"Eine Ausbildungsstätte für alle"
Mein Name ist Nina Binder und ich hörte vor zwei Jahren das erste Mal von einer Schule, die behinderten Menschen optimale Möglichkeiten für ihre Ausbildung bietet. Ich ging zum Tag der offenen Tür, um diese Schule und das dazugehörende Schülerheim zu besichtigen.
Bald darauf meldete ich mich an – erfolgreich, denn ich wurde aufgenommen und besuche inzwischen das dritte Jahr Handelsschule. Das Internat bietet mir eine gute Wohnmöglichkeit, Gelegenheiten, neue Kontakte zu knüpfen und die Chance, unabhängiger zu sein. So machte ich mir meine Gedanken darüber, wie diese Schule und das Wohnheim entstanden waren. Wie hatte das alles begonnen? Was war ausschlaggebend dafür, dass ich nun diese Schule besuchen kann?
In diesem kurzen Bericht möchte ich Ihnen erzählen, wie die Idee und schließlich das Gebäude selbst entstanden sind. Ich wünsche Ihnen viel Spaß auf der Reise durch die Geschichte – die Geschichte des Schülerheims Juchgasse.
Das heutige Schülerheim der Juchgasse hatte seine Wurzeln bereits im Kriegsinvalidenhaus der Hochheimgasse im 13. Wiener Gemeindebezirk. Dieses wurde am 5. Mai 1910 durch Kaiser Franz Joseph eröffnet. Es blieb lange Zeit erhalten, auch als 1944 ein Bombenhagel rund ums Invalidenhaus fiel; es blieb beinahe unbeschadet. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Verletzungen der Heimgekehrten glücklicherweise nicht so schwer, dass ein Einzug ins Invalidenhaus notwendig gewesen wäre. Übrig blieben also nur die Kämpfer aus dem Ersten Weltkrieg.
1945 wurde die Bundesfachschule für Technik gegründet. Dort wurden Kurse und Fachschullehrgänge angeboten. Weiterhin befanden sich hier Lehrwerkstätten für Metall- und Holzverarbeitung. Diese Idee fand große Freude bei vielen jungen behinderten Menschen, da sie nach einem Ausbildungsplatz suchten, der auf ihre Behinderung abgestimmt war. Es wurden immer mehr Schüler, die auch aus allen Bundesländern Österreichs kamen, und bald schon suchte man nach einer Wohnmöglichkeit für diese jungen Menschen.
Da kam das alte Invalidenhaus gerade recht. Die Bewohneranzahl dieses Hauses war seit dem Zweiten Weltkrieg weiter gesunken und so beschloss man, darin einen Wohnplatz für junge behinderte Schüler zu schaffen.
So wurde also am 12. Februar 1957 offiziell das Schülerheim in der Hochheimgasse eröffnet.

Schülerheim Hochheimgasse im 13. Wiener Gemeindebezirk
Die Anzahl der Jugendlichen in diesem Schülerheim stieg rapide an und die Verwaltung und das Sozialministerium waren schlichtweg überfordert mit den Bedürfnissen der jungen Menschen. Das Zusammenleben der Jugendlichen mit den Bewohnern aus dem Krieg rief bald schon einige Probleme hervor. Da waren einerseits die älteren Kriegsinvaliden, die nicht viel mehr als etwas Ruhe, frische Luft und vielleicht ihre tägliche Ration Tabak benötigten, um glücklich zu sein. Auf der anderen Seite aber die jungen Menschen, die noch am Anfang ihres Lebens standen und die bescheidenen Ansprüche nicht nachvollziehen konnten. Dazu hatten beide Generationen ganz andere Ansichten, was das Leben betraf: die Alten, die den Krieg überstanden und ihre Behinderung bzw. Verletzungen aus dem Krieg erhalten hatten und nun ihren Lebensabend zubrachten, und die Jugend, die gerade erst anfing, richtig zu leben und von denen einige bestimmt schon seit ihrer Geburt beeinträchtigt waren. Sicherlich konnten diese beiden Gruppen nicht viele Anschauungen miteinander teilen, und so kam es wohl auch vermehrt zu Konflikten, wie es meistens ist, wenn zwei so unterschiedliche Generationen aufeinandertreffen.

Blick auf die gemühtliche Liegewiese des Schülerheims Hochheimgasse
Die Lage war also keineswegs gut. Das Schülerheim hatte seinen Standort im 13. Wiener Gemeindebezirk, während die Werkstätten und die Direktion sich in der Geigergasse im 4. Bezirk befanden. Die Höhere Technische Lehranstalt und Handelsschule waren wiederum im 5. Bezirk in der Castelligasse und in der Phorusgasse untergebracht. Dazu kam noch, dass sich die Räume selbst in keinem besonders guten Zustand befanden. Dennoch wurde mit allen Mitteln versucht, den Unterricht so angenehm wie möglich zu gestalten. Das Essen für die Internatsschüler musste extra in die weit entfernte Schule transportiert werden, und auch die Schüler wurden täglich mit einem speziellen Bus zur Schule gebracht.
Es gab jedoch auch positive Entwicklungen. So wurde z.B. zu dieser Zeit auch das Schwimmen eingeführt, welches von da an jeden Mittwoch stattfand. Eine Heimband wurde gegründet und man veranstaltete Theateraufführungen, die die jungen Behinderten selbst einstudierten.

Blick aufs Bubenhaus – erst in der Juchgasse sollten Mädchen und Buben in ein gemeinsames Gebäude kommen.
Doch letztendlich musste man erkennen, dass das alte Gebäude den speziellen Anforderungen der Jugendlichen nicht gerecht werden konnte. Das Internat war in ein Mädchen- und ein Burschenhaus aufgeteilt, wobei sich im Mädchenhaus nicht einmal ein Aufzug befand. Die Rollstuhlfahrerinnen mussten also im Erdgeschoss untergebracht werden. Wenn es für sie doch einmal notwendig war, in ein höher gelegenes Stockwerk zu gelangen, so mussten sie von Hausarbeitern hinaufgetragen werden. Und so war man schnell auf der Suche nach einem neuen Grundstück, jedoch leider vorerst ohne Erfolg. Es war nicht einfach, einen Platz zu finden, der geeignet für dieses spezielle Schülerheim war – ein Schülerheim, welches vielen Jugendlichen aus allen Bundesländern die Möglichkeit bietet, für das weitere Leben zu lernen und einen guten Einstieg in den Beruf zu erhalten. Für wichtig wurde erachtet, dass das Schülerheim einen direkten Anschluss an die Schule hat. Die Räumlichkeiten des Internats sollten gut auf die besonderen Bedürfnisse behinderter Menschen abgestimmt sein. Damit war aber nicht gemeint, es den Jugendlichen zu leicht zu machen, denn sie sollten ja auch fürs spätere Leben lernen. Es ging eben um das Finden des richtigen Mittelmaßes. Neben dem Lernen für die Schule war es ein besonderes Anliegen, dass man in diesem Heim auch Selbstständigkeit, Hilfsbereitschaft und dergleichen lernen kann. Doch das Heim sollte zukünftig nicht nur behinderten Jugendlichen zur Verfügung stehen, sondern auch "nichtbehinderten". Beabsichtigt war eben ein Heim für alle. Auch das Zusammenleben von behinderten mit nichtbehinderten Jugendlichen würde sicherlich eine Herausforderung für beide Seiten darstellen, doch letztendlich ist es doch so, dass beide gleichermaßen voneinander lernen können.
Die Idee war da, aber das Grundstück fehlte. Das größte Problem stellte wohl auch die Lage dieses Grundstückes dar, denn es musste gut erreichbar sein. Also war es bis zur Verwirklichung des Traumes ein langer Weg, und die Zusammenarbeit vieler Menschen war nötig.
Doch letztendlich schaffte man es; man fand ein Grundstück in der Juchgasse. Früher hatte dort die Post ihre Garagen angelegt, doch nun sollte dort die Idee des neuen Schülerheimes endlich greifbar werden.

Schülerheim Juchgasse – seit 1986 bietet dieses Gebäude eine Wohnmöglichkeit für viele Schüler und Schülerinnen aus allen Bundesländern.
Zwischen 1986 und 1987 fand zur Freude vieler fleißiger Menschen, die sich sehr dafür einsetzten, endlich die Grundsteinlegung statt. Und im September 1987 konnten das Schülerheim und die dazugehörige Schule, zusammen mit einer neuen Therapiestation, eröffnet werden.
Von da an konzentrierte sich die Schule noch mehr auf die Ausbildung von Jugendlichen, die Um- und Nachschulungen der Erwachsenen traten in den Hintergrund. So steht dieses Gebäude nun seit 1987, und viele Schüler sind seither dort ein- und ausgegangen. Wollen wir hoffen, dass ihnen noch viele weitere folgen werden, denn letztendlich ist es nicht das Gebäude, sondern es sind die Menschen selbst, die diese Schule zu etwas Besonderem machen.
Anekdoten und Geschichten von ehemaligen Schülern und Erziehern
Fortsetzung folgt ...
Mehr Informationen erhalten Sie unter der Internetadresse: http://heim.szu.at
Quellen: Inhalte des Berichts stammen aus der Zeitschrift "Festschrift der Höheren Technischen Bundeslehranstalt, Bundeshandelsakademie und Bundeshandelsschule, Wien III, Ungargasse 69"
Bilder: Wurden von Frau Schönmitz, pädagogische Betreuerin im Schülerheim, zur Verfügung gestellt.
Berichterstatterin: Nina Binder
Der Bericht erscheint am 20. August 2006.