Beruf" der Interessengemeinschaft Blickkontakt auf die Beine gestellt haben.
In jüngster Zeit ist das Berufsbildungs- und Forschungszentrum (BBFZ), ebenfalls eine Einrichtung des Österreichischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes, zu einem wichtigen Partner geworden, mit dessen Unterstützung wir interessante Seminare günstig anbieten können.
Wir pflegen auch enge Kontakte mit den Büroberufsausbildungsstätten am Bundes-Blindenerziehungsinstitut in Wien, hauptsächlich mit dem Telekommunikationslehrgang. Im vergangenen Jahr haben wir in einer Mitgliederumfrage erhoben, welche beruflichen Anforderungen an sie gestellt werden, und diese in einem Folder zusammengefasst. Damit kann der Unterricht zeitgemäß gestaltet werden.
Alexandra: Was sind die weiteren Pläne der FGTB?
Helmut Ritter: Wir wollen die Fortbildungsangebote erweitern, denn Stillstand bedeutet bekanntlich Rückschritt. Außerdem sind wir nach wie vor bestrebt, in allen 7 Landesgruppen des Österreichischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes eine Landesfachgruppenleiterin bzw. einen Landesfachgruppenleiter einzusetzen, was uns bisher leider noch nie gelungen ist.
Alexandra: Eine Frage noch zum Schluss, die mich besonders interessiert: Warum sind gerade blinde Menschen besonders gut für den Telefonistenberuf geeignet?
Helmut Ritter: Durch das Fehlen optischer Reize können sie sich besser auf das Gehörte konzentrieren, und die meisten entwickeln ein ausgeprägtes Zahlengedächtnis.
Ich möchte mich für das sehr interessante Interview bedanken und wir wünschen Ihnen für Ihre Pläne viel Erfolg!
Nähere Informationen über die FGTB finden Sie unter: http://www.fgtb.at
Infos zum Interview: Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.
Gesprächspartnerin: Alexandra Steiner
Foto und Logo: Wurden für Projekt Gink-Go! von der FGTB zur Verfügung gestellt.
Das Interview erscheint am 24. April 2007