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Standort: Berichte und Interviews zum Thema Schule und Beruf – Integration Wien

Interviewpartner: Integration Wien

Team von Integration Wien: Helga Reindl, Magistra Waltraud Engl und Magistra Yvonne Vergörer

"Gemeinsam leben – gemeinsam lernen"

Der Elternverein "Gemeinsam leben – gemeinsam lernen – Integration Wien" setzt sich seit Mitte der 80er-Jahre für die Anliegen von Eltern von Kindern mit Behinderung ein. Ziel war und ist es, für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung die Möglichkeit zu schaffen, miteinander aufzuwachsen sowie miteinander und voneinander zu lernen. Der massive Einsatz der Eltern war ein wesentlicher Bestandteil bei der Schaffung von gesetzlichen Rahmenbedingungen für die schulische Integration. Heute gibt es zwar gesetzliche Rahmenbedingungen für die schulische Integration, doch ist dadurch keineswegs die Arbeit von Integration Wien weniger wichtig geworden – ganz im Gegenteil: Fragen der Rahmenbedingungen, der Qualität, der beruflichen Qualifizierung und Integration sowie des Verständnisses von Integration und Inklusion in allen Lebensbereichen etc. benötigen weiterhin ihren vollen Einsatz.

Wir möchten Ihnen die Arbeit und auch die Bestrebungen von Integration Wien und die Bedeutung von schulischer und beruflicher Integration näherbringen.

Alexandra Steiner sprach für Projekt Gink-Go! mit dem Team von Integration Wien: Helga Reindl, Magistra Waltraud Engl und Magistra Yvonne Vergörer.

Alexandra: Integration Wien ist in Wien eine nicht mehr wegzudenkende Institution im Bereich der Behindertenarbeit. Welche Bereiche umfasst Ihre Arbeit? Was sind die Schwerpunkte?

Logo "Integration Wien"

Team Integration Wien: Der Elternverein "Gemeinsam leben – gemeinsam lernen – Integration Wien" arbeitet seit 1986 für die unteilbare Integration von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft – für ein Leben ohne Aussonderung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Behinderung.

Der Verein "Gemeinsam leben – gemeinsam lernen – Integration Wien" ist Träger der Beratungseinrichtung für (vor)schulische Integration sowie des Projekts "Elternnetzwerk Wien" (seit 1. September 2006), ambulanter Wohnbegleitung und einer integrativen Wohngemeinschaft (ohne Betreuung) und bietet pädagogische Assistenz und Freizeitbegleitung an.

Im Rahmen der Beratungseinrichtung für (vor)schulische Integration werden Beratungen primär in den Bereichen Kindergarten und Pflichtschule sowie in Bezug auf Lern- und Freizeitassistenz angeboten. Auch bei übergeordneten Fragen wie z.B. Pflegegeld, Hilfsmittel und erhöhte Familienbeihilfe wird Unterstützung angeboten. Im Bereich Übergang Schule – Beruf wurde vom Bundessozialamt Landesstelle Wien für das von uns eingereichte Projekt "Elternnetzwerk Wien" – Elternnetzwerk und Beratung für Eltern und Angehörige von Jugendlichen mit Behinderungen am Übergang Schule – Beruf eine Vorbereitungsphase bewilligt.

Alexandra: Wie sieht Ihre Beratungstätigkeit aus?

Team Integration Wien: Die Beratungstätigkeit und das Beratungsverständnis von Integration Wien sind sehr umfassend und von einem intensiven Wechselspiel zwischen den unmittelbaren Bedürfnissen der Menschen mit Behinderung, ihren Eltern und Angehörigen und den professionell tätigen Mitarbeiterinnen geprägt.

Wir beraten in Form von persönlichen und telefonischen Beratungen. Persönliche Beratungen erfolgen aufgrund aktueller, akuter, spezifischer sowie komplexer Problemstellungen. Die Anzahl der Beratungen pro Klient und Klientin hängt von der Problemstellung und dem sich daraus ergebenden Prozess ab. Telefonische Beratungen sind in der Regel spezifische Informationsvermittlungen, Abklärungsgespräche oder Beratungen in sowohl kurzfristigen als auch akuten Problem- und Krisensituationen. Die Möglichkeit, uns am Bedarf der Menschen, die sich an uns wenden, zu orientieren, ist für uns ein wesentliches Qualitätskriterium. In Bezug auf die Häufigkeit von telefonischen und persönlichen Beratungen ist in den letzten Jahren eine Verlagerung von abnehmenden persönlichen, hin zu zunehmenden telefonischen Beratungen zu bemerken. Familien von Kindern mit Behinderung und vor allem viele allein erziehende Frauen sind oft sehr intensiv mit der Bewältigung des Alltags beschäftigt und meist froh darüber, wenn Beratung und Informationsvermittlung via Telefon möglich sind. Bei komplexen Fragestellungen dominieren weiterhin persönliche Gespräche. Im Zuge der Vorbereitungsphase zu unserem Projekt "Elternnetzwerk Wien" arbeiten wir derzeit sehr intensiv am Aufbau eines Elternnetzwerks mit dem Ziel, Eltern und Angehörige von Jugendlichen mit Behinderungen am Übergang Schule – Beruf zu unterstützen, zu begleiten und zu mobilisieren sowie den Integrationsprozess von Jugendlichen mit Behinderungen verstärkt zu fördern und einzufordern.

Das Integration-Wien-Team
von links nach rechts:
Karin Wegscheider, Magistra Waltraud Engl, Helga Reindl und Magistra Yvonne Vergörer

Alexandra: Wer ist Ihre Klientel?

Team Integration Wien: Unsere Klientel sind primär Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung sowie Jugendliche mit Behinderung selbst. Weiters beraten wir aber auch Lehrer und Lehrerinnen, Kindergärtner und Kindergärtnerinnen, Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen sowie alle am Thema Integration Interessierten.

Alexandra: Ihr neues Projekt "Elternnetzwerk Wien" beschäftigt sich mit der Integration von Jugendlichen mit Behinderungen im Übergang Schule – Beruf. Wie kam es zur Gründung und was sind die Inhalte dieses Projektes?

Team Integration Wien: Das neue Projekt von Integration Wien "Elternnetzwerk Wien" widmet sich primär dem Aufbau eines Elternnetzwerks zur Unterstützung und Stärkung von Eltern/Angehörigen von Jugendlichen mit Behinderungen sowie der Beratung von Eltern/Angehörigen bzw. der Jugendlichen selbst. Regelmäßige Eltern-/Austauschforen und Informationsveranstaltungen werden begleitend zu unserer Beratungsarbeit angeboten.

Abgeleitet wurde das "Elternnetzwerk Wien" von dem zwischen Mai 2004 und März 2006 österreichweit durchgeführten Projekt von Integration Österreich: "Zwischen 13 und 25 – was tun?" Das bundesweite Projekt konnte leider aufgrund der Insolvenz von IÖ nicht fortgeführt werden. Integration Wien wurde mit September 2006 vom Bundessozialamt Wien mit der Vorbereitungsphase für das "Elternnetzwerk Wien" und mit Jänner 2007 mit der Umsetzung beauftragt.

Das Projekt wurde initiiert, um Eltern und Angehörige sowie Jugendliche im sehr unübersichtlichen und schwierigen Übergang Schule – Beruf zu unterstützen. Es gibt zahlreiche Angebote, viele Informationen und Stellen, und es ist für Eltern und Jugendliche schwierig, einen Überblick zu bekommen bzw. die geeigneten Maßnahmen zu finden, um den nächsten Schritt in Richtung berufliche Integration gehen zu können.

Das Projekt wird vom Bundessozialamt aus Mitteln der Beschäftigungsoffensive gefördert.

Alexandra: Konnten Sie durch Ihre Arbeit Erfolge erzielen?

Team Integration Wien: Es geht meist darum, in konkreten Situationen Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Häufig erschweren Rahmenbedingungen wie Ängste und fehlende Bereitschaft zu Auseinandersetzung das Erarbeiten von zufriedenstellenden Lösungen. In diesen Situationen übernehmen wir auch vermittelnde Funktion. Das Erarbeiten von individuellen Wegen ist nach wie vor von großer Bedeutung, da aufgrund von gekürzten Ressourcen und strengen Erfolgsvorgaben für viele Jugendliche keine geeigneten Angebote gegeben sind.

Wir beraten und begleiten Eltern bzw. ihre Kinder mit Behinderung oft vom Kindergartenalter bis hin zum Übergang Schule – Beruf. Das ist für uns auch ein Beweis dafür, dass unsere Angebote als unterstützend und hilfreich erlebt werden.

Alexandra: Wie wichtig ist die Zusammenarbeit von Organisationen, Arbeitgebern und diversen Schuleinrichtungen? Wie sieht die Kommunikation aus?

Team Integration Wien: Aufgrund der Komplexität und Individualität jeder einzelnen Beratung ist eine positive Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Organisationen, Vereinen, anderen Beratungseinrichtungen, Schuleinrichtungen, Schulbehörden sowie Anbietern von Projekten, Clearingstellen, Arbeitsassistenz etc. unumgänglich. Ein intensiver Austausch sowie Vernetzung sind aus der Beratungsarbeit nicht mehr wegzudenken. Wir werden uns auch in Zukunft verstärkt um mehr Präsenz in der Öffentlichkeit bemühen.

Alexandra: Wie sehen Ihrer Meinung nach die derzeitige Arbeitslage oder Weiterbildungsmöglichkeiten für behinderte Menschen aus?

Team Integration Wien: In den letzten Jahren sind zahlreiche Projekte geschaffen worden, die sich mit beruflicher Orientierung und Qualifizierung beschäftigen. Zunehmend werden Jugendliche bereits im Laufe ihres letzten Schuljahres von Clearing-Anbietern erfasst, um erste Schritte in Richtung berufliche Integration zu setzen. Seit 2003 gibt es die gesetzlich verankerte Möglichkeit einer integrativen Berufsausbildung. Dadurch wurde die Möglichkeit geschaffen, eine Lehrausbildung in Form einer verlängerten Lehrzeit oder in Form einer Teilqualifizierung zu absolvieren. In Wien wurden Lehrgänge dazu geschaffen (primär verlängerte Lehrzeit), nur leider werden die Möglichkeiten der integrativen Berufsausbildung in Firmen und bei Bund und Ländern noch kaum umgesetzt.

Grundsätzlich ist im gesamten Bereich folgende Tendenz zu beobachten: Je "leichter" die Behinderung und je geringer die Einschränkung, umso eher bestehen Chancen auf Qualifizierung und Arbeitsplatz, je ausgeprägter die Einschränkung bzw. Behinderung, umso geringer die Chancen. Da die Arbeitsmarktsituation für Jugendliche im Allgemeinen in Wien sehr schlecht ist, beobachten wir einen "Verdrängungsmechanismus", in dem Jugendliche mit Behinderung zunehmend durch jene Jugendlichen verdrängt werden, die benachteiligt sind und keine Lehrstelle gefunden haben, jedoch nicht als behindert gelten. Quotendruck und veränderte Erfolgskriterien erschweren die Situation.

Ein großes Problem für viele Eltern stellt sich in der Form, dass es kaum Angebote der beruflichen Orientierung und Qualifizierung gibt, die länger als ein Jahr dauern – für viele Jugendliche ein massives Problem. Weitere schulische Förderung – auch in berufsbildenden Schulen – sowie eine intensive Vorbereitung und Orientierung in Bezug auf das Berufsleben sind eine elementare Forderung im Übergang Schule – Beruf. Die Ungleichbehandlung mit Jugendlichen ohne Behinderung liegt dabei auf der Hand, auch wenn für die Jugendlichen ohne Behinderungen viel zu wenig Lehrplätze vorhanden sind.

Alexandra: Hat es sich durch das Behindertengleichstellungsgesetz verbessert oder verschlechtert? Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Team Integration Wien: Nach unserer Erfahrung hat das Behindertengleichstellungsgesetz bis dato noch keine offensichtlichen Änderungen in Bezug auf einzelne Personen bewirkt. Erste Aktivitäten und inhaltliche Auseinandersetzung in Form von Veranstaltungen sind jedoch zu beobachten.

Handlungsbedarf besteht dahingehend, dass berufsbildende Schulen auch für Schüler und Schülerinnen mit Behinderungen geöffnet werden müssen und integrativer Unterricht über die Pflichtschule hinaus durchgeführt werden muss. Es gibt seit Jahren in einigen Bundesländern erfolgreich laufende Schulversuche in berufsbildenden Schulen, die eine positive Umsetzung bestätigen. In Wien läuft derzeit nur ein Schulversuch an einer Fachschule.

Darüber hinaus müssen Ausbildungsplätze für Jugendliche mit Behinderung in der Wirtschaft sowie bei Bund und Ländern geschaffen werden. Bewusstseins-, Informations- und Sensibilisierungstätigkeit muss parallel erfolgen, um Hilfestellungen zu bieten und Ängste abzubauen. Das Eingehen auf individuelle Fähigkeiten und Bedürfnisse soll die Grundlage bei der Arbeit mit Menschen mit Behinderung sein. Dabei ist längerfristige Begleitung unumgänglich.

Alexandra: Mit welchen Organisationen arbeiten Sie zusammen?

Team Integration Wien: Schulen, Schulbehörden, Anbieter von Kursen für Menschen mit und ohne Behinderung, Volkshochschulen, Informations- und Beratungsstellen, "Fonds Soziales Wien", Bildungsministerium, Bundessozialamt, diverse Behinderteneinrichtungen, Projektanbieter im Übergang Schule – Beruf.

Alexandra: Wie wird Ihr Projekt finanziert?

Team Integration Wien: Die Tätigkeiten der "Beratungseinrichtung für (vor)schulische Integration" werden vom "Fonds Soziales Wien" gefördert, die Aufgaben im Rahmen der Vorbereitungsphase für das Projekt "Elternnetzwerk Wien" werden vom Bundessozialamt Wien finanziert. Das Elternnetzwerk ist ein von Sozialstaatssekretär Sigisbert Dolinschek unterstütztes Projekt, finanziert aus Mitteln der Beschäftigungsoffensive der österreichischen Bundesregierung (Behindertenmilliarde) für Menschen mit Behinderungen. Spenden und Mittel aus "Licht ins Dunkel" werden für unsere Assistenzangebote verwendet.

Logo von "Fonds Soziales Wien" Logo von Bundessozialamt Wien

Alexandra: Wie könnte man Ihre Arbeit und somit Ihr Projekt unterstützen?

Team Integration Wien: Durch Spenden und Mitgliedsbeiträge, (ehrenamtliche) Mitarbeit, Weitergabe unserer Angebote an Eltern und Jugendliche mit Behinderung und durch Einschaltungen in diversen Medien.

Alexandra: Was sind Ihre zukünftigen Pläne fürs Projekt? Was würden Sie sich wünschen?

Team Integration Wien: Einreichung um Finanzierung für die Projekte "Freizeitassistenz" und "Pädagogische Assistenz", Qualitätssicherung der Integration behinderter Schüler und Schülerinnen an der Pflichtschule. Bekannt machen des Projektes "Elternnetzwerk", Aufbau von Vernetzungs- und Kooperationsstrukturen mit Eltern, aber auch mit Projektanbietern, Angebot von Eltern- und Austauschrunden und Informationsveranstaltungen. Mitarbeit bei diversen Plattformen und Arbeitsgruppen; Mitarbeit am Aufbau von Hortplätzen für Schüler und Schülerinnen mit Behinderung im außerschulischen Bereich und in den Ferienzeiten.

Unsere Wünsche für die Zukunft sind gleiche Bildungschancen für Jugendliche mit Behinderung, gesetzliche Verankerung von Integration in der Sekundarstufe II, Umsetzung der integrativen Berufsausbildung in Firmen und bei öffentlichen Stellen, ein "pulsierendes" Elternnetzwerk, differenzierte Quoten, Arbeitsplätze für alle Jugendlichen und finanzielle Sicherstellung der Beratungsstelle.

Im Namen von Projekt Gink-Go! bedanke ich mich für das Interview und wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre Arbeit.

Mehr Informationen erhalten Sie unter der Internetadresse: http://www.integrationwien.at

Infos zum Interview: Das Interview wurde per E-Mail durchgeführt.

Logos und Bild: Wurden von "Integration Wien" zur Verfügung gestellt.

Gesprächspartnerin: Alexandra Steiner

Das Interview erscheint am 21. September 2006.

Update: Bei der Frage "Ihr neues Projekt 'Elternnetzwerk Wien' beschäftigt sich mit der Integration von Jugendlichen mit Behinderungen im Übergang Schule – Beruf. Wie kam es zur Gründung und was sind die Inhalte dieses Projektes?" wurde die Antwort auf Wunsch von "Integration Wien" geändert. – Änderung am 2. April 2007.

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